27.02.2019, 20.29 Uhr

Todesfälle durch Luftschadstoffe: Erschreckende Prognose! Jährlich über 40.000 Feinstaub-Tote in Deutschland?

Eine Studie nennt neue Zahlen zu Todesfällen durch Luftschadstoffe. Zuletzt standen solche Berechnungen in der Kritik. Was ist also dran an solchen Angaben?

Laut einer aktuellen Studie sterben in Deutschland jährlich bis zu 43.000 Menschen an Luftschadstoffen. Bild: Franziska Kraufmann/dpa

Eine neue Studie könnte die Debatte um Luftschadstoffe imStraßenverkehr erneut anheizen. Feinstaub und Ozon in Deutschland verursachten pro Jahr etwa 43.000 vorzeitige Todesfälle, schreibt die Umweltforschungsorganisation International Council on Clean Transportation (ICCT). 13.000 davon seien auf den Verkehr zurückzuführen, teilte der ICCT am Mittwoch mit.

Feinstaub in Deutschland: Forscher rechnen mit rund 43.000 Toten pro Jahr

Das entspreche rund 17 vorzeitigen Todesfällen pro 100.000 Einwohner. Die Zahl liege etwa 50 Prozent über dem EU-Durchschnitt. Andere Studien kamen in der Vergangenheit allerdings zu deutlich höheren Zahlen. Umweltschützer fordern schon lange schärfere EU-Grenzwerte für Feinstaub der Größe PM 2,5. Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt 10 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft im Jahresmittel, in der EU gelten 25.

Weltweit sterben jährlich fast 3,5 Millionen Menschen an Luftschadstoffen

Weltweit sterben dem ICCT-Bericht zufolge jährlich rund 3,4 Millionen Menschen an Luftschadstoffen - und zwar durch Schlaganfall, Herz- und Lungenkrankheiten sowie Diabetes. Feinstaub und Ozon aus dem Verkehrsbereich seien im Jahr 2015 Ursache von 385000 dieser Todesfälle gewesen. Feinstaub entsteht auch durch die Landwirtschaft, durch Kraftwerke, Fabriken und Heizungen. Bei Feinstaub aus dem Verkehr spielen neben dem Verbrennungsprozess in Motoren auch der Reifenabrieb oder aufgewirbelter Staub eine Rolle.

Umweltforschungsorganisation ICCT deckte Diesel-Skandal auf

Der ICCT mit Sitz in Wilmington (USA) forscht zur Fahrzeugtechnik und ihren Auswirkungen auf die Umwelt. 2015 hatte er die Aufdeckung des Skandals um manipulierte Diesel bei Volkswagen ins Rollen gebracht. Für die aktuelle Studie hatte der ICCT zusammen mit Forschern der privaten George Washington Universität und der Universität von Colorado in Boulder Feinstaub der Größe PM 2,5 und Ozon betrachtet.

Deutsche Forscher rechnen mit bis zu 120.000 Toten pro Jahr

Die ICCT-Zahl der frühzeitigen Todesfälle durch Feinstaub und Ozon für Deutschland von 43.000 liegt deutlich unter Berechnungen des Mainzer Max-Planck-Instituts für Chemie: Demnach kommen jährlich sogar rund 120.000 Menschen pro Jahr allein wegen Feinstaub vorzeitig ums Leben. Dieser stamme zu 45 Prozent aus der Landwirtschaft. Die EU-Umweltbehörde EEA kommt für 2014 auf 66 000 vorzeitige Todesfälle durch Feinstaub, das Umweltbundesamt für 2015 auf 41 000. Als exakter als die Zahl der vorzeitigen Todesfälle gilt in der Forschung die Zahl der verlorenen Lebensjahre durch einen Risikofaktor. Dazu gab es unter anderem in der ICCT-Studie aber keine Zahlen für Deutschland. Doch was steckt hinter den Unterschieden bei den Todesfällen? 

Lungenfacharzt veröffentlicht falsche Zahlen zu Diesel-Toten

Solche Berechnungen wurden vor allem in der Debatte um Stickoxide und Fahrverbote in Städten zuletzt immer wieder kritisiert. Unter anderem hatte der Lungenfacharzt Dieter Köhler solche epidemiologischen Studien recht pauschal angegriffen. Zuletzt hatte der Mathematiker Peter Morfeld in der ARD-Sendung "Plusminus" die Berechnungsgrundlage des Umweltbundesamtes in einer ähnlichen Studie kritisiert. Das Umweltbundesamt (UBA) hatte die Kritik nach einer Prüfung zurückgewiesen - seine Ergebnisse zu Stickoxiden, die vom Helmholtz Zentrum München vorgelegt worden waren, besäßen nach wie vor ihre Gültigkeit.

Unterschiedliche Modelle führen zu unterschiedlichen Werten

Susanne Breitner vom Institut für Epidemiologie am Helmholtz Zentrum München hat eine Erklärung für die unterschiedlichen Werte: So werde etwa bei der Schadstoffbelastung auf unterschiedliche Modellierungen zurückgegriffen. "Auch die Risikoabschätzung kann unterschiedlich ausfallen, je nachdem auf welche epidemiologischen Studien man sich bezieht", sagt sie. "Das Vorgehen bei den Berechnungen ist immer das gleiche."

Umweltbundesamt spricht von "Schätzungen"

Ein zentraler Baustein ist laut Umweltbundesamt eine mathematische Formel zur Berechnung der sogenannten "Population Attributable Fraction" (PAF). Mit der Formel wird ein Wert ermittelt, der angibt, wie groß der Anteil von Todesfällen ist, der auf einen Risikofaktor zurückgeführt werden kann, heißt es beim Umweltbundesamt.

Letztlich handelt es sich dabei um eine statistische Abschätzung, stellt das Umweltbundesamt klar. "Die so ermittelten Zahlen sind als Indikatoren für den Gesundheitszustand der Gesamtbevölkerung zu sehen", heißt es auf der Webseite. Es handele sich dabei keinesfalls um klinisch identifizierbare Todesfälle, die auf einen bestimmten Luftschadstoff zurückgeführt werden können.

ICCT-Geschäftsführer: Stickoxide dürfen nicht unterschätzt werden

Die ICCT-Forscher stützen sich unter anderem auf einen großen Pool aus Daten von Satelliten und Messstationen weltweit und der Abschätzung der Gesundheitsfolgen des Projekts Global Burden Disease. Feinstaub und Ozon seien die wichtigsten Schadstoffe aus dem Verkehrsbereich, teilte der Geschäftsführer des ICCT-Europa, Peter Mock, mit. "Stickoxid-Emissionen gehören auch mit dazu, deren direkte Gesundheitswirkung kann jedoch unserer Einschätzung nach mit den aktuellen Modellen noch nicht ausreichend gut quantifiziert werden." Stickoxid sei jedoch eine Vorläufersubstanz von Feinstaub und Ozon und damit indirekt mit berücksichtigt.

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jat/news.de/dpa

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