Von news.de-Redakteurin Isabelle Wiedemeier - 10.10.2012, 10.27 Uhr

Kuriose Kleinstaaten: Wie man seine eigene Republik gründet

Wann ist ein Staat ein Staat? Ein Dorf in Russland möchte nichts mehr von Moskau wissen und nennt sich jetzt Demokratische Republik Russki – DRR. Auch in Deutschland haben wir die Freie Republik Schwarzenberg oder DeutschlandNeu in Wittenberg. Aber was macht ein Land eigentlich zum Land?

FOTOS: Freie Republiken Die verrücktesten Staaten der Welt

Die Erde wird nicht größer, doch auf ihr drängen sich immer mehr Länder. Seit 1990 sind rund 30 neue Staaten hinzugekommen, zuletzt der Südsudan, seit er sich im Juli 2011 vom Norden abspaltete, und in Europa der Kosovo, der sich 2008 für souverän erklärte. Diese neuen Staaten sind allesamt Abspaltungen bereits bestehender oder Zerfallprodukte künstlich zusammengezimmerter Großreiche – sei es durch Kolonialherren oder Kommunisten.

Dann haben wir noch Möchtegern-Staaten wie die Katalanen, die nicht davor zurückschrecken, König Fußball für ihre Unabhängigkeitsgelüste von Spanien zu instrumentalisieren, vor allem wenn es wie am vergangenen Sonntag gegen die verhassten Königlichen von Real Madrid geht. Auch hierzulande soll es einige Weiß-Blaue geben, die gern einen Grenzzaun am Weißwurstäquator hochzögen, wie die Bayernpartei regelmäßig in ihren Wahlwerbespots propagiert.

Doch fernab dieses politischen Separatismus drängt sich ab und an ein verrücktes Kleinod ins Staatenpanorama. NeuDeutschland in Wittenberg, die Freie Republik Wendland oder die Dorfrepublik Rüterland - mehr dazu in der Bilderstrecke. Jüngster Streich: Die DRR – Demokratische Republik Russki. Das kleine Dorf Shebantsevo will von Moskau nichts mehr wissen, weil die Regierung ihnen eine neue gebührenpflichtige Straße aufgedrückt hat, obwohl die Dorfbewohner das Projekt per Volksentscheid abgeschmettert hatten. Der Verkehr brach zusammen, die Bürger sind wütend. Statt Moskau fühlen sich die Shebantsevoer nun Brüssel zugehörig und wollen Mitglied der EU werden.

Eine Freie Republik im Erzgebirge

Was ist überhaupt ein Staat? Weltweit anerkannt ist die von Völkerrechtler Georg Jellinek entwickelte Drei-Elemente-Lehre. Demach bedarf es eines Staatsvolks, eines abgrenzbaren Staatsgebietes auf der Erde und einer Staatsgewalt, also einer Regierung. Das alles könnte sich Shebantsevo ja geben – aber ganz so leicht ist es dann doch nicht. Denn ein Staat muss völkerrechtlich anerkannt werden, und das geht nicht, wenn er sich auf dem Gebiet eines anderen Staates befindet, denn damit würde ein anerkennender Staat die Souveränitätsrechte verletzen, in diesem Fall von Russland.

Es könnte also schwierig werden für Shebantevo, Anhänger im Klub der Staaten zu finden. Ab und zu jedoch tut sich ein Vakuum auf. Der Bildhauer Jörg Baier aus Schwarzenberg im Erzgebirge weiß da Bescheid, denn er lebt in der Freien Republik Schwarzenberg. Eigentlich ist sie nur ein Federstreich der Geschichte, 21 Städte und Dörfer, die Amtshauptmannschaft Schwarzenberg, die nach dem Zweiten Weltkrieg 42 Tage lang den Besatzern entging. Die Russen waren in Annaberg stehengeblieben, die Amerikaner in Zwickau. Im Mai und Juni 1945 machten die Bürger deshalb ihr eigenes Ding, gründeten einen antifaschistischen Aktionsausschuss, verhafteten die Nazis und druckten Notgeld und eigene Briefmarken.

Der Schriftsteller Stefan Heym machte 1984 in der DDR einen Roman aus dieser Geschichte, und nach dem Fall der Mauer erinnert sich die kulturfreudige Gruppe «Zone» um Bildhauer Baier wieder daran. «Lasst uns unser Schicksal selbst in die Hand nehmen, nicht warten, dass was passiert, sondern handeln», formuliert Baier die Idee. Eine Flagge wurde entworfen und 1998 ein Antrag unter anderem an die Bundes- und die sächsische Landesregierung gestellt, in dem man das Ausrufen einer Republik ankündigte und um Genehmigung der Flagge bat.

Ein Staatenbund der kuriosen Kleinstaaten

«Es kamen bierernste Antworten», erinnert sich Baier, doch letztlich verlief der Antrag im Sande. Auf Bundesebene wird der Antrag von einer Institution zur nächsten geschickt, die sächsische Staatskanzlei bezweifelt, dass sich die Bewohner der Region Schwarzenberg als Staatsvolk begreifen und der Verein Mehr Demokratie freut sich über den Buchtipp zu Stefan Heym.

Eine echte Republik Schwarzenberg ist nicht daraus geworden, doch für Jörg Baier hat die Kulturinsel, die sie durch ihre Aktionen geschaffen haben, nach wie vor einen ernsten Hintergrund: über den Berg hinauszuschauen in die europäische Weite. «Schwarzenberg ist eine miefige Kleinstadt im Erzgebirge, bis heute regiert hier immer die CDU. Wir wollen ein bisschen Autonomie zelebrieren innerhalb des vereinigten Europas, weltoffen und tolerant.»

Da würde sich doch eine gegenseitige Anerkennung mit der Demokratischen Republik Russki und den anderen freien Republiken anbieten.

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jag/news.de

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