Geschichte: Tenzing Norgay: Der Mann und der Everest

Kathmandu - Niemand weiß, wann genau der Sherpa Tenzing Norgay auf die Welt kam, also machte er einfach das wichtigste Ereignis in seinem Leben zu seinem Geburtstag: die Erstbesteigung des Mount Everest am 29. Mai 1953.

Tenzing Norgay: Der Mann und der Everest Bild: epa/dpa

«Der Traum war wahr geworden», schreibt er später in seiner Autobiografie über den Augenblick, als er zusammen mit dem Neuseeländer Edmund Hillary auf dem Dach der Welt stand.

«In diesem großartigen Moment, auf den ich mein ganzes Leben gewartet hatte, kam mir mein Berg nicht wie ein lebloses Ding aus Fels und Eis vor, sondern warm und freundlich und lebendig», so Tenzing weiter. «Er war eine Henne, und die anderen Berge waren Küken unter seinen Flügeln.»

Auch für Tenzing war der Berg, den die Sherpas Chomolungma nennen, wie eine Mutter. An seinem Fuß wurde er vor ungefähr 100 Jahren geboren, im Jahr des Hasen nach tibetischer Zeitrechnung. In seinem Schatten hütete er die Schafe und Yaks seines Vaters, baute Gerste und Kartoffeln an. Doch bald schon wurden ihm die Täler zu eng. «Zu reisen, zu erleben und zu lernen - das heißt Leben», meinte er. Und so rannte er als 13-Jähriger davon, in Nepals Hauptstadt Kathmandu.

Wenig später zog Tenzing ins indische Darjeeling, von wo aus die Everest-Expeditionen damals starteten. Der junge Sherpa schlug sich mit Gelegenheitsjobs durch, ehe er 1935 erstmals als Träger angeheuert wurde. Immer und immer wieder stellte er danach sicher, ausgesucht zu werden. Bis zum Jahr 1953, als Hillary ihn als Seilpartner wählte. «Er war augenscheinlich sehr fit, sehr stark - ich war beeindruckt», sagte Hillary in einem Interview.

Zusammen stiegen sie hinauf in Höhen, die nie zuvor ein Mensch betreten hatte. Nach wochenlangen Strapazen in Baumwollzelten, einem Sturz in eine Gletscherspalte und anhaltenden Kopfschmerzen und Schwindel wegen der Höhe hatten sie es geschafft: Gipfelsieg auf 8848 Metern. Oben machte Tenzing eine kleine Grube in den Schnee. Hinein legte er einen Bleistift seiner Tochter sowie Süßigkeiten für die Gottheit Miyolangsangma, die auf dem Gipfel wohnen soll.

Nach dem Abstieg wurde Hillary von der Queen zum Ritter geschlagen, und Tenzing stieg zum Vorbild für viele junge Sherpas auf. «Er hat mich sehr inspiriert», sagt Apa Sherpa, der 14 Mal und damit so oft auf dem Everest stand wie kein anderer Mensch. «Er war der erste Sherpa, der Nepal in der Welt bekanntmachte.»

Davon erzählt auch Temba Tseri Sherpa, der 2001 als jüngster Bergsteiger auf dem Gipfel stand. «In der Schule lernten wir die Helden der Welt kennen: Den König des Fußballs, Pele, und den Tiger des Schnees, Tenzing.» Sie hätten sogar ein Lied auf ihn gesungen. «Ich wollte wie er sein. Das schien ein mögliches Ziel.»

James Ramsey Ullman, der die Biografie für den Analphabeten Tenzing schrieb, berichtet auch von den Kehrseiten des Ruhms. «Er war praktisch der erste Asiate aus einfachen Verhältnissen, der Weltformat und weltweiten Ruhm erlangte.» Deswegen habe Tenzing wie «ein Tier in einem Zoo, ein Fisch in einem Glas» gelebt. Inmitten der Menschenmengen sei er oftmals allein gewesen.

Sein Enkel Tashi Tenzing Sherpa beklagt, dass trotz der Verdienste seines Großvaters der Staat wenig für den legendären Bergsteiger getan habe. Auch deswegen habe die Familie rund um den Mann «mit dem unglaublich charismatischen Lächeln» weiter in Indien gewohnt. Dort starb Tenzing 1986 im Alter von 71 Jahren. «Die Regierung scheint die Helden des Landes zu vergessen», meint Tashi.

Das gelte im Übrigen für alle Sherpas. Der Tourismus ist eine der Haupteinnahmequellen Nepals, und vor allem rund um den Everest sind es die Mitglieder der Sherpa-Ethnie, die das Gepäck tragen, die Unterkünfte bereitstellen und als Bergführer arbeiten. Doch als vor einem Monat eine Lawine 16 Nepalesen am Everest tötete, bot die Regierung den Familien zunächst nur 300 Euro Entschädigung an. Das sei erniedrigend gewesen, sagt Tashi. «Als seien sie Bettler.»

Der Everest, erklärt er weiter, sei für die Sherpas nicht nur ein Berg. «Er ist unsere geschätzte Gottheit, die zahlreiche Münder ernährt.» Jeder könne wirtschaftlich profitieren, doch müsse die Regierung mehr von den Einnahmen abgeben und sie für Unfälle besser absichern. «Wenn wir Sherpas es wollten, könnten wir die Menschen daran hindern, in unserer Region die Berge zu besteigen. Doch eigentlich wollen wir das nicht.»

news.de/dpa

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