11.09.2019, 13.42 Uhr

Prozess nach Sportwagen-Unfall in Stuttgart: 20-jähriger Raser nach Horror-Crash wegen Mordes angeklagt

"Das ging ruckzuck." Eine Zeugenaussage, wenige Worte, die die Momente des tödlichen Unfalls beschreiben. Mitten in Stuttgart soll ein Raser den Crash mit zwei Toten verursacht haben. Nun muss ein Gericht klären, ob es Mord war.

Bei einem Unfall mit einem Sportwagen sind in Stuttgart zwei Menschen gestorben - der Unfallfahrer muss sich jetzt vor Gericht wegen Mordes verantworten. Bild: Marijan Murat / picture alliance / dpa

Zwei junge Menschen sind in Stuttgart in ihrem Auto von einem Sportwagen gerammt und dabei tödlich verletzt worden. Zuvor hatte der 20 Jahre alte Fahrer des 550 PS starken Mietautos die Kontrolle über seinen Wagen verloren - möglicherweise auch, weil er zu schnell unterwegs war. Jetzt, ein halbes Jahr nach dem Todescrash, wurde in Stuttgart der Prozess gegen den 20-Jährigen eröffnet, die Anklage lautet auf Mord.

Todes-Raser von Stuttgart wegen Mordes vor Gericht

Was geht vor in einem jungen Menschen, der sich einen PS-starken Sportwagen mietet und durch die Straßen von Stuttgart rast? Der seinen Motor immer wieder aufheulen und die Tachonadel ausschlagen lässt, das Auto dann nicht mehr kontrollieren kann und einen fatalen Crash verursacht? War er sich bewusst, dass er eine tödliche Gefahr darstellte?

Ein halbes Jahr nach einem Unfall mit zwei Toten sitzt ein 20 Jahre alter Mann auf der Anklagebank des Landgerichts - wegen Mordes. Im "Geschwindigkeitsrausch" sei der junge Mann mit seinem Jaguar F-Type Coupe durch Stuttgart und über die Autobahn gefahren, stundenlang - so schildert es die Staatsanwältin zu Beginn des Prozesses vor der Jugendkammer des am Mittwoch.

20-Jähriger heizt mit geliehenem Sportwagen durch Stuttgart - 2 Menschen sterben

Den geliehenen Boliden habe er an seine Grenzen bringen und seinen Freunden imponieren wollen. Das Schicksal anderer? "Das war ihm völlig gleichgültig", sagt die Anklagevertreterin. Nur vom Zufall sei abhängig gewesen, ob es zum Zusammenstoß kommen würde.

Es ist die erste Anklage dieser Art nach einem Raser-Unfall in Baden-Württemberg. Einen Präzedenzfall gibt es: Anfang März hatte der Bundesgerichtshof (BGH) in Karlsruhe erstmals ein Mordurteil gegen einen rücksichtslosen Raser bestätigt. Der Mann hatte 2017 in Hamburg mit einem gestohlenen Taxi einen Menschen getötet und zwei schwer verletzt. Eine rote Linie für eine Mordverurteilung in Raserfällen legten die Karlsruher Richter jedoch nicht fest: "Maßgeblich sind jeweils die Umstände des Einzelfalls", urteilten die Bundesrichter.

So wurde das deutschlandweit erste Mordurteil im Februar 2017 vom BGH kassiert. Die Richter sahen den bedingten Tötungsvorsatz bei den beiden Angeklagten nach einem tödlichen Autorennen in der Berliner Innenstadt nicht ausreichend belegt. Im neu aufgerollten Prozess wurden die Männer im März dann erneut wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt. Diese Entscheidung ist allerdings noch nicht rechtskräftig.

So rekonstruierten die Ermittler den Todes-Crash von Stuttgart im März 2019

Bei der Stuttgarter Tempofahrt an einem Abend im vergangenen März verliert der junge Deutsche laut Anklage die Kontrolle über seinen Jaguar. Nach einem Gutachten rast er kurz vor dem Crash mit seinem PS-starken Auto bei Tempo 160 bis 165 auf eine Kreuzung in der Innenstadt zu, er drückt das Gaspedal voll durch und kann kaum noch ausweichen, als ein anderes Fahrzeug auf die Straße einbiegt.

Mit einer Geschwindigkeit von rund 100 bis 110 Stundenkilometern rammt der 20-Jährige einen stehenden Kleinwagen am Straßenrand. Dessen 25 Jahre alter Fahrer und seine 22 Jahre alte Beifahrerin sterben, der Jaguar-Fahrer und sein Beifahrer bleiben unverletzt. Die beiden Opfer waren erst kurz vorher aus Nordrhein-Westfalen nach Stuttgart gezogen.

Staatsanwaltschaft klagt Raser (20) wegen Mordes an

Mord wirft die Staatsanwaltschaft dem 20-Jährigen vor. "Keineswegs", sagt dagegen der Verteidiger des jungen Unfallfahrers. Der Zusammenstoß sei unfassbar tragisch gewesen. Sein Mandant trage schwer an seiner Verantwortung, er sei zudem nicht vorbelastet gewesen. "Den Vorwurf eines Mordes weisen wir daher entschieden zurück."

Auf einem Tisch im Gerichtssaal haben Eltern eines Opfers zu Prozessbeginn einen Bilderrahmen aufgestellt. Mit den Fotos der gestorbenen Tochter wollen sie an ihr Kind erinnern. Die Mütter der beiden Getöteten weinen beim Verlesen der detaillierten Anklage, sie schütteln den Kopf bei den Aussagen des Beifahrers aus der Unfallnacht. "Das war eine Sache von 30 Sekunden", erinnert sich der 19-Jährige an die Momente des Zusammenstoßes. "Das ging ruckzuck."

Sportwagen-Raser rammt Kleinwagen - 2 Menschen tot

Für den 25-jährigen Mann und seine 22 Jahre alte Beifahrerin in dem Kleinwagen kam nach dem Unfall Anfang März 2019 jede Hilfe zu spät. Die beiden Unfallopfer starben noch am Unfallort in der Rosensteinstraße in Stuttgart. Der Fahrer des Sportwagens und sein 18 Jahre alter Beifahrer blieben unverletzt.

Verdacht auf fahrlässige Tötung: Unfallfahrer in U-Haft

Der mutmaßliche Unfallverursacher sollte zunächst wegen fahrlässiger Tötung angeklagt werden, wie ein Sprecher der Stuttgarter Staatsanwaltschaft mitteilte. Kurz nach der Unfallfahrt saß der 20-Jährige bereits in Untersuchungshaft und war dem Haftrichter vorgeführt worden. Nach ersten Erkenntnissen der Polizei stand der Mann nicht unter dem Einfluss von Alkohol oder Drogen.

20-Jähriger verursacht mit gemietetem Sportwagen tödlichen Verkehrsunfall

Der Sportwagen einer Mietwagenfirma war in der Nähe eines großen Kinos ins Schleudern gekommen, auf die Gegenspur geraten und schließlich seitlich in den Kleinwagen gekracht. Das Auto, das in einer Parkplatzausfahrt stand, wurde erst gegen einen Baum und anschließend in das Außenmobiliar und die Scheiben eines Cafés geschleudert. Das Café war zum Unfallzeitpunkt eine halbe Stunde vor Mitternacht noch geöffnet, die Gäste und Mitarbeiter blieben unverletzt.

Ermittlungen zur Unfallursache dauern an

Ob der junge Mann mit dem gemieteten Sportwagen zu schnell unterwegs war, sollte ein Gutachter feststellen. Außerdem wurde ermittelt, ob der 20-Jährige zur sogenannten Poser-Szene gehören könnte. Mit dem Begriff "Poser" bezeichnen Behörden Autobesitzer, die mit aufheulenden Motoren an belebten Plätzen vorbeifahren, um mit ihren aufgemotzten Wagen zu protzen.

Auch lesenswert: unfall Lastwagen schleudert über A4 - Stundenlanges Chaos auf Autobahn

Folgen Sie News.de schon bei Facebook und YouTube? Hier finden Sie brandheiße News, aktuelle Videos, tolle Gewinnspiele und den direkten Draht zur Redaktion.

loc/news.de/dpa

Empfehlungen für den news.de-Leser