Karzai und Zardari in Washington Einheit im Chaos

Offensive in Pakistan (Foto)
Die pakistanische Armee hat eine großangelegte Offensive im Swat-Tal begonnen. Die Bevölkerung wurde zur Flucht aufgerufen. Bild: ap

Von news.de-Redakteur Christoph Heinlein
Steht Pakistan vor der Machtübernahme durch die Taliban? Sind die Atomwaffen noch sicher? US-Präsident Obama hat die Staatschefs von Afghanistan und Pakistan zum Gipfel gebeten. Seine Berater fürchten einen Zusammenbruch Pakistans – mit unabsehbaren Folgen.

Wenn US-Präsident Barack Obama heute Afghanistans Präsidenten Hamid Karzai und dessen pakistanischen Amtskollegen Asif Ali Zardari zum Minigipfel empfängt, dann holt er sich damit einen Krisenherd ins Weiße Haus – einen Krisenherd, der zuletzt immer stärker ins Blickfeld der amerikanischen Außenpolitik gerückt ist.

Was in der unruhigen Region zwischen Hindukusch und arabischem Meer passiert, das löst internationale Schockwellen aus, die in Washington für schwere Erschütterungen sorgen. Er sei sehr besorgt über die Lage in Pakistan, über die Schwäche der Zivilregierung in Islamabad, sagte Obama vor kurzem. Militärberater David Kilcullen befürchtet gar den Zusammenbruch des pakistanischen Staates innerhalb der nächsten sechs Monate.

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Tatsächlich klingen die Nachrichten besorgniserregend, die die Weltöffentlichkeit aus Südasien erreichen. In Pakistan dringen die radikalislamischen Taliban immer weiter aus den paschtunischen Stammesgebieten an der Grenze zu Afghanistan ins Kernland vor. Die einstige Urlaubsregion im idyllischen Swat-Tal haben sie inzwischen fest in der Hand – in einem Abkommen gestand ihnen die Regierung unter Präsident Zardari zu, dort eine Scharia-Gesetzgebung einzuführen.

Dafür sollten die Extremisten ihre Waffen niederlegen, was sie allerdings nie taten. Statt dessen setzten sie ihren Vormarsch fort. Bis auf 100 Kilometer hatten sie sich zwischenzeitlich der Hauptstadt Islamabad genähert. Mittlerweile hat die Armee eine Gegenoffensive gestartet, zeitlich passend zum Besuch Zardaris in Washington. Hunderttausende Zivilisten sind in der Swat-Region auf der Flucht.

In den Talibangebieten hat der Zentralstaat faktisch nichts zu melden. In von Islamisten betriebenen Koranschulen werden Kinder und Jugendliche gegen angebliche Feinde des Islam aufgehetzt, und mancherorts auch zu Selbstmordattentätern ausgebildet. Und auch in den großen Städten des Landes, in der Hafenmetropole Karatschi oder in Lahore, erschüttern Terroranschläge die Gesellschaft und bringen die staatliche Ordnung ins Wanken.

Jetzt hat US-Präsident Obama Staatschef Zardari zum Besuch gebeten, und dessen Nachbarn Hamid Karzai aus Kabul gleich mit. Denn Washingtons neue Südasienstrategie begreift beide Länder als Einheit im Chaos. «Afpak» ist die Chiffre für die Problemregion, in der es nach Meinung der Experten nur eine gemeinsame Lösung geben kann – oder gar keine.

Die unübersichtlichen Täler im Grenzgebiet sind zum Rückzugsraum der Aufständischen geworden, die nicht nur in Pakistan den Staat herausfordern, sondern auch die westlichen Truppen in Afghanistan attackieren und auf einen Sturz der Regierung Karzai hinarbeiten. Solange in den pakistanischen Stammesgebieten keine staatliche Autorität für Ruhe sorgt, wird auch der Kampf um Stabilität in Afghanistan erfolglos bleiben. Die Beziehungen zwischen den Nachbarn sind deshalb gespannt. Karzai hat der Regierung in Islamabad schon mehrfach vorgeworfen, das Talibanproblem nicht ernsthaft anzugehen.

Die USA wollen ihr Engagement in der Region deutlich verstärken: Obama hat die Verlegung Tausender zusätzlicher Soldaten nach Afghanistan angekündigt, Pakistan soll in den nächsten fünf Jahren 7,5 Milliarden Dollar für den Aufbau von Schulen, Krankenhäusern und eines Justizsystems in den umkämpften Gebieten bekommen. Der US-Präsident wird seinen pakistanischen Verbündeten aber auch noch einmal drängen, konsequenter gegen die Taliban vorzugehen.

Dass es Zardaris Regierung tatsächlich am Willen fehlt, die Militanten zu besiegen, bezweifelt Christian Wagner, Pakistan-Experte der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin. Die Armee aber gebe vor allem den afghanischen Taliban Freiräume, wenn sie sich nach Pakistan flüchten. «Man sieht die Taliban als mögliche Verbündete im Nachbarland», sagt er. Zudem seien die Generäle noch immer viel stärker auf den Konflikt mit dem Erzfeind Indien fixiert als auf die Auseinandersetzung mit den Islamisten.

Im Wettrüsten mit den Indern hat Pakistan seine Atomwaffen gebaut – die jetzt mehr als alles andere im Zentrum der amerikanischen Aufmerksamkeit stehen. Experten fürchten, dass extremistische Schläfer Zugang zu den Laboren und Depots der Nuklearstreitmacht bekommen könnten. Ist die islamische Bombe sicher? Das ist die Gretchenfrage der US-Strategen. Pakistans Präsident Zardari bestreitet jede Gefahr. Die Atomwaffen befänden sich in sicheren Händen, betonte er kurz vor seiner USA-Reise noch einmal.

In Islamabad wird die Furcht vor einem Zerfall Pakistans als Hysterie abgetan. «Wir haben eine 700.000-Mann-Armee», sagte Zardari in einem CNN-Interview. Wie könnten die Taliban da die Macht übernehmen? Dass sich Obama von dieser Einschätzung beruhigen lässt, ist allerdings eher unwahrscheinlich.

hav/news.de/dpa

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