22.07.2019, 14.46 Uhr

Mord in Russland: Schwestern (17, 18 und 19) ermorden Vater mit 36 Messerstichen!

Mord oder Notwehr? Drei Schwestern stehen in Russland vor Gericht, weil sie ihren Vater nach jahrelangem Martyrium getötet haben. Viele solidarisieren sich mit den jungen Frauen. Lässt das russische System Opfer häuslicher Gewalt alleine?

Ein Vater misshandelte jahrelang seine Töchter. Ihre blutige Rache brachte sie jetzt in Russland vor Gericht. Bild: AdobeStock/ Guitafotostudio

36 Messerstiche in die Brust: Drei junge Frauen töteten im vergangenen Sommer in Russland ihren Vater. Das bestreitet keine von ihnen. Doch der Fall ist damit nicht gelöst. Was vor genau einem Jahr in einem Wohnhaus am Stadtrand von Moskau geschah, darüber spricht zur Zeit fast das ganze Land. Nun jährt sich die verhängnisvolle Tat zum ersten Mal, und in vielen Städten gehen die Menschen für die jungen Frauen aus Solidarität auf die Straße. Warum?

Heimtücke oder Verzweiflungstat?

Maria, Angelina und Kristina - kaum volljährig - sitzen hinter Gitterstäben in einem Moskauer Gerichtssaal. Zum Zeitpunkt der Tat waren sie 17, 18 und 19 Jahre alt. Bei den Anhörungen bleiben sie stumm, fast schüchtern. Brutal erstochen, alles war als Verschwörung geplant, wirft ihnen die Anklage vor. Es war eine Verzweiflungstat, Notwehr, sie hatten keinen anderen Ausweg, argumentiert die Verteidigung. Dutzende Male stachen sie auf ihren Vater Michail ein, als er im Fernsehsessel schlief. Sollten die drei jungen Frauen als Mörderinnen verurteilt werden, drohen ihnen bis zu 20 Jahre Haft. Der Prozess soll im August in Moskau beginnen.

Schwestern jahrelang vom Vater misshandelt

Jahrelang erlebten die drei Schwestern ein schreckliches Martyrium. Der Vater hat sie geschlagen, eingesperrt und sexuell missbraucht. "Ich hatte Angst. Mir blieb aber nichts anderes übrig, als mich zu unterwerfen", sagte Angelina bei einer Vernehmung russischen Medien zufolge. Ansonsten hätte der 57-Jährige sie und ihre Schwestern umgebracht, ist sie sich sicher.

In einem Plattenbau im Moskauer Norden lebten sie wie Sklavinnen. Wenn die Wohnung nicht sauber genug war, sprühte er ihnen Pfefferspray in das Gesicht oder griff zu noch härteren Bestrafungen: Als sich Kristina einmal weigerte seinen Befehlen zu folgen, ging er mit ihr in den Wald, band sie an einen Baum und verletzte sie mit einem Messer. Die Mutter vertrieb er vor Jahren. Sie waren jahrelang seinen Machenschaften ausgesetzt, bestätigen auch die russischen Ermittler.

Ordnungsstrafe für Täter häuslicher Gewalt in Russland

Häusliche Gewalt wird in Russland eher als eine kleine, nicht ernst zunehmende Auseinandersetzung zwischen der Familie angesehen. Laut einem umstrittenen Gesetz aus dem Jahr 2017 werden die Täter eher verschont. Wer seine Frau oder andere Familienangehörige verprügelt muss lediglich mit einer Ordnungsstrafe rechnen. Eine härtere Strafe droht erst dann, wenn die Misshandlungen mehr als einmal pro Jahr stattfinden, sich Blutergüsse oder Knochenbrüche zeigen. Die Familie solle nicht wegen eines "Klapses" auseinandergerissen werden, argumentierte die Abgeordnete Jelena Misulina damals, die das Gesetz vorantrieb.

Häusliche Gewalt bleibt Familienangelegenheit in Russland

"Unser System will das Problem der häuslichen Gewalt leider nicht anerkennen", sagt die Juristin Anna Riwina, die eine Anlaufstelle für Betroffene häuslicher Gewalt in Moskau leitet. "Für viele ist das lediglich eine "Familienangelegenheit", in die man sich nicht einmischt." Diese Ohnmacht führe dazu, dass viele Betroffene nicht um Hilfe bitten, weder bei Nachbarn noch bei den Behörden. Laut einer Nichtregierungsorganisation beläuft sich die Dunkelziffer der unentdeckten Misshandlungsfälle auf etwa 90 Prozent. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) forderte Russland im Juli diesen Jahres dazu auf, Opfer von häuslicher Gewalt besser zu schützen.

Protest für eine Gesetzesänderung

Russische Menschenrechtler hoffen, dass der Fall der drei Schwestern etwas bewegen könnte. Die landesweite Aufmerksamkeit soll zu einer Änderung des umstrittenen Gesetzes führen. "Wir fordern Gerechtigkeit für die Frauen, die gezwungen sind, sich zu verteidigen", rufen die Organisatoren eines Protestzuges auf. In Moskau ist am kommenden Samstag (27. Juli), dem Jahrestag der Tat, eine riesige Protestaktion geplant. Die Schwestern haben sich verteidigt und sich selbst aus diesem schlimmen Schicksal befreit. Dafür nehmen sie auch eine lange Gefängnisstrafe in Kauf.

bos/fka/news.de/dpa

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