Musik: Joe Henry: «Aber ich darf machen, was ich will»

Berlin - Joe Henry führt zwei ganz unterschiedliche Musikerleben: als Star-Produzent - und als Singer/Songwriter für Folk-Gourmets.

Joe Henry: «Aber ich darf machen, was ich will» Bild: Britta Pedersen/dpa

Die Nachrichtenagentur dpa sprach mit ihm in Berlin: über sein neues Album, Erfolg und Kompromisse, Liebe und Ehe, den Schriftsteller-Freund Colum McCann und das große Vorbild Tom Waits.

Frage: Tolle Kritiken wie jetzt wieder zu «Invisible Hour» sind Sie ja gewöhnt. Geht es Ihnen manchmal auf die Nerven, als Songwriter trotzdem nicht so erfolgreich zu sein, wie Sie es verdienen?

Joe Henry: Ach, ich wäre unehrlich, wenn ich so täte, als ob mich das gar nicht stört. Aber immerhin darf ich das machen, was ich will, und zwar mit vollem Herzen, ohne Kompromisse. Deshalb will ich mich auch nicht beklagen - schließlich ist niemand daran schuld, dass ich nicht bekannter bin. Und wer sich für meine Musik interessiert, dem gibt sie etwas. Also: Dauernd über den Erfolg nachzudenken, das täte der Seele nicht gut, und es wäre auch nicht gut für meine Arbeit.

Frage: Woher stammt denn der rätselhafte Albumtitel? Was ist eine «unsichtbare Stunde»?

Joe Henry: Es ist doch so: Dauernd geschehen Dinge, von denen wir zuerst gar nicht wissen, dass sie eigentlich wichtig sind. Erst später erkennen wir: Oh, das war damals ein Wendepunkt. Ein Moment, eine Stunde, die zuerst unbedeutend, unsichtbar war, später aber eben nicht mehr.

Frage: Das Titelstück haben Sie zusammen mit dem renommierten Schriftsteller Colum McCann geschrieben. Wie kam es dazu?

Joe Henry: Colum und ich sind sehr gute Freunde, ich bewundere ihn enorm. In seinem Roman «Der Tänzer» las ich vor Jahren einen schockierend schönen Satz, und am nächsten Morgen schrieb ich ihm eine Mail: Da ist ein Satz in Ihrem Buch, der schreit danach, von mir geklaut zu werden, ich möchte einen Song drumherum schreiben. Und er antwortete: Gern, machen Sie. So ergab sich eine Kooperation zwischen Colum, meiner Songwriter-Kollegin Lisa Hannigan und mir. Dann blieb das Ergebnis eine Weile liegen. Irgendwann nahm ich mir die Strophe nochmal vor, spielte dazu Gitarre, alles kam wieder in Fluss. Der Song hatte nur auf mich gewartet.

Frage: Sie schreiben in Ihren Anmerkungen zu «Invisible Hour», das sei ein Album über die Ehe, über «die erlösende Kraft der Liebe im Angesicht der Furcht». Was steckt dahinter?

Joe Henry: Wir müssen alle sterben und wir Menschen wissen das. Dennoch müssen wir das Leben meistern - im Angesicht eines sicheren Todes. Wie kann man trotzdem in die Zukunft blicken, obwohl man weiß, dass alles so begrenzt ist? Nur dadurch, dass wir unser Leben mit dem eines anderen Menschen verbinden, jenseits der eigenen, flüchtigen Existenz.

Frage: Der Blogger Josh Hurst schreibt sinngemäß, die Charaktere von «Invisible Hour» seien nicht Frischverliebte, ihre Verbindungen seien lange gereift und voller Vertrauen, denn diese Figuren hätten es nicht immer leicht miteinander gehabt. Geht es darum auf der Platte?

Joe Henry: Absolut ja! Liebe existiert doch nicht nur, wenn noch alles frisch und aufregend ist. Die wahre Arbeit an der Liebe spielt sich in der Dunkelheit ab und nicht in der Helligkeit des Tages. Gemeinsame Hochzeitstage und Feiertage sind wunderbar, aber viel bedeutsamer sind Zuwendung und Hingabe im Alltag einer Beziehung.

Frage: Haben Sie diese Texte, die sich ja auch um sehr persönliche Dinge drehen, mit Ihrer Ehefrau Melanie besprochen?

Joe Henry: Nur einen Song habe ich bewusst als Lied über uns geschrieben, zum 25. Hochzeitstag. Die Lyrics habe ich meiner Frau laut vorgelesen. Ansonsten mache ich das nicht. Zumal ich solch ein Album auch gar nicht geplant hatte. Mein Sohn Levon sagte dann aber irgendwann, dies sei doch eine sehr persönliche Platte, und sie sollte daher mal wieder ein Bild von mir auf dem Cover haben. Das versuche ich sonst immer zu vermeiden. Aber in diesem Fall konnte ich mich schließlich nicht mehr verstecken.

Frage: Das neunminütige «Sign» vom neuen Album ist wohl eines Ihrer ambitioniertesten Lieder. Es erinnert an Bob Dylans lange Storytelling-Songs. Was hat Sie dazu inspiriert?

Joe Henry: Auch dieser Song geht auf Colum McCann zurück. Vor einem Jahr begann er ein Projekt, für dessen Unterstützung er Autoren suchte. Ich war wohl der einzige Songwriter, andere Teilnehmer waren er selbst, Salman Rushdie oder auch der Schauspieler Gabriel Byrne. Colum bat mich also, etwas zu schreiben: Höchstens 500 Worte, reine Fiktion, unter dem Motto: Was es bedeutet, ein Mann zu sein. Er brauchte das Stück ungefähr 36 Stunden später. Ich kann Colum nicht viel abschlagen, also machte ich mich an die Arbeit und schrieb den gewünschten Text über einen erschöpften Abenteurer, sein Leben, seine Geschichte. Ich konnte später nicht von der Idee lassen, und so wurde ein Song daraus. Es störte mich irgendwann auch nicht mehr, dass das Lied so lang wurde, wie ein Kino-Epos.

Frage: «Invisible Hour» wird mit Van Morrisons Meisterwerken verglichen und als «irisches Album» beschrieben. Einverstanden?

Joe Henry: Von heute aus gesehen passt das. Ich habe ja irische Vorfahren. Aber das war in meiner Familie eigentlich nie ein Thema. Bei meiner Frau (einer Schwester von Pop-Superstar Madonna) war das anders, in ihrer italienischstämmigen Familie ist dieses Erbe ein wichtiger Teil des Lebens. Immerhin habe ich mich stets sehr für irische Musik interessiert, habe oft Vans «Astral Weeks» gehört. Also da hat sich meine Herkunft doch ausgewirkt. Die Verbindung mit (der Irin) Lisa Hannigan und Colum McCann tat dann ein Übriges. Zudem sind viele irische Schriftsteller wichtig für mich. Wenn ich also heute lese, dass «Invisible Hour» ein irisch gefärbtes Album ist, würde ich das nicht mehr abstreiten.

Frage: Ob «Fuse» von 1999, «Civilians» von 2007 oder jetzt «Invisible Hour» - all Ihre Alben klingen ganz unterschiedlich. Wie schaffen Sie es, Ihren Sound immer frisch und damit relevant zu halten?

Joe Henry: Ich will gar nicht um jeden Preis etwas ganz Anderes machen. Es geht mir immer um das Bündel neuer Songs, das ich habe, und die Frage: Was unterscheidet diese Lieder von vorherigen, und wie trage ich dem am besten Rechnung. Diesmal hörte ich vorher viel alte Folkmusik - vor allem aus den Sechzigern: Judy Collins, die frühen Simon & Garfunkel, Tom Rush, Nick Drake. Intimität bei gleichzeitig sehr guter Produktion.

Frage: Für einen reduzierten Sound verzichteten Sie auf das Klavier.

Joe Henry: Ja, erstmals habe ich ein Album ganz ohne dieses Instrument gemacht. Das war eine schwere Entscheidung, weil ich Klavier ja liebe und meinen alten Keyboard-Mitstreiter Patrick Warren diesmal draußen lassen musste. Aber ich wollte verhindern, dass der musikalische Rahmen der Klavierakkorde die anderen Sound-Elemente beeinträchtigt. Es sollte viel Luft im Klangbild bleiben.

Frage: Wenn Sie heute zurückblicken: Wer hat Sie beeinflusst? Ein Kollege wie Paul Simon, den Sie kürzlich in der Carnegie Hall groß gefeiert haben. Oder doch eher ein Tom Waits?

Joe Henry: Paul Simon weniger als Tom. Den liebe ich wirklich sehr. Er war für mich schon früh eine ganz wichtige Figur, von der ich viel gelernt habe - ohne imitieren zu wollen. Wie er sich immer vom Mainstream immer abgesetzt hat! Seine Songs sind kein Pop, seine Produktionsweise ist sehr extravagant, verwittert, rostig. Und eigentlich kann auch nur Tom Waits wirklich Tom-Waits-Lieder singen. Außerdem war er mir eine große Hilfe, denn ohne ihn wäre ich damals wohl nicht beim Plattenlabel Anti gelandet. Er hat denen da gut zugeredet. Sehr schmeichelhaft für mich.

news.de/dpa

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