Theater: Merkel-Stück amüsiert mit knallharter Intrigantin «Mutti»

Recklinghausen - Drei Dinge zeichnen «Mutti» aus: die «Raute», die herabgezogenen Mundwinkel und die Intrige. Nichts ist «Mutti» wichtiger als ihr Machterhalt und der Sieg der deutschen Nationalelf bei der WM in Brasilien.

Merkel-Stück amüsiert mit knallharter Intrigantin «Mutti» Bild: Bernd Thissen/dpa

Dafür liefert sie auch ihren engsten Koalitionspartner «Sigmar» ans Messer und entmachtet ihn kaltblütig.

In der Theaterkomödie «Mutti» kommt Kanzlerin Angela Merkel als knallharte Regierungschefin daher, die Intrigenfäden spinnt, während ihre Koalitionspartner «Horst», «Sigmar» und Verteidigungsministerin «Ulla» sich raufen wie im Kindergarten. Die Uraufführung der Satire aus der Feder der preisgekrönten Schriftstellerin Juli Zeh erntete am Donnerstagabend bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen viele Lacher.

«Mutti», dieser Kosename mit dem negativen Beigeschmack hat sich seit einigen Jahren in den Medien als Bezeichnung für die kinderlose CDU-Kanzlerin eingebürgert. Mehr als gängige Klischees über Merkel bedienen Zeh und ihre Ko-Autorin Charlotte Roos in dem anderthalbstündigen Stück allerdings nicht. «Wir wissen so gut wie nichts über Merkel», hatte Zeh vor der Uraufführung gesagt. Nach dem Stück weiß man auch nicht mehr, aber man hat sich gut amüsiert.

Premiere hatte die Koproduktion mit dem Nationaltheaters Weimar (DNT) in der alten Recklinghäuser Industriehalle König Ludwig vor einem kleinen Publikum von rund 200 Zuschauern. Die erlebten temporeiche Dialoge auf der fast leeren Bühne, doch über gehobenes Boulevard-Theater kommt das Stück in der Regie des DNT-Intendanten Hasko Weber nicht hinaus.

Zeh und Roos schicken das Koalitionsquartett in eine Gruppentherapie, und das ausgerechnet während des Endspiels der Fußball-Weltmeisterschaft in Brasilien - Deutschland gegen Spanien. Der Coach Hellmann (Stephan Grossmann), der im Laufe des Stücks immer mehr zu «Muttis» Spin-Doktor avanciert, verlangt, dass die zerstrittenen Vier eine Familie spielen - und «Angela» und «Sigmar» sind dabei das Ehepaar.

Als brillante Parodistin der Kanzlerin erweist sich Schauspielerin Nadja Robiné, die Merkel von der berühmten Geste, bei der sie die Fingerspitzen vor dem Bauch zu einer Raute formt, über den gelangweilt-säuerlichen Blick mit den herabhängenden Mundwinkeln bis hin zum leichten Lispeln geradezu perfekt imitiert. Aber auch Sebastian Kowski als «Horst» trifft das hechelnde Lachen des CSU-Chefs wunderbar.

Anna Windmüller als «Ulla» lauert mit übertriebenem Pathos auf ihre Chance, Nachfolgerin Merkels zu werden. Michael Wächter spielt den bulligen SPD-Chef «Sigmar» im schlecht sitzenden Anzug als Schokolade essenden Hanswurst, der die Welt und vor allem die Sozialdemokratie retten will und nicht merkt, wie er in «Angelas» Falle tappt.

«Angela» bewegt sich kaum und hasst die Nähe zu den anderen. Scheinbar emotionslos kontrolliert sie mit lauerndem Blick die Lage und diktiert am Smartphone Bundestrainer Jogi Löw die Taktik für den Sieg der deutschen Fußball-Elf im fernen Brasilien. «Ohne mich geht gar nichts», sagt «Angela». Nur wenn Tore fallen, lässt sie sich gehen.

Man hat das Gefühl, das alles aus dem Fernsehen zu kennen, nur dass es grell überzeichnet ist. «Ulla» und «Sigmar» fallen sich ständig ins Wort wie in den Abendtalkshows, während die undurchschaubare «Mutti» jeden noch so fiesen Angriff aussitzt und eine dem realen politischen Alltag entnommene blutleere Europa-Rede hält.

«Sie fragen sich jetzt nicht mehr, warum ich meine Entscheidungen am liebsten alleine treffe», folgert «Mutti», nachdem ihre Koalitionspartner sich wieder einmal im Streitknäuel am Boden verhaken. Das ist mehr Comedy als Theater, eine Parodie, die keinerlei Erkenntnisgewinn bringen will.

Dafür, dass die Autorin Zeh den Regierungsstil Merkels in Interviews hart kritisiert und als demokratiefeindlich verurteilt, erscheint die Kanzlerin in ihrem Stück überraschend klar als Respektsperson, der man angesichts der Unzulänglichkeit ihrer Untergebenen sogar den «politischen Mord» verzeiht. Eines aber ist «Mutti» ganz bestimmt nicht: mütterlich.

Ruhrfestspiele zu "Mutti"

news.de/dpa

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