08.08.2019, 15.28 Uhr

Schüsse in Wächtersbach: Mutmaßlicher Schütze soll mit Schüssen geprahlt haben - Opfer aus Klinik entlassen

Was ging in dem mutmaßlichen Schützen vor, der einen Eritreer in Wächtersbach schwer verletzte? Die Ermittler suchen im Umfeld des 55-Jährigen nach Antworten. Unterdessen wurde das Opfer nach zweieinhalb Wochen aus der Klinik entlassen.

Die Schüsse auf den jungen Eritreer war wohl eine Tat aus Fremdenhass. Bild: picture alliance/Moritz Pappert/OsthessenNews/dpa

Der Bauchschuss auf einen 26-jährigen Eritreer im hessischen Wächtersbach war nach ersten Erkenntnissen rassistisch motiviert. "Wir gehen momentan ganz klar von einem fremdenfeindlichen Motiv aus", sagte ein Sprecher der Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt.

Das Umfeld und die Vergangenheit des mutmaßlichen Schützen würden allerdings nach entsprechenden Kontakten durchleuchtet.Das Opfer sei "aufgrund seiner Hautfarbe" ausgewählt worden. Auch andere Hinweise aus der Durchsuchung der Wohnung des mutmaßlichen Täters erhärteten die Vermutung. Nach dem Schuss auf einen Eritreer im hessischen Wächtersbach geht die Arbeit der Ermittler auch am weiter. Sie konzentriert sich auch auf das Umfeld des mutmaßlichen Täters, der sich selbst erschoss.

Schüsse auf Eritreer in Wächtersbach waren offenbar rassistisch motiviert

Gleichzeitig wandte er sich gegen Spekulationen, dass eine "rechtsextreme oder rechtsnationalistische Gesinnung im Raum steht". "Wir haben nach derzeitigen Ermittlungen keine belastbaren validen Erkenntnisse, dass Kontakte in die rechtsnationale oder rechtsextreme Szene bestanden", sagte der Sprecher. Allerdings stünden die Ermittlungen noch ganz am Anfang. Das Umfeld und die Vergangenheit des mutmaßlichen Schützen würden nach entsprechenden Kontakten durchleuchtet. "Der Verantwortung, die wir da haben, sind wir uns durchaus bewusst."

Schütze suchte sich offenbar gezielt Opfer für rassistische Tat - und prahlte angeblich damit

Der mutmaßliche Schütze habe wohl gezielt nach einem Opfer gesucht. Der 26-Jährige sei offenbar ein Zufallsopfer gewesen. Augenzeugen benachrichtigten die Rettungsdienste und die Polizei. Der 26-Jährige sei nach seinen Informationen nach einer Notoperation außer Lebensgefahr, sagte der Behördensprecher.

Wie die "Bild"-Zeitung schreibt, soll der mutmaßliche Täter nach den Schüssen am Montag noch einmal in seine Stammkneipe gefahren sein und dort über den Angriff gesprochen haben. Eine Zeuge äußert sich in dem Blatt wie folgt: "Er sagte "Ich war eben in Wächtersbach und hab' auf einen Asylanten geschossen", dann trank er zwei Weizen. Wir nahmen ihn nicht ernst." Angeblich soll der Mann laut "Bild" jahrelang über Ausländer geschimpft und gedroht haben.

Ermittler: Täter von Wächtersbach schoss drei Mal

Bei dem Angriff auf einen Eritreer im hessischen Wächtersbach sind nach Angaben der Ermittler drei Schüsse abgefeuert worden. Ein Schuss davon habe den 26-Jährigen getroffen, sagte ein Sprecher der Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt am Mittwoch. Das Opfer war am Montag durch einen Bauchschuss schwer verletzt und in einem Krankenhaus operiert worden. Der mutmaßliche Schütze, ein 55-Jähriger, erschoss sich selbst. Die Ermittler gehen nach bisherigen Erkenntnissen "ganz klar von einem fremdenfeindlichen Motiv aus", eine "rechtsextreme oder rechtsnationalistische Gesinnung" sei aber Spekulation. Die Ermittlungen im Umfeld des mutmaßlichen Schützen dauern an.

Mutmaßlicher Schütze von Wächtersbach begeht Suizid

Der 55 Jahre alte mutmaßliche Schütze tötete sich nach der Tat mit einem Schuss in den Kopf. Bisher sei der Mann nicht polizeiauffällig gewesen, hieß es. Bei dem deutschen Staatsangehörigen seien zwei halbautomatische Waffen gefunden worden. Bei der Durchsuchung der Wohnung wurden ein Abschiedsbrief sowie weitere drei Waffen sichergestellt, eine halbautomatische Pistole und zwei Langwaffen. Alle hätten sich legal im Besitz des Mannes befunden, hieß es. Der 55-Jährige habe eine weitere halbautomatische Waffe kurz vor der Tat verkauft. Der Käufer sei ermittelt und die Waffe sichergestellt, hieß es weiter.

Mutmaßlicher Täter von Wächtersbach soll Sportschütze gewesen sein

Der mutmaßliche Täter von Wächtersbach soll Mitglied eines Schützenvereins gewesen sein. "Die Waffen waren alle legal beim Main-Kinzig-Kreis angemeldet", sagte Manfred Weber, der Bürgermeister von Biebergemünd. Der allein lebende Mann sei seit 2017 in dem Ort im Main-Kinzig-Kreis gemeldet und nicht auffällig gewesen. "Er lebte zurückgezogen", sagte Weber über seine Informationen. Während er am Vereinsleben des Ortes nicht teilnahm, solle er einem Schützenverein in der Umgebung angehört haben.

Die Stadt Wächtersbach hatte am Dienstagabend am Tatort zu einer Mahnwache aufgerufen, zu der rund 400 Menschen kamen. Bürgermeister Andreas Weiher (SPD) appellierte an die Teilnehmer, Verantwortung zu übernehmen. "Wenn sich Angst vor Rassismus Bahn bricht, ist unsere gesamte freiheitliche Grundordnung in Gefahr." Jeder Einzelne sei aufgefordert, für geteilte Werte Überzeugungsarbeit zu leisten. "Nehmt die Signale ernst, nehmt sie wahr." Weiher ging von einem Einzeltäter aus.

Update 08.08.2019:Opfer nach Schüssen in Wächtersbach nicht mehr in Klinik

 

Nach dem rassistisch motivierten Angriff auf einen Eritreer im osthessischen Wächtersbach ist der Mann aus dem Krankenhaus entlassen worden. Das berichtete der Bürgermeister der Stadt im Main-Kinzig-Kreis, Andreas Weiher (SPD), am Donnerstag. Der Genesungsprozess werde aber noch eine Weile dauern. Die Stadt habe dabei geholfen, dass der 26-Jährige psychologische Unterstützung erhalte. Um das Geschehen zu verarbeiten, wolle dieser Wächtersbach verlassen, berichtete Weiher weiter. Zuvor hatten darüber mehrere Medien berichtet.

Ein 55 Jahre alter Deutscher aus einem Nachbarort hatte vor zweieinhalb Wochen den 26-Jährigen mit einem Bauchschuss schwer verletzt und sich danach das Leben genommen. Nach dem Angriff kamen rund 400 Menschen zu einer Mahnwache am Tatort zusammen.

Bürgermeister Weiher hoffte, dass die Stadt nun wieder zur Ruhe kommen und die gesellschaftlichen Gruppen, wie in den vergangenen Jahren auch, friedlich zusammenleben könnten. Durch die Tat sei auch Wächtersbach ein Stück weit zum Opfer geworden. Die Ermittler gehen bei dem 55-Jährigen von einem "frustrierten, isolierten Einzeltäter" aus, der aus fremdenfeindlichen Motiven habe morden wollen.

Politik fordert Vorgehen gegen Rassismus

Annette Widmann-Mauz (CDU), die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, forderte über den Kurznachrichtendienst Twitter ein konsequentes Vorgehen gegen Rassismus und Rechtsextremismus. "Aus Hetze wird Gewalt, aus Hass irgendwann Mord. Das können und dürfen wir nicht hinnehmen!", schrieb sie.

Landrat will klare Kante zeigen

Landrat und Bürgermeister der Kommunen des Main-Kinzig-Kreises, zu dem Wächtersbach gehört, sprachen in einer gemeinsamen Erklärung von einer Attacke "nicht nur gegen einen Einzelnen, sondern willkürlich gegen alles Fremde". Sollte der Täter aus rechtsradikaler Weltanschauung heraus und aus Fremdenhass gehandelt haben, müsse auch beleuchtet werden, ob es "einen Kreis Gleichgesinnter" gegeben habe, der die Tat beförderte, forderten die Politiker. "Hier muss die Gesellschaft als Ganzes mit ihrem Rechtsstaat klare Kante zeigen."

Mehrere hundert Menschen protestieren in Wächtersbach gegen Rassismus

Nach dem Schuss auf einen Eritreer im hessischen Wächtersbach haben am Tatort rund 400 Menschen bei einer Mahnwache gegen Rassismus protestiert. "Hier wurde ein weiteres Mal, sieben Wochen nach dem Mord an Walter Lübcke, aus Gedanken eine Tat, die uns erschüttert", sagte der Bürgermeister von Wächtersbach, Andreas Weiher (SPD), am Dienstagabend. Das Motiv müsse man sehr ernst nehmen. Die Gewalt sei eine "neue Qualität von gelebtem Rassismus".

Der 26-jährige Eritreer war am Montag schwer verletzt worden. Die Ermittler gehen von einem "fremdenfeindlichen Motiv" des mutmaßlichen deutschen Täters aus, der sich kurz danach erschoss. Bei dem Mord an dem Kasseler Regierungspräsidenten Lübcke gehen die Ermittler von einem rechtsextremen Hintergrund aus.

Landrat Thorsten Stolz (SPD) bezeichnete die Mahnwache als "ein starkes Zeichen für Frieden, Freiheit, Demokratie und auch für Rechtsstaatlichkeit". Er appellierte an die Verantwortung jedes einzelnen, gegen Gleichgültigkeit einzutreten.

Während der Mahnwache hielten Teilnehmer Transparente hoch mit den Aufschriften "Geschlossen gegen Ausgrenzung" und "Kein Platz für Rassismus".

Regierung spricht nach Schüssen auf Eritreer von "abscheulicher Tat"

Die Bundesregierung hat die mutmaßlich rassistisch motivierten Schüsse auf einen Eritreer im hessischen Wächtersbach verurteilt. "Die Bundesregierung ist bestürzt über diese Tat und verurteilt sie auf das Schärfste", sagte die stellvertretende Regierungssprecherin Ulrike Demmer am Mittwoch in Berlin. Es handele sich um eine "abscheuliche Tat", die nicht hingenommen werden dürfe.

Das Opfer war am Montag durch einen Bauchschuss schwer verletzt und in einem Krankenhaus operiert worden. Der mutmaßliche Schütze, ein 55 Jahre alter Deutscher, erschoss sich selbst. Die Ermittler gehen nach bisherigen Erkenntnissen "ganz klar von einem fremdenfeindlichen Motiv aus", eine "rechtsextreme oder rechtsnationalistische Gesinnung" sei aber Spekulation. Die Ermittlungen im Umfeld des mutmaßlichen Schützen dauern an.

Der Kampf gegen rechtsextremistische Straf- und Gewalttaten sei ein Kernanliegen der Regierung. Man nehme diese Gefahr sehr ernst. "Die Sicherheitsbehörden arbeiten mit ganzer Kraft daran, dass alle Menschen in Deutschland in Sicherheit leben können", sagte Demmer.

Schützenverein bestürzt wegen Schüssen auf Eritreer in Wächtersbach

Nach den mutmaßlich rassistisch motivierten Schüssen auf einen Eritreer im hessischen Wächtersbach hat sich der Schützenverein, in dem der Tatverdächtige Mitglied war, erschüttert über die Tat gezeigt. "Wir sind erschrocken und total überrascht. Damit war nicht zu rechnen", sagte Hans-Georg Jost, Vorsitzender des Schützenvereins Neudorf 61, am Mittwoch der Deutschen Presse-Agentur. Der 55-jährige Deutsche, der am Montag mutmaßlich auf einen Eritreer feuerte, ihn schwer verletzte und sich später selbst erschoss, sei im Verein nicht negativ aufgefallen: "Er hat sich immer korrekt, freundlich und vorbildlich verhalten. Er war lebenslustig und gesellig."

Die Ermittler vermuten hinter der Tat vom Montag ein fremdenfeindliches Motiv. Der Täter soll sein Opfer aufgrund dessen Hautfarbe ausgesucht haben. "Zu seiner Gesinnung kann ich nichts Negatives sagen. Er hat sich politisch nie verdächtig geäußert", sagte Jost über den 55-Jährigen aus dem benachbarten Biebergemünd, der seit 2001 Vereinsmitglied war. Er sei ein guter Sportschütze gewesen, habe Urkunden und Pokale gewonnen. Doch in jüngster Zeit habe er die Lust am Schießsport verloren. Er sei nur noch selten gekommen. "Er wollte aufhören und seine Waffen verkaufen", sagte Jost.

Er betonte, unter den 200 Mitgliedern des Vereins habe es keine fremdenfeindlichen Äußerungen gegeben: "Wir sind alles Schützenbrüder - da sind auch Ausländer dabei. Diskriminierungen gibt es da nicht."

luj/loc/news.de/dpa

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