Ab in den Osten
Altenpflege zu Discounter-Preisen

Immer mehr Alte, immer weniger Junge, die sich kümmern können oder wollen, immer höhere Kosten. Das Thema Pflege scheint uns zu erdrücken. Artur Frank bringt Oma und Opa aus Deutschland in Osteuropa unter. Das ist viel günstiger als hier und qualitativ nicht schlechter. Ein Modell für die Zukunft?

FOTOS: Alt unter Palmen Die beliebtesten Rentnerparadiese

Artur Frank ist ein viel zitierter Mann geworden. Über seine Firma Seniorpalace schreibt die Bild-Zeitung unter der Schlagzeile «So werden Senioren abgeschoben!». Seniorpalace ist die kuriose Spitze eines Eisbergs, der sich unter dem Schlagwort «demographischer Wandel» drohend auf uns zubewegt: die Pflege unserer Alten.

Bis 2060 werden die Ausgaben dafür von 19,7 Milliarden Euro 2009 auf 41,6 Milliarden steigen, hat eine neue Studie des Kieler Beske-Instituts ermittelt. In Deutschland ist Pflege ein Teilkasko-System: Einen Teil übernimmt die Kasse, in die seit 1995 jeder Berufstätige einzahlt, der andere muss aus der Rente bestritten werden – und den Rest legt die Familie drauf. Bei Heimkosten zwischen 3000 und 5000 Euro monatlich und Zahlungen aus der Pflegeversicherung je nach Pflegestufe von 1023 bis 1550 Euro bleibt da häufig ein großer Batzen auszugleichen. Heime werden immer teurer, die Renten steigen kaum - und die alten Menschen leben immer länger. 84.000 Euro kostet im Schnitt die Pflege für eine Frau, für die Männer ist es halb so viel, hat der Pflegereport der Barmer GEK 2012 ergeben, was daran liegt, dass Frauen länger leben und zunächst ihre Männer selbst pflegen.

Mehr als 50 Familien aus Deutschland haben sich deshalb bereits entschieden, ihre Eltern und Großeltern bei Artur Frank unterzubringen – Tendenz steigend. Das bedeutet, dass Oma und Opa in Zlatna na Ostrave, Slowakei, in Zlanta, Ungarn, oder Vrba, Tschechien ihre letzten Jahre, Monate, Wochen und Tage verleben. Das sind Orte, von denen sie in ihrem langen Leben noch nie etwas gehört haben, weit weg von allem, was ihnen wichtig war. Doch nach Abzug der Kosten aus der Pflegekasse bleiben je nach Standard und Pflegestufe nur zwischen 102,50 und 817,50 Euro im Doppelzimmer zuzuzahlen, wie Seniorpalace auf seiner Internetseite vorrechnet. Das Einzelzimmer kostet 100 bis 200 Euro mehr.

«Ist doch überall gleich - dieselben Vorhänge»

Abschiebung? «Für bestimmte Konstellationen ist eine Übersiedlung in Nachbarländer der Europäischen Union eine überlegenswerte Alternative. Für manche sogar die beste», formuliert es Artur Frank - ja nach den aktuellen Bedingungen und dem, was auch in der Vergangenkeit vorgefallen sei. Seit sechs Jahren vermittelt er Pflege, zunächst ausländische Kräfte nach Deutschland und Österreich, nun auch anders herum. Er ist nicht böse über die Berühmtheit, die Seniorpalace in den vergangenen zwei Monaten erreicht hat. «Ich bin froh, dass die Möglichkeit diskutiert wird, sie war ja bisher in der Öffentlichkeit kaum bekannt - wenn auch nicht ganz aufrichtig und mit erhobenem Zeigefinger», sagt er. Ihn erinnere das haargenau an die moralische Diskussion vor 25 Jahren, in der bei Pflegeheimen generell von Abschiebung gesprochen wurde.

Artur Frank rechnet damit, dass sein Modell Schule macht. Seit zum Beispiel Bild-Zeitung und Bayern3 aus seinen Heimen berichtet haben, erhält er laufend Anfragen aus Deutschland. Ihm ist es wichtig, dass die Vorzüge seines Pflegeangebots in Osteuropa nicht auf «billig» reduziert bleiben. Er wolle die Heime in Deutschland nicht an den Pranger stellen - aber während in Deutschland für jede Pflegestufe exakt bestimmte Zeitbudgets vorgegeben sind, habe das Pflegepersonal in den Heimen, mit denen er arbeitet, die Zeit, die eben nötig sei. Außerdem sei in jeder Schicht eine Pflegekraft eingeteilt, die gut Deutsch spricht, betont er – dies sei in den Medien teilweise falsch dargestellt worden.

Und die alten Menschen selbst? «Ist mir egal, ist doch im Grunde überall gleich. Die Vorhänge und alles ist immer dasselbe», sagt eine 83-Jährige dem Kamerateam von Bayern 3, das aus einem ungarischen Heim berichtet. Womöglich steht es um ihr Verhältnis zur Familie ohnehin nicht zum Besten: «Alt und Jung passen nicht zusammen», sagt sie noch.

FOTOS: Von wegen altes Eisen Coole Alte

Pflege im Ausland ist ungeliebt, aber akzeptiert

Die deutschen Pflegekassen streben vorerst keine direkte Zusammenarbeit mit Firmen wie Seniorpalace an, zumal es ihnen laut Sozialgesetzbuch gar nicht möglich ist, Verträge mit ausländischen Einrichtungen abzuschließen. AOK-Geschäftsführer Uwe Deh sieht es einerseits skeptisch, Menschen aus ihrem Umfeld herauszureißen. Andererseits akzeptiert er die neue Freizügigkeit innerhalb der EU: «Wer sich selbstbestimmt im europäischen Ausland pflegen lassen möchte, sollte dafür bessere Möglichkeiten bekommen. Das dürfte aber nur für wenige Menschen eine echte Option sein», sagt er.

Hinzu kommt, dass ins EU-Ausland zwar seit 1998 Pflegegeld gezahlt wird, die Sachleistungen jedoch nicht, mit der Argumentation, das Niveau sei nicht kontrollierbar. Das bekommen auch Rentner zu spüren, die ihren Ruhestand bereits seit Jahren zum Beispiel an der spanischen Sonnenküste genießen und dort zu Pflegefällen werden. Ins fernere Ausland zahlen die Kassen gar nicht, dennoch reizt manch einen auch der preiswerte Lebensabend in Thailand.

Grundsätzlich ist es erklärtes Ziel der Kassen, dass unsere Alten zuhause, in der Familie betreut werden. Die Praxis allerdings geht in eine andere Richtung, nicht nur, aber auch aus finanziellen Gründen. Zwischen 235 Euro für Pflegestufe 1 und 700 Euro für Pflegestufe 3 werden für häusliche Pflege gezahlt. Dafür kann niemand seinen Job an den Nagel hängen, um sich um die Eltern zu kümmern.

jag/news.de

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4 Kommentare
  • RAGNAROEKR

    31.12.2012 14:26

    Abschiebung für das Pack hat Tradition. Sofort nach der Geburt: wegsperren. Karrieregeilheit ist in. Wer pfeift denn nicht auf die Familie, ist diese doch nichts anderes als ein privates Bordell. Keine Kinder ist besser als kleine Kinder, werden diese doch zu Alten oder Siechen. Sind diese doch, ökonomisch betrachtet, nur Unfälle der Natur. Sind die eigentlich nicht auch verfassungswidrig? Jedenfalls dürfen die Gefahren für unsere Zwangsversicherungssysteme nicht länger bagatellisiert werden. Sozial verträgliches Abschieben und Ableben ist die Forderung der ökonomischen Vernunft.

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  • Elster

    30.12.2012 17:17

    Trairig aber wahr . Die Alten haben in Deutschland die" Goldene Arschkarte "gezogen

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  • Pelle 1

    30.12.2012 14:38

    Ja. Menschen feindlicher kann es dort auch nicht sein! Alleine diese Frage zeigt, was aus diesem Land geworden ist. Mrd. für Banken, Kriminelle, Politiker, Ausland,... Aber keinen € für die Menschen, die dieses Land aufgebaut haben und nun zusehen müssen, wie ihre (Lebens-)Arbeit von ein paar verantwortungslosen Politikern zerstört wird.

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