Fehlverhalten bei Polizei und Bundeswehr: Twitternde Polizisten zur Ethik-Schulung, Macho-Soldaten raus!

Polizei und Bundeswehr betreiben in sozialen Netzwerken zunehmend auch Imagebildung und Markenpflege. Doch wie aktuelle Skandale um Fehlverhalten in beiden Institutionen zeigen, offenbart sich eine zum Teil erschreckende Kluft zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung: Was für Polizisten cool ist, kann für den Bürger Anlass zum Fremdschämen sein. Und was Bundeswehrsoldaten mitunter in ihren Gemächern alles so treiben, ist schlichtweg daneben. Ein Kommentar.

Fehlverhalten bei Polizei und Bundeswehr: Wieso beide Berufsgruppen unter besonderer Beobachtung stehen (sollten). Bild: fotolia.com/luismolinero

Das Problem auseinanderklaffender Selbst- und Fremdwahrnehmung lässt sich im Alltag vielerorts beobachten. Wer derzeit die Selbstdarstellung etwa der Polizei in den sozialen Netzwerken beobachtet, wird feststellen, dass sich die Behörden der einzelnen Bundesländer offenkundig bemühen, das Image des Polizisten als Freund und Helfer unter Zuhilfenahme der Selbstzuschreibung weiterer Attribute aufzupolieren.

#WirSindEurePolizei: Polizei Frankfurt mit heroischem Tweet

Zum Beispiel die Polizei Frankfurt: Unter dem Hashtag #WirSindEurePolizei twitterte diese jüngst "wir sind für euch da. Jeden Tag. Jede Nacht. Jede Sekunde. Wir sind die 110." Der Tweet ist mit einem Bild versehen, dass einen uniformierten Beamten zeigt, der mit dem breiten Rücken zur Kamera, vor der untergehenden Abendsonne und über den Dächern der Main-Metropole steht, seinen wachsamen Blick über Skyline und Straßenschluchten schweifen lässt. Die Botschaft des Beitrags scheint eindeutig: Wir, die Polizei, sind omnipräsente Retter, Tag und Nacht, haben unsere Augen überall, und ihr, die Bürger, könnt euch in Sicherheit wiegen. Kollegen aus Hamburg kommentierten umgehend: "Fehlt noch so ein Polizei-Wappen-Strahler wie bei Batman!"

Polizei kommuniziert mit Bürgern auf Twitter - mal erfolgreich, mal weniger

Was für einige Betrachter, die anderen Berufsgruppen angehören, vielleicht befremdlich anmutet und hier und da mit Sicherheit auch Anlass für Hohn und Spott sein dürfte, scheint für die Social-Media-Experten der Polizeidienststellen mittlerweile eine legitime und zeitgemäße Form der Kommunikation mit der Bürgerschaft zu sein. Über Kanäle wie Twitter wird nicht nur - im Idealfall erfolgreich, wie die Münchner Polizei im vergangenen Sommer bei einem furchtbaren Amoklauf unter Beweis stellte - mit den Bürgern kommuniziert, es wird eben auch bewusst Markenpflege und Imagebildung betrieben.

Das kann man gut oder vielleicht sogar cool finden, dennoch könnte sich aber auch die Frage aufdrängen: Reicht es nicht mehr aus, Freund und Helfer zu sein? Muss der Polizist oder die Polizistin von heute auch de facto eine Art Superheld, wie er in den Köpfen der meisten, vielleicht aller, kleinen Kinder präsent ist, sein, bzw. sich als solchen inszenieren? Reicht es nicht aus, wenn die Polizei einfach versucht, so gut es geht ihre Arbeit zu machen? Zeigt sich in diesen neuen Formen der Selbstinszenierung vielleicht auch eine Selbstüberschätzung?

Lesen Sie auch: Polizeieinsatz eskaliert: Kampfsportler prügelt 4 Polizisten ins Krankenhaus.

Massive Kritik am Polizei-Nachwuchs in Deutschland: Jeder Fünfte schafft die Ausbildung nicht

Immer wieder gibt es Kritik vor allem am Polizei-Nachwuchs und es wird unterstellt, dieser sei in erschreckendem Ausmaße unfähig und grundsätzlich ungeeignet für den Job. Erst in der vergangenen Woche packte ein ranghoher Beamter gegenüber einer großen deutschen Tageszeitung aus: Jeder Fünfte, der den Einstellungstest bewältigt habe, schaffe die sich anschließende Ausbildung nicht, obwohl die Leistungsanforderungen in der Vergangenheit immer weiter herabgesetzt worden sind, auch würden Vorgesetzte häufig nicht respektiert.

Verallgemeinernde Kritik an den Behörden mag überzogener Unfug sein, schließlich leistet der Löwenanteil deutscher Polizeibeamter gute, vielleicht sogar sehr gute Arbeit, wenn man bedenkt, dass in den vergangenen Jahren immer mehr Stellen abgebaut und Dienststellen geschlossen wurden. Keine Frage: Diese Menschen gehen einer zwar freiwillig gewählten, oftmals jedoch körperlich wie seelisch in hohem Maße belastenden Arbeit nach. Dafür sollten die Bürger natürlich dankbar sein und die Beamten dementsprechend respektieren. Denn die meisten Männer und Frauen, die diesen Beruf wählen, wollen die Gesellschaft sicherer und damit besser machen.

Social-Media-Einsatz der Polizei Köln ging an Silvester nach hinten los

Doch wenn ein Polizeischüler Gruppenpornos dreht, wie ebenfalls in der vergangenen Woche berichtet wurde, oder die Kölner Polizei in der Silvesternacht über ihren Twitter-Account fröhlich ins World Wide Web hinausposaunt, sie kontrolliere mal eben einige hundert "Nafris", dann stellt sich in der Tat die grundsätzliche Frage, ob diese Leute überhaupt im Ansatz ein Bewusstsein dafür haben, für welchen Beruf sie sich entschieden haben und welche Verantwortung mit dieser Berufswahl einhergeht.

Selbst wenn "Nafris" tatsächlich eine "polizei-interne" Bezeichnung für gewisse Tätergruppen sein sollte, wie sich die Polizei Köln nach ihrem umstrittenen Einsatz im Nachhinein zu rechtfertigen versuchte: Ein solcher Tweet verrät nicht nur, wie einige Polizeibeamte (leider) denken und wie sie offenbar untereinander über andere Menschen sprechen. Er zeigt auch - und das scheint der viel wichtigere Punkt zu sein - dass der Twitter-Verantwortliche in jener Nacht offenbar gar kein Bewusstsein dafür hatte, dass eine solche Bezeichnung vielleicht intern verwendet werden mag, dass daraus jedoch keinesfalls abgeleitet werden kann, diese gehöre zum Sprachgebrauch der Mehrheitsgesellschaft.

Auch interessant: Nach "Nafri"-Debatte: Frau eines Polizisten postet Wut-Brief gegen Grünen-Chefin Simone Peter.

Gewalt- und Sex-Skandal bei der Bundeswehr in Baden-Württemberg

Als Polizist oder Polizistin repräsentiert der- oder diejenige einen Teil des Staates, also einen Teil von uns allen. Die Gesellschaft darf von dieser Person erwarten, dass sie ihre Arbeit nach denjenigen moralischen Leitlinien ausrichtet, die mit der Wahl dieses Berufes einhergehen.

Gleichzeitig ist die Polizei nicht die einzige Institution des Staates, die derzeit aufgrund Verfehlungen einzelner Mitarbeiter massiv in der Kritik steht: Am Wochenende wurde bekannt, dass es in einem Ausbildungszentrum der Bundeswehr in Baden-Württemberg über einen längeren Zeitraum unter Soldaten zu systematischen Vorfällen sadistischer Sex- und Gewalt-Praktiken gekommen sein soll. Angehende Soldaten sollen unter anderem bei sogenannten Aufnahmeritualen gedemütigt, misshandelt und sexuell genötigt worden sein. Gleichzeitig versucht auch die Bundeswehr über neue Kanäle junge Menschen für ihre Arbeit zu begeistern, droht mit einer Reality-TV-Soap gerade jedoch zu einer YouTube-Lachnummer zu werden.

Macho-Kultur begünstigt Fehlverhalten bei Polizei und Bundeswehr

Ein Mangel an Selbstbewusstsein besteht also weder bei twitternden Polizisten, die sich nicht zu schade sind, Analogien zwischen ihrer Arbeit und der eines Superhelden herzustellen, noch bei Bundeswehrsoldaten, die ihre Gewaltfantasien offen ausleben. Was offenbar fehlt, sind basale Formen der Sozialkompetenz, Verantwortungs- und moralisches Bewusstsein. Grundsätzlich zeigt sich in den jüngsten Fällen von Fehlverhalten in beiden Berufsgruppen: Dieses kommt - trotz einer wachsenden Anzahl an Polizistinnen und Soldatinnen in der Bundesrepublik - immer wieder dort vor, wo von Macho-Gehabe, animalischen Männlichkeitsritualen und grundsätzlichem Sexismus geprägte hierarchische Strukturen scheinbar abseits der Öffentlichkeit gedeihen.

Wer nicht verstanden hat, dass Polizei und Bundeswehr im 21. Jahrhundert vor allem aufgrund der Gewaltexzesse im letzten Jahrhundert, die wesentlich von deutschem Boden ausgingen, zu Recht unter besonders kritischer Beobachtung der Gesellschaft steht und sich vor dieser zu verantworten hat, der hat seinen gewählten Beruf nicht verstanden. Von Grund auf. Und der gehört weder in die Bundeswehr, noch in die Polizei.

FOTOS: Polizeigewalt Wenn deutsche Polizisten durchdrehen

Folgen Sie News.de schon bei Facebook, Google+ und Twitter? Hier finden Sie brandheiße News, tolle Gewinnspiele und den direkten Draht zur Redaktion.

lid/bua/news.de

Empfehlungen für den news.de-Leser