Unterwegs nach Europa Die vergebliche Suche nach der EU

Junge Europäer feiern den Jahreswechsel. (Foto)
Der Eindruck täuscht: In vielen osteuropäischen Ländern ist die EU-Euphorie erloschen. Bild: dpa

Von news.de-Redakteur Jens Kiffmeier
Acht Länder, acht Teams, kaum Geld: Zwei Wochen lang sind Reporterteams von Radio Mephisto durch Osteuropa getrampt, um dem europäischen Lebensgefühl nachzuspüren. Kein leichtes Unterfangen, wie sich am Ende herausgestellt hat.

Für den Chef endete die Mission mit einer wichtigen Erkenntnis: «Es war schwieriger als gedacht», sagt Felix Hügel, Chefredakteur beim Leipziger Lokalradio Mephisto 97, 6. Zwei Wochen lang hatte er seine halbe Reportercrew durch Osteuropa trampen lassen. Im Gepäck hatten die Anhalter einen klaren Wunsch ihres Vorgesetzten: Macht für unsere Hörer erlebbar, wie die Europäische Union (EU) in den neuen Mitgliedsländern den Alltag und das Denken der Menschen bestimmt. „Aber es ist gar nicht so einfach, ein spezielles europäisches Lebensgefühl herauszufiltern. Die EU ist kaum greifbar“, bilanziert Hügel zum Abschluss des Projekts, das news.de als Medienpartner kontinuierlich begleitet hat.

Vierzehn Tage lang reisten 16 Reporter durch die neuen Mitgliedsländer. Acht Zweierteams durchkämmten das Baltikum, Polen, die Slowakei, Tschechien, Bulgarien, Ungarn, Rumänien und Slowenien auf der Suche nach Menschen und ihren Geschichten. Dabei haben die Tramper vor allem eines aufgespürt: ein großes Desinteresse. «Es ist offenbar die absolute Minderheit, die sich fünf Jahre nach der Erweiterungsrunde für die EU begeistert», weiß Hügel aus den Gesprächen mit seinen Reportern.

Sinnbildlich steht für ihn dabei ein Erlebnis von Lalon Sander und Constanze von Szombathely. Die beiden Reporter begleiteten in Ungarn einen jungen EU-Abgeordneten beim Straßenwahlkampf. EU-Themen hätten in den spontanen Diskussionen keine Rolle gespielt, vielmehr habe der Jungpolitiker versucht, mit innenpolitischen Themen bei den Passanten zu punkten, berichtet Hügel.

Ein Schlag ins Wasser ist das Projekt für den Chef damit aber nicht. Im Gegenteil. Man könne ja journalistisch nur abbilden, was vorhanden sei - oder eben nicht. «Vor diesem Hintergrund würde ich sagen: Ziel trotzdem erfüllt», sagt Hügel und schiebt hinterher: «Es gab ja durchaus auch schöne Reportagen.» So berichteten die Reporter aus Prag über US-Amerikaner, die sich von den Schengen-Regularien der EU aus dem Land vertrieben fühlen, vom Shoppingtourismus an der slowakisch-ukrainischen Grenze oder von einem slowakischen Mann, der den Grenzstrich nach Kroatien lieber vor statt hinter seinem Haus verlaufen sehen würde.

«Das waren schon alles Highlights in der Berichterstattung», sagt Hügel. Das Feedback der Hörer, das laut dem Chefredakteur aus dem In- und Ausland den Sender erreicht habe, sei jedenfalls sehr ermutigend gewesen. «Ich erachte es schon als sinnvoll, ähnliche Projekte auch in Zukunft zu machen», blickt Hügel bereits wieder voraus. Die neuen Mitgliedsländer müsse man zwar jetzt nicht mehr bereisen, aber das Thema Osterweiterung sei noch lange nicht abgeschlossen. Es gebe ja noch viele beitrittswillige Länder. «Und wie sieht es eigentlich dort aus?», fragt sich Hügel. Mit der Antwort will er sich aber noch Zeit lassen. Er beteuert: «Für eine neue Mission gibt es noch keinen Termin.»

Weiterführende Links:

Unterwegs nach Europa: Per Anhalter durch den Osten
Unterwegs nach Europa: Grenzkonflikt und Käsestreit
Unterwegs nach Europa: Ungarns Jugend profitiert nicht von der EU


Aus dem Netz:

Die Reporter berichten auf der Homepage von Radio Mephisto 97,6 über ihre Erlebnisse

mac/news.de

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