Missbrauchsstudie der Bischofskonferenz: Tausende missbrauchte Kinder - Kardinal Marx bittet um Entschuldigung

Über Jahrzehnte vergingen sich katholische Priester an meist männlichen Minderjährigen. Heute stellt die Bischofskonferenz endlich ihre lange erwartete Studie zum sexuellen Missbrauch in der Kirche vor. Die Ergebnisse sind erschreckend!

Katholische Priester missbrauchten über Jahrzenhte Minderjärige. Bild: pa picture alliance (Symbolbild)

Am Dienstag wurde die lange erwartete Studie zum Ausmaß des sexuellen Missbrauchs in der katholischen Kirche vorgestellt. Auf der Herbsttagung der Deutschen Bischofskonferenz in Fulda wollten sich Vertreter der Deutschen Bischofskonferenz und an der Untersuchung beteiligte Wissenschaftler zu der Missbrauchsstudie äußern.

Kardinal Marx bittet um Entschuldigung fürs Wegschauen und Vertuschen

Der Vorsitzende der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, Reinhard Marx, hat die Opfer des massenhaften sexuellen Missbrauchs unter dem Dach der Kirche in aller Form um Entschuldigung gebeten. "Allzulange ist in der Kirche Missbrauch geleugnet, weggeschaut und vertuscht worden. Für dieses Versagen und für allen Schmerz bitte ich um Entschuldigung", erklärte Marx.

Marx fügte an: "Ich schäme mich für das Vertrauen, das zerstört wurde; für die Verbrechen, die Menschen durch Amtspersonen der Kirche angetan wurden; und ich empfinde Scham für das Wegschauen von vielen, die nicht wahrhaben wollten, was geschehen ist und die sich nicht um die Opfer gesorgt haben." Das gelte auch für ihn selbst. "Wir haben den Opfern nicht zugehört. All das darf nicht folgenlos bleiben." Er konstatierte: "Viele Menschen glauben uns nicht mehr. Und ich habe dafür Verständnis."

Tausende Kinder sexuell missbraucht

Die wichtigsten Ergebnisse waren bereits im Vorfeld bekannt geworden. Demnach sollen zwischen 1946 und 2014 insgesamt mindestens 1670 katholische Kleriker 3677 Kinder sexuell missbraucht haben. Vor allem männliche Minderjährige zählen zu den Opfern. Marx erklärte dazu: "Die Auseinandersetzung mit den Ereignissen und den Konsequenzen ist damit nicht abgeschlossen, sondern beginnt jetzt."

Kritiker bemängeln allerdings, das tatsächliche Ausmaß des Missbrauchs in der Kirche sei in der Studie nicht annähernd abgebildet. Es fehlten Aussagen von Opfern, auch habe es keine Zeugenvernehmungen gegeben, teils seien Akten sogar im Vorfeld der Untersuchung vernichtet worden. Zudem seien die zahlreichen Ordensgemeinschaften für die Studie nicht auf Missbrauchsfälle untersucht worden.

Vorwurf: Kirche deckt pädophile Priester

Der Kriminologe Christian Pfeiffer wirft den deutschen Bischöfen mangelnde Transparenz bei ihrer Missbrauchsstudie vor. Es sei nicht zu verstehen, dass den Autoren der Studie kein Zugang zu Originaldokumenten in den Kirchenarchiven eingeräumt worden sei. "Die Bischofskonferenz hat mit dieser Entscheidung ihre eigene Forschung massiv entwertet", sagte Pfeiffer.

Da die zahlreichen Ordensgemeinschaften nicht in die Untersuchungen miteinbezogen wurden, konnten die Erkenntnisse nicht den einzelnen Diözesen und den verantwortlichen Bischöfen zugeordnet werden, kritisierte Pfeiffer. Es sei daher zum Beispiel nicht nachzuvollziehen, wer jeweils einen auffällig gewordenen Priester einfach in eine andere Gemeinde versetzt habe. Nur volle Transparenz schaffe Vertrauen, betonte Pfeiffer: "Die Bischofskonferenz hat das bisher leider nicht verstanden."

Wie viele Opfer gab es wirklich?

Ähnlich sieht es der Kirchenrechtler Thomas Schüller. Hätten die Autoren der Studie direkt in alle Akten Einsicht nehmen können, "wäre sicher die Zahl der aufgedeckten Fälle größer, und sie hätten präziser die männerbündischen klerikalen Machtstrukturen analysieren können", sagte er. Hinzu komme, dass es unter den 27 Bistümern auch Diözesen gegeben habe, die nur sehr begrenzt auskunftswillig gewesen seien. "Nicht alle Bischöfe scheinen verstanden zu haben, dass das Thema Missbrauch zur Überlebensfrage der Kirche geworden ist."

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soj/rut/news.de/dpa

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