Gentechnik-Spezial «Deutschland auf einsamem Weg»

Viele Politiker versprechen während des Wahlkampfes das Blaue vom Himmel. Heute startet die news.de-Interviewreihe «Deutschland 2020» mit einem Gespräch mit dem CDU-Forschungspolitiker Michael Kretschmer zum Thema Gentechnik.

Will mehr Technikbegeisterung in Deutschland: Michael Kretschmer. (Foto)
2005 wurde Michael Kretschmer mit damals 29 Jahren zum jüngsten Generalsekretär eines CDU-Landesverbands gewählt. Bild: dpa

Wo sehen Sie Deutschland im Jahr 2020 bei Bildung und Forschung, vielleicht im europäischen Vergleich?

Kretschmer: Ich glaube, dass wir auf einem guten Weg sind, 2020 entweder das Land zu sein, das am meisten für Bildung und Forschung ausgibt, oder ganz vorne in der Spitzengruppe zu sein. Ziel ist es, zehn Prozent des Bruttoinlandsprodukts für Bildung und Forschung auszugeben. Das ist sehr ambitioniert. Ich wünsche mir, dass wir dann sagen können, durch die frühkindliche Bildung und die individuelle Förderung während des Schulalltags schaffen wir es viel besser als jetzt, Jugendlichen, die nicht von Hause aus die Voraussetzungen mitbringen, zu einem guten Abschluss zu verhelfen. Als rohstoffarmes Land kann Deutschland auf kein Talent verzichten.

Wo sehen Sie sich selbst in Ihrer Partei dabei nicht ausreichend gehört?

Kretschmer: Im Vergleich zu 2002, als ich im Bundestag begonnen habe, hat sich die CDU sehr verändert - vor allem, was das Familienbild angeht und die Frage, dass wir für Kinder von drei bis sechs Jahren gute Betreuungsangebote brauchen. Mittlerweile reden wir nicht nur nur von Betreuung, sondern von frühkindlicher Bildung. Das ist bei der CDU mittlerweile fester Bestandteil der Programmatik.

Bei der so genannten grünen Gentechnik liegen Sie aber offenbar ganz und gar nicht auf Parteilinie. Wo sehen sie diese 2020?

Kretschmer: Viele Bedenken, die es heute noch gibt, werden dann hoffentlich durch die Erfahrung, die man sammelt, abgebaut sein. Es wird eine größere Akzeptanz für die Gentechnik geben. Ich glaube, dass gentechnisch veränderte Pflanzen vor allem in Ländern angebaut werden, deren Böden heute zum Beispiel wegen Trockenheit kaum nutzbar sind. Dort könnten trotzdem Lebensmittel angebaut und dabei auf Schädlingsbekämpfungsmittel verzichten werden. Vielleicht wird die Gentechnik auch genutzt, um Rohstoffpflanzen anzubauen, etwa zur Arzneimittelherstellung oder in der Papierindustrie. Ich glaube, dass wir im Jahr 2020 einen wesentlichen entspannteren Umfang mit der Gentechnik haben, weil wir viel mehr wissen über deren tatsächliche Wirkung und Anwendbarkeit.

Können Sie die Befürchtungen von Gentechnik-Gegnern nachvollziehen, etwa von Imkern, deren Bienenvölker verenden, weil die Insekten in Genmaisfeldern auf Pollensuche waren?

Kretschmer: Ich bin Ingenieur, mir geht es nicht um die Frage, was für ein Gefühl vorherrscht, sondern was die wissenschaftlichen Fakten sind. Da gibt es heute viel zu viel Unkenntnis. Und mit fortschreitender Verbreitung des Wissens über die grüne Gentechnik werden auch viele Bedenken nicht mehr so vorhanden sein.

In Ihren Steckbriefen im Internet weisen Sie sich auch als Befürchworter der Stammzellforschung aus. Ist Ihnen da die Union ebenfalls zu restriktiv oder zu christlich?

Kretschmer: Weder noch. Bei der Frage, ob man embryonale Stammzellforschung in Deutschland will oder nicht, gibt es ganz wesentliche Punkte, wo wir sagen, das wollen wir nicht. Wir wollen zum Beispiel keine eigenen Stammzelllinien herstellen - das ist Konsens auch in der deutschen Bevölkerung. Etwas anderes ist es, ob man mit vorhandenen Stammzelllinien arbeitet oder nicht. Im vergangenen Jahr wurde der Stichtag verschoben. Seither dürfen in Deutschland Stammzellen importiert werden, die vor dem 1. Mai 2007 hergestellt wurden. Ich hätte mir vorstellen können, dass man ganz auf den Stichtag verzichten kann. Jetzt haben wir erst mal eine Regelung und wollen schauen, wie diese sich auswirkt.

In welchen Bereichen könnten aus der Stammzellforschung neue Therapiemethoden entstehen?

Kretschmer: Das Feld ist so breit. Man braucht die embryonale Stammzellforschung im Vergleich mit der adulten Stammzellforschung, um zu verstehen, wie der menschliche Organismus funktioniert. Es geht nicht in erster Linie darum, ein neues Organ oder so etwas herzustellen. Wenn wir diese Forschung nicht im eigenen Land haben, dann können wir auch in Bereichen nichts mehr tun, die ursächlich gar nichts mit Stammzellforschung zu tun haben.

Meinen Sie, dass unter einer möglichen schwarz-gelben Koalition nach der Bundestagswahl die Forschung an Stammzellen weiter erleichtert wird?

Kretschmer: Nein, weil das eine sehr indivuelle ethische Frage ist, die in den vergangenen Jahren ausschließlich ohne Fraktionszwang entschieden worden ist. Das halte ich auch für ganz wichtig.

Die Deutschen gelten nicht gerade als technikbegeistert. Wie wollen Sie das ändern?

Kretschmer: Die Deutschen sind ängstlich vor Veränderungen, ängstlich vor Neuem. Das ist in einem Technologieland, wie es Deutschland sein muss, natürlich schwierig. Ich glaube, dass die Deutschen lieber etwas nicht tun würden, als dass sie das Risiko eingehen, einfach mal zu erfahren, ob sich etwas verbessert. Das hat mit Unwissen zu tun. Wer sich nicht auskennt, der bekommt leichter Angst als jemand, der die Zusammenhänge kennt und und damit auch einschätzen kann, ob es ein Risiko gibt oder wie groß dieses ist.
Deshalb geht nichts daran vorbei, den naturwissenschaftlichen Unterricht zu stärken. Es ist ein absoluter Irrweg, dass man in der alten Bundesrepublik, und zum Teil auch in den neuen Ländern, angefangen hat, den naturwissenchaftlichen Unterricht gerade am Gymnasium nicht bis zur Abschlussprüfung zu führen und den Anteil von Chemie, Physik und Biologie am Stundenplan zu reduzieren. Das muss sich ändern. Wir brauchen wieder mehr Naturwissenschaftler und Ingenieure.
Politik hat die Verantwortung, dass sie nicht leichtfertig über Technologien den Stab bricht oder Schwierigkeiten an die Wand malt, weil es populär ist. Das gilt für die grüne Gentechnik, das gilt für die Insulinherstellung, das gilt für die Kernkraft. Der Vergleich mit dem Ausland zeigt ja, dass wir häufig auf einem sehr einsamen Weg sind, weil andere Länder eine ganz andere Einschätzung dieser Technologien haben als wir.

Wo sehen Sie sich selbst im Jahr 2020?

Kretschmer: Weiß ich nicht. Ich hoffe, dass ich bis dahin erfolgreich Forschungspolitik gemacht habe. Ich schließe auch nicht aus, dass ich 2020 nicht mehr dem Deutschen Bundestag angehöre.

Michael Kretschmer, geboren 1975 in Görlitz, ist gelernter Büroinformationselektroniker und Wirtschaftsingenieur (FH). 2005 wurde der Bundestagsabgeordnete zum Generalsekretär der sächsischen CDU gewählt. Seit dieser Zeit ist er auch Obmann der CDU/CSU-Bundestagsfraktion für Bildungs- und Forschungspolitik und Mitglied im Ausschuss für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung.

In der news.de-Interviewreihe «Deutschland 2020» fragen wir Hoffnungsträger der Parteien nach ihren Politikkonzepten und Visionen für das Jahr 2020, mit denen sie heute und vermutlich in der nächsten Legislaturperiode in ihren Parteien noch nicht oder kaum Gehör finden.

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jan/news.de

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Leserkommentare (1) Jetzt Artikel kommentieren
  • Kommentar 1
  • 12.07.2009 16:10

Kretschmer vertritt sowohl familienpolitisch als auch gentechnisch eine extrem unwissenschaftliche Position. Aktuelle Forschungen im Bereich der Neurowissenschaften, Psychologie und Soziologie zeigen, dass es wichtig ist (auch für die spätere Bildung), Kindern ein starkes Familienumfeld zu geben. Frühkindliche Betreuungsangebote reißen Kinder aus den Familien, statt diese zu stärken. In sozial schwachen Familien müssen die Eltern aufgeklärt und gefördert werden. In der Gentechnik nach dem Prinzip erst probieren dann gucken was passiert vorzugehen, ist nicht vertretbar.

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