Spätes Mahnmal Sinti und Roma vom «Zigeuner» verfolgt

Minderheiten
Berühmte Sinti und Roma

Isabelle WiedemeierVon news.de-Redakteurin
Fast 70 Jahre hat es gedauert, heute nun setzt Deutschland den 500.000 Sinti und Roma, die Hitler ermorden ließ, ein Mahnmal. Doch noch immer ist «Diskriminierung» das Schlagwort, wenn es um ihr Leben in Deutschland und Europa geht. Denn Roma und Sinti werden das Schimpfwort «Zigeuner» nicht los.

Sinti geben nicht gern Interviews am Telefon. Zu groß ist die Sorge, dass böse Absicht am anderen Ende des Hörers lauert, dass Rechtsextreme das Gespräch für Propaganda ausschlachten wollen. Ein «Verfolgungswahn», der in jahrhundertelanger Verfolgung tief verwurzelt ist. 1498 erklärte der Reichstag in Freiburg die Sinti für vogelfrei: Wer ihnen etwas antun wollte, durfte das ungestraft tun.

514 Jahre später möchte das Enkelkind von Adam Strauß nicht mit seinem Opa gesehen werden. «Großvater, bring mich nicht mehr in die Schule und hol mich nicht mehr ab. Wenn die rauskriegen, dass wir Sinti sind, reden die nicht mehr mit mir.» Diskriminierung. Das Schlagwort, das seit 600 Jahren das Leben von Sinti und Roma in Deutschland bestimmt, sie einschüchtert und an den Rand der Gesellschaft quetscht. Adam Strauß kämpft dagegen, er gründete vor 32 Jahren die Landesgruppe der Sinti in Hessen mit. «Weil ich immer schon Mut hatte.»

Denn Mut braucht es auch im Jahr 2012 in Deutschland, um zu sagen, ich bin Sintiza oder Sinto. Und dann vermutlich als Antwort zu bekommen: «Ach, Zigeuner?!» Zigeunern, das bedeutet auch laut aktuellem Duden «sich herumtreiben». Immerhin vermerkt die Sprachbibel, die Bezeichnung «Zigeuner» werde «vom Zentralrat Deutscher Sinti und Roma als diskriminierend abgelehnt. Deshalb sollte die Menschengruppe lieber als Sinti und Roma bezeichnet werden». Natürlich, sagt Adam Strauß: «Wir nennen uns in unserer Sprache Sinti, genau wie die Italiener sich Italiener nennen und nicht als Kanacken bezeichnet werden wollten.»

Integration? Wir leben doch seit 600 Jahren hier!

Doch anders als die Integration ehemaliger Gastarbeiter ist die Situation der rund 80.000 Sinti und Roma in Deutschland kein Thema, das der Gesellschaft auf den Nägeln brennt. Ist ja auch gar nicht nötig, «wir müssen nicht integriert werden, wir sind deutsche Staatsbürger. Vor 600 Jahren wurden wir hier erstmals urkundlich erwähnt!», sagt Adam Strauß. Seine Familie ist seit 80 Jahren in Marburg sesshaft. Sie sind hier bekannt als anständige Leute, dennoch kündigten vor zehn Jahren, als Adam Strauß in seine jetzige Wohnung zog, viele Nachbarn ihre Wohnung. Noch heute gebe es kein «Guten Tag» und kein «Guten Abend», sagt er. Wenn es wenigstens einen Anlass gäbe. Doch Familie Strauß feiert keine Feten, geht früh ins Bett, bei ihnen kann man vom Fußboden essen und die Generation seiner Kinder und Enkel spricht kaum noch ihre Sprache, das Romanes. «Wir sind übernormal», nennt Adam Strauß es - extreme Anpassung als Folge der nie endenden Diskriminierung. Strauß zitiert eine Emnid-Studie, nach der 68 Prozent der Befragten nicht mit Sinti oder Roma in einem Haus wohnen wollten.

Aber was macht die Sinti anders? Adam Strauß kennt keine besonderen Bräuche, niemand trägt folkloristische Kleidung. Er nennt den großen Familienzusammenhalt, der typisch sei für Minderheiten. Ältere Menschen werden wegen ihrer Erfahrung geschätzt und zu Hause gepflegt, der Vater ist nach wie vor das Oberhaupt der Familie, selten ziehen junge Leute für die Ausbildung weg: «Ich kenne keinen, der es vom Herzen her schafft, weit von der Familie entfernt zu sein.» Und nicht nur deshalb bleibt die Sippe zusammen: «Hier kennt man uns. Aber wenn ich irgendwo fremd bin, bin ich wieder der dreckige Zigeuner.» Das Schimpfwort wirft sie alle in einen Topf, die Sinti, die seit Jahrhunderten in Deutschland beheimatet sind, ebenso wie Roma, die im 19. Jahrhundert einwanderten oder die Balkan-Migranten der letzten Jahre und Jahrzehnte. Zigeuner eben.

Deshalb spricht Strauß auch von Outing, wenn es darum geht, die ethnische Identität zu offenbaren. Wer es geschafft habe, einen Beruf zu erlernen und einen Job zu finden, oute sich nicht, aus Angst, gleich wieder entlassen zu werden. «Der Zigeuner kommt mir nicht an die Kasse», «Das war bestimmt der Zigeuner», solche Sätze hallen in ihren Ohren wieder. Prominentestes Beispiel ist die Schauspielerin Marianne Rosenberg, die erst Anfang der 1990er Jahre zugab, Sintiza zu sein, als ihr Vater Otto in den Vorstand des Zentralrats gewählt wurde.

Von Hitler verfolgt, nach dem Krieg heimatlos

Heute wird in Berlin ein Mahnmal eingeweiht, das 67 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs an die 500.000 Sinti und Roma erinnert, die unter Adolf Hitler ermordet wurden. Tatsächlich ähnelt die Geschichte der Sinti und der anderen Roma-Stämme der der Juden. Auch sie lebten versprengt über verschiedene Länder und waren immer Minderheiten, phasenweise toleriert, meistens diskriminiert. Auch sie wollte Hitler ausrotten - doch nach dem Krieg gab es für sie kein Israel, sie blieben heimatlos. Erst 1982 erkannte Kanzler Helmut Schmidt den Holocaust an Sinti und Roma überhaupt an, ein Erfolg der Bürgerrechtsbewegung, die heute im Zentralrat der Sinti und Roma organisiert ist. Und dann hat es noch einmal 30 Jahre gedauert bis zum Mahnmal.

Adam Strauß' Großeltern waren in Auschwitz - und seine Enkelin sitzt auf dem Schulhof ganz allein da und isst ihr Brot, wie er einmal beobachtet hat. Es bricht ihm das Herz, und er ist sicher, dass es mit ihrer Herkunft zu tun hat. Er selbst arbeitet im Landesverband vor allem dafür, das die Kinder und Jugendlichen es endlich schaffen, den Teufelskreis aus Armut, fehlender Bildung und sozialer Ausgrenzung zu durchbrechen, in dem sich viele Sinti-Sippen seit Jahrhunderten drehen.

Für Bildung kämpft auch Kurt Holl. Der ehemalige Lehrer hilft beim Kölner Verein Rom e.V. Roma-Kindern, den Anschluss in der Schule zu bekommen. Sie sind mit ihren Eltern aus Rumänien, Serbien oder Mazedonien geflüchtet, wo Roma von Rassisten systematisch drangsaliert und vom Rest der Bevölkerung verachtet werden. Sie lebten in Häusern aus Pappkartons oder zu zehnt in einem Zimmer. Und jetzt kommt der Winter, «und der ist auf dem Balkan ziemlich hart», sagt Holl.

«Der deutsche Bürger verbittet sich Zigeuner und Schwule»

Die Realität der osteuropäischen Roma, die nach Deutschland flüchten, sitzt tagtäglich bei ihm in der Sprechstunde. Die Kinder sprechen Deutsch, sind hier zur Schule gegangen und erzählen von ihrer Lehrerin Frau Meyer, denn viele dieser Familien lebten bereits jahrelang in Deutschland, als sie während des Balkankrieges in den 1990ern hier Schutz fanden. Sie wurden eine Zeit lang geduldet, dann abgeschoben - trotz des lebensgefährlichen Rassismus in ihren Herkunftsländern. «Um Asyl zu bekommen, müssten sie nachweisen, dass sie von rechtsradikalen Schlägern zusammengeschlagen werden, und das unter dem Applaus der Bevölkerung», sagt Holl mit leisem Sarkasmus. Doch jetzt kommen sie wieder, verzweifelt, voller Angst vor dem tödlichen Winter.

Auch für die wenigen, die geduldet werden, sind die Chancen gering, in Deutschland den sozialen Aufstieg zu packen. Zu dicht stehen die Hindernisse, los geht es beim Wohnen. Die Stadt Köln, erzählt Holl, hat Schwierigkeiten, Häuser für Flüchtlingsfamilien anzumieten, da sich, sobald bekannt wird, dass Migranten ins Viertel ziehen sollen, prompt eine Bürgerinitiative bildet. «Der normale deutsche Bürger verbittet es sich, Flüchtlinge, Zigeuner, Schwule und Vorbestrafte in seinem Viertel zu haben», stellt Kurt Holl trocken fest. Die Heime, in denen die Roma schließlich hausen, sind überfüllt, es ist immer laut, der Fernseher läuft bis nachts um drei. Die Kinder kommen nie zur Ruhe. Wie sollen sie in der Schule lernen, wo auch die Lehrer sich bedanken - «denn sie haben ja schon Türken und Albaner, jetzt kommen auch noch die Roma?», fragt Holl.

Und trotzdem schaffen es einige bis zur Promotion. Sie haben ja auch Vorbilder hier im Land, viele der «jugoslawischen» Gastarbeiter der 1960er und 1970er waren Roma, sie fallen nicht mehr auf, sind Angestellte, Ingenieure, Ärzte. Für den Zentralrat der Sinti und Roma forscht Marian Luca, er ist rumänischer Roma, hat sich in seinem Land durchgekämpft und Russisch, Französisch und Soziologie studiert und dann auch in Deutschland noch einen Uni-Abschluss erworben. Aus seiner Perspektive haben deutsche Sinti wie Adam Strauß große Fortschritte erreicht, viele gehörten der Mittelschicht an und führten ein ganz normales Leben, während in seinem Land fast 100 Prozent der Roma arbeitslos sind, Mord und Verfolgung ausgesetzt. Ihre Kinder zur Schule zu schicken ist vielen Roma-Eltern in Europa unmöglich. «Es ist gravierend, wenn man behauptet, dass man in einem modernen Europa lebt», sagt Luca.

Mit 2,5 Millionen sind die Roma in Rumänien die größte Minderheit, doch das hilft ihnen nicht. Je schlechter es einem Land insgesamt geht, desto schlechter behandelt es auch seine Minderheiten. Für den 33-jährigen Wissenschaftler Marian Luca ist die wirtschaftliche Situation immer der Schlüssel zur Diskriminierung. Durchbrechen aber lasse die sich nur, wenn die Politik einschreitet, betont er. Sonst dreht sich der Teufelskreis jahrhundertelang weiter, wie bei den deutschen Sinti.

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jag/ham/news.de

Leserkommentare (4) Jetzt Artikel kommentieren
  • marek
  • Kommentar 4
  • 28.10.2012 02:23

Zigeuner ist kein Schimpfwort sondern der Überbegriff für alle Fahrenden.Es gibt viel mehr Gruppen als Roma und Sinti.(Zu MArburg fällt mir sofort der Mord ein an einem der schlichten wollte-die Demo wurde vom Bürgermeister verboten).In Rumänien kennen manche das wort Roma gar nicht andere mögen es nicht und andere Cigani sagen das sind alles Verbrecher. http://www.welt.de/kultur/history/article13811031/Wir-sind-Zigeuner-und-das-Wort-ist-gut.html Zumindest in der Slowakei gibt es 3 Kastenein Überbleibsel aus Indien)1 Rom=Mensch 2 Cigani= Zigeuner 3 Degesi=Hundeesser

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  • dilo gadjo
  • Kommentar 3
  • 26.10.2012 18:27

So einfach ist das mit der Benennung nicht. Mehr dazu unter: http://www.rbenninghaus.de/zigeuner-begriff.htm

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  • Sintizza
  • Kommentar 2
  • 25.10.2012 12:56

Für viele Sinti ist Zigeuner kein Schimpfwort, ich spreche hier auch von meiner eigenen Familie. http://www.dw.de/zu-besuch-bei-k%C3%B6lschen-sinti/a-16323635

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