Nordkoreas Atomprogramm Chronik der Nichtbeachtung

Nordkorea gegen den Rest der Welt: Keine Warnung, keine Drohung konnte das kommunistische Regime in Pjöngjang von einem weiteren Atomversuch abhalten. Eine Chronik einer Jahrzehnte währenden Tradition «nuklearer Abschreckung».

Kim Jong Il (Foto)
Das Regime von Kim Jong Il hatte im April den Rückzug von den internationalen Verhandlungen über sein Atomwaffenprogramm erklärt. Bild: dpa

90 Kilometer entfernt von der Hauptstadt Pjöngjang wird in den 1960er Jahren das «Atomzentrum» in Yongbyon errichtet, das seitdem das Zentrum nukleartechnischer Entwicklungen des Landes ist.

In den 1980ern beginnt Nordkorea mit der Entwicklung von Nuklearwaffen. Zum Bau einer konventionellen Atombombe sind besonders leicht spaltbare Nuklide erforderlich, in der Regel Plutonium oder hoch angereichertes Uran.

Dazu braucht es passende Trägersysteme, nach denen sich auch die Einteilung in strategische oder taktische Waffen richtet. Wie groß der Wirkungskreis der Kernwaffe ist, hängt also nicht nur von der Sprengkraft, sondern auch von Reichweite und System der Trägerrakete ab. 1985 tritt Nordkorea dem Atomwaffensperrvertrag bei, verstößt aber offenbar von Anfang an gegen das internationale Abkommen.

Seit 1991 werden Beobachter der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) ins Land gelassen. Aus der Untersuchung von Betriebszeiten des Reaktors in Yongbyon Anfang der 1990er Jahre schließen die internationalen Beobachter, dass schon ausreichend Pausen eingelegt worden seien, um Plutonium für mindestens zwei nukleare Sprengköpfe zu separieren.

Auch kernwaffenfähiges Uran soll Nordkorea besitzen - illegal aus Pakistan erworben-, dies bleibt aber bis heute nicht nachweisbar. Zunehmend erhärtet sich der Verdacht, dass Nordkorea sein Kernwaffenprogramm unter der Nase der Inspektoren heimlich immer weiter vorantreibt.

Im Juni 1994 erklärt Nordkorea seinen Austritt aus der IAEA, verpflichtet sich aber im selben Jahr in einem Abkommen mit den USA, sein Atomprogramm zu beenden.

2002 ist der Beginn einer neuen und doch ebenfalls problembehafteten Offenheit: Statt den Schein der Kontrolle weiter zu wahren, wirft Nordkorea die lästigen IAEA-Inspektoren kurzerhand aus dem Land. Das Regime gesteht, das Atomprogramm hinter deren Rücken weiter vorangetrieben zu haben.

2003 tritt Nordkorea aus dem Atomwaffensperrvertrag aus - einmalig in der Geschichte, denn andere Atommächte sind entweder nie beigetreten (Indien, Pakistan) oder haben als permanente Mitglieder im UN-Sicherheitsrat den Status «offizieller Atommächte» (China, Russische Föderation, USA, Frankreich, Großbritannien).

Nach nordkoreanischen Angaben ist die zwischenzeitlich angehäufte Menge an separiertem Plutonium mittlerweile ausreichend für sechs Atombomben. Die ersten «Sechser-Gespräche» zwischen Nordkorea, den USA, China, Südkorea, Japan und Russland enden ergebnislos.

Im Februar 2005 bekennt sich das Regime zum Besitz von Atomwaffen «zur Abschreckung». Nordkorea verpflichtet sich, bis zum September sein Atomprogramm aufzugeben, stellt die Vereinbarung aber kurz darauf wieder in Frage.

Mit Raketentests löst das Land im Juli 2006 scharfe Proteste aus. Im Oktober 2006 folgt der erste unterirdische Nuklearwaffentest, der später durch seismische und radiologische Messungen anderer Staaten bestätigt wird. Die UN verhängt strenge Sanktionen gegen das verarmte und international isolierte Land, doch Nordkorea prahlt mit dem Programm und kündigt an, die angeblich einsatzbereiten Sprengsätze möglichst bald mit Langstreckenraketen kombinieren zu wollen.

2007 stimmt die Regierung in einem weiteren «Sechser-Gespräch» der Schließung seiner nuklearen Anlagen, auch des Atomzentrums in Yongbyon, innerhalb von 60 Tagen zu. Im Gegenzug soll es massive Energie- und Wirtschaftshilfe erhalten. Mit rund drei Monaten Verspätung wird der Reaktor im Juli abgeschaltet.

Im März 2008 werden als Machtdemonstration mehrere Testraketen mit einer eher geringen Reichweite abgeschossen. Das Regime droht, die Stilllegung von Atomanlagen hinauszuzögern. Weil die USA die Diktatur zunächst nicht von der Liste der «Schurkenstaaten» streichen wollen, droht Pjöngjang im September mit der Wiederinbetriebnahme seines Reaktors Yongbyon.

Anfang 2009 kündigt Nordkorea an, ausreichend waffenfähiges Plutonium zu besitzen. Am April startet das Land eine Rakete größerer Reichweite, was unter anderem vom Weltsicherheitsrat aufs Schärfste verurteilt wird. Der Testflug ist zwar ein Reinfall, die ausbaufähige Serie der Langstreckenraketen vom Typ Taepodong-2 kann theoretisch interkontinentale Ziele erreichen und erregt daher noch größere Kreise der Weltgemeinschaft.

Aus Protest gegen die Kritik am Raketenstart boykottiert Nordkorea die «Sechser-Gespräche», erklärt die Zusammenarbeit mit der IAEA für beendet und kündigt neue Raketen- und Atomtests an.

Am 25. Mai 2009 wird nahe der chinesischen Grenze in der Provinz Nord-Hamgyong der 2006 Atomtest unternommen. Aus derselben Region war 2006 schon der erste Test gemeldet worden, belegt durch die hohe seismische Aktivität in einem sonst erdbebenschwachen Gebiet. Nach aktuellen Schätzungen des russischen Verteidigungsministeriums hat der Testsprengsatz eine Stärke von zehn bis 20 Kilotonnen und hat somit eine rund zehn Mal höhere Sprengkraft als der erste Atomwaffentest 2006.

Weiterführende Links:

Nuklearwaffen: Nordkorea rüstet wieder atomar auf
Ausstieg aus Gesprächen: Russland warnt Nordkorea im Atomstreit

bjm/news.de/dpa/ap

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