Von news.de-Redakteurin Isabelle Wiedemeier - 08.12.2012, 09.00 Uhr

Dessous statt Mieder: Mutter Corsage macht Frauen sexy

Vom Ganzkörperkorsett zu einem Hauch von Spitze: Heide Meyer hat 50 Jahre lang weibliche Körper in Form gebracht und in Szene gesetzt. Mitten in Berlin lebte sie seit ihrer Geburt 1943 nicht nur in Sachen Mieder und Dessous am Puls der Zeit. In ihrem Buch Mutter Corsage setzt sie der Weiblichkeit ein Denkmal.

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Als Heide Meyer geboren wurde, war es den Frauen egal, was sie drunter trugen. Sie wollten überleben. Und als der Krieg vorbei war, wollten sie leben, und zwar möglichst prall: Zwischen harter Arbeit und wildem Tanz wurde Heide Meyer im Matriarchat ihrer starken Mutter Irmgard groß, vielleicht wusste sie deshalb immer sehr genau, was sie wollte. Keine alte, abgetragene Kleidung mehr, sondern etwas eigenes. Eigenes Geld, sich hocharbeiten und respektiert werden. Sie hat geschafft, was damals für Frauen fast unmöglich war, mit einem Kleidungsstück, das damals unaussprechlich war - und das, obwohl sich bei ihr alles immer nur um Frauen drehte, die damals eigentlich die zweite Geige spielten.

«Sie sind so schön mollig und fröhlich», sagte ihr Chef im Berliner Familienkaufhaus DeFaKa 1958, als er seinen Lehrling in die ungeliebte Abteilung schickte. Im Schweißgeruch der verstaubten Miederabteilung, wo sie Frauen zusammenschnürte, die nur einmal in der Woche badeten, entdeckte Heide Meyer ihre große Liebe: Unterwäsche, auf Französisch Dessous. Doch für Französisches war die Nachkriegsfrau damals noch nicht bereit.

Heide Meyer war nie eine Emanze, und trotzdem hat sie ihr Leben lang am Bild der Frau gefeilt. Sie war kein Püppchen und stylte sich doch bis in die Fingerspitzen, um in ihrer Rüstung gegen jeden Angriff gewappnet zu sein, denn die junge Frau wollte schnurstracks nach oben und schleuste durch die Hintertür Miederwaren an der Männerwelt vorbei. Mit 17 war sie zum ersten Mal als Einkäuferin für Bademode unterwegs, obwohl sie erst mit 21 geschäftsfähig wurde.

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Deutsche Geschichte, erzählt durch die Unterwäsche

Ausgerechnet anhand der Kleidungsstücke, die für die meisten nicht zu sehen sind, erzählt Meyer eine ganze Epoche. Nach dem Krieg waren Korsetts und Mieder ein reiner Gebrauchsartikel, die Frauen kamen ins Kaufhaus, weil sie etwas brauchten, und nahmen, was eben da war. Mehrere Kilo schwere Mieder aus dickem Drillich. Als dann die Mauer stand, brach bei den Berlinern plötzlich der Kaufrausch aus und es kam Schwung ins Geschäft. Gleichzeitig schwappte aus den USA ein erster Hauch von Sexiness ins prüde Deutschland. Marilyn Monroe, Sophia Loren, die spitzen Brüste von Dior - doch in Berlin wussten 90 Prozent der Männer noch immer nicht, wie ihre Frau ohne Korsett aussah. Beim Sex wurde das Licht gelöscht, und Miederwaren und Reizwäsche lebten in zwei verschiedenen Welten.

Doch Heide Meyer machte ihr Ding. «Ich habe da etwas für Sie. Etwas Schönes», war der Lieblingssatz für ihre Kundinnen. Die Firma Exquisite Form brachte jetzt Miederhosen heraus, bei denen das Wort sexy endlich seine Berechtigung hatte. Inzwischen hatte sie sich hochgehangelt zur Einkäuferin bei Hertie und schmuggelte von den Messen in Mailand und Paris immer wieder gewagte Teile ins Sortiment - Spitze, Satin und Lycra, grün, schwarz oder lila.

Ausgerechnet 1968 schaffte sie es dann als Einkäuferin ins Berliner Luxuskaufhaus KaDeWe - dem Hassobjekt der antikapitalistischen Protestbewegung. Eine Tüte voller Kot im Büstenhalter, Ho-Ho-Ho-Chi-Min-Rufe vor der Tür, der RAF-Anschlag in einem Frankfurter Kaufhaus und mittendrin Heide Meyer, 25, die in der Miederwarenabteilung für das Recht der Frau, weiblich zu sein, kämpfte. Sie schockte auf ihre Art, indem sie 1970 im KaDeWe die erste Unterwäschen-Modenschau veranstaltete und plötzlich den wutschnaubenden Probst der Gedächtniskirche vor sich stehen hatte. Heide Meyer wollte die Frauen schön machen, das ließ sie sich auch von der Kirche nicht verbieten.

Keine Zeit für sexy Unterwäsche

Schlimmer war, dass sich damals die wenigsten Frauen für geformte Schönheit interessierten, und es wurde nicht besser vier Jahre später, als Meyer den Sprung in ihr eigenes Geschäft wagte: «Lady M» - das M steht ebenso für Meyer wie Mieder. Während die Jugend «Nieder mit dem Mieder» schrie, rasselte Heide M mit zentnerweise sexy Unterwäsche in die Pleite.

Doch Heide Meyer hätte ihr Buch nicht geschrieben, wäre es nicht gut ausgegangen mit den Dessous. In den 1980ern bekamen auch deutsche Frauen langsam wieder die Kurve. Wenn Linda Gray in Dallas und Joan Collins im Denver Clan sexy Nachtwäsche über die Mattscheibe trugen, wollten viele ihnen das nachtun. Ihr Ruf trug die Frauenmacherin auch in Hildegard Knefs Villa im Grunewald, die Frauen von Harald Juhnke und Günther Pfitzmann kamen in ihren neuen Laden, den sie gleich nach der Pleite eröffnete.

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Endlich konnte Heide Meyer ihr Verkäufergen im eigenen Geschäft ausleben und sich dabei auch als Psychotherapeutin für ihre Kundinnen ins Zeug legen. «98 Prozent der Frauen sind mit ihrem Körper unzufrieden. Man muss ehrlich sein, ohne ehrlich zu sein», erklärt sie im Buch den schmalen Grat, auf dem eine Dessousverkäuferin sich bewegt. Wer Erfolg haben will, muss der Kundin ganz nah sein. Einfach in der Kabine verschwinden und angezogen wieder herauskommen, so etwas gab es bei Heide Meyer nicht. «Wenn Sie mich nicht gucken lassen, verkaufe ich Ihnen nichts», musste sie einmal einer Kundin sagen.

In den 1990ern, nach fast 40 Jahren im Miederbusiness, hatten die Dessous es auch in Deutschland geschafft und Heide Meyer avancierte zur Königin des Frühstücksfernsehens, bei Sat.1, RTL und Pro 7. Sie hat ihre Mission erfüllt: «Der Büstenhalter ist nicht totzukriegen.» «Lady M» hat vor drei Jahren übrigens die Schwester von Vera Int-Veen übernommen.

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Autor: Heide Meyer
Titel: Mutter Corsage
Verlag: Knaur TB
Umfang: 264 Seiten
Preis: 9,99 Euro

zij/news.de

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