Von news.de-Volontär Eric Mittmann - 08.03.2016, 14.42 Uhr

"Kein Bühnenbild für Fremdenhass": Dresden bewirbt sich als Kulturhauptstadt 2015

Dresden will sich um den Titel Europäische Kulturhauptstadt 2025 bewerben. "Imagerettung" und "Dresdner Kampfgeist" schallt es da von den Dächern. Dresdens Führung will sich gegen die derzeitige Wahrnehmung der Stadt wehren. Doch sollte man der Stadt deswegen den Titel versagen?

Altes Europa gegen Fremdenhass. Teilnehmer einer Kundgebung des Bündnisses "Herz statt Hetze" versammelten sich am 21.12.2015 vor der Semperoper, um gegen Pegida zu demonstrieren. Auf der Seite der Semperoper war zu lesen: "Für ein weltoffenes Dresden". Bild: dpa

"Gerade in einer Situation, in der Dresdens Wahrnehmung in der Öffentlichkeit durch ganz andere Debatten bestimmt wird", begründete Dresdens Oberbürgermeister Dirk Hilbert die Entscheidung, sich als Europäische Kulturhauptstadt 2025 zu bewerben.

Natürlich ist es bis dahin noch ein langer Weg. Zunächst wolle man "gemeinsam mit Partnern aus Kultur, Wissenschaft und Wirtschaft" eine Bewerbung erarbeiten, zitiert ihn "Die Welt". Dabei soll auch die Dresdner Bevölkerung involviert werden. Demnächst wolle man ein Kulturhauptstadtbüro einrichten, damit Bürger Ideen vorbringen und ihre Meinung zu dem Vorhaben äußern können. So weit der aktuelle Stand.

Dresden bewirbt sich als Kulturhauptstadt: "Kein Bühnenbild für Fremdenhass"

Dresden will sich als Kulturhauptstadt bewerben. "Trotz Pegida", wie es auf "Bild.de" heißt. "Gegen den Imageverfall", schreibt die "Welt" und schiebt gleich mal wieder den "alten Dresdner Kampfgeist" in die Presche, "der uns schon in der Debatte um die Waldschlösschenbrücke begeistert hat". Der Bau der Brücke hatte für eine jahrelange Kontroverse gesorgt, die schließlich darin endete, dass Dresden 2009 der Welterbetitel aberkannt wurde - als bisher einzigen Stadt Europas.

Proletariat statt Hochkultur also? Verliert Dresden sein Recht auf eine Bewerbung, weil seit nicht einmal zwei Jahren Tausende Menschen einmal pro Woche gegen eine angeblich zunehmende Islamisierung demonstrieren? Die Meinung entsteht, Dresdens Kultur bestehe aus Ignoranz und Betonlandschaften statt Offenheit und Feingeist.

Bereits die Bilder der montäglichen Pegida-Demos lassen jedoch eine deutliche Diskrepanz in dieser Denkweise erkennen. Hier wird nicht inmitten von Betonbauten marschiert. Die Islamfeinde versammeln sich auf dem Theaterplatz - mit Blick auf eines von Dresdens schönsten Denkmälern, die Semperoper. "Wir sind kein Bühnenbild für Fremdenhass", war im Oktober vergangenen Jahres auf der Fassade der Oper zu lesen. Im Dezember reichte das Kulturhaus eine Beschwerde gegen die Demonstrationen ein.

Wutbürgertum gegen Willkommenskultur: Das Bildnis Europas

Es ist dieser Widerspruch, der das Leben in Dresden bestimmt. Denn während sich Medien meist auf die Ausfälle von Lutz Bachmann und Co. konzentrieren, zeigen viele Dresdner noch immer Widerstand gegen Islamophobie und Fremdenhass.

Wutbürgertum gegen Willkommenskultur. Statt daraus eine Schwäche zu machen, lässt sich darin auch Dresdens größte Stärke erkennen. Ein Bild, das die aktuelle Lage in ganz Europa beschreibt. Zwischen der Besinnung auf humanistische Werte und dem Aufbegehren reaktionären Hasses. Zwischen dem alten Europa, Geburtsstätte der Aufklärung und der Renaissance, und jenem Tumor, der die Herzen vergiftet.

Wer dieses Bild andernorts eindrücklicher vorfindet als in Dresden, kann ihm gern das Recht auf eine Bewerbung aberkennen. Und wer noch immer fürchtet, die Stadt habe keine Kultur vorzuweisen: Die Geschichte der Semperoper reicht bis ins Jahr 1719 zurück. 2025 wird das Gebäude aller Voraussicht nach noch immer stehen. Wie es dagegen um Pegida bestellt ist, bleibt abzuwarten.

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mie/zij/news.de

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