Jahrelang vertuscht Giftige Luft im Cockpit

Riskantes Spiel
Die Katastrophe ist einkalkuliert

Von Wolfgang Schönwald
Bisher ist noch kein Flugzeug wegen vergifteter Kabinenluft abgestürzt. Deshalb nähmen die Fluglinien das Problem nicht zur Kenntnis, sagt Pilotensprecher Jörg Handwerg. Er schätzt, es gebe rund zehn Vorfälle pro Woche - allein bei deutschen Airlines.

Die Probleme mit belasteter Kabinenluft in Passagierflugzeugen sind möglicherweise größer als bisher bekannt. Hinter den Kulissen sind sie längst ein Thema, nun fordert Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) ein gemeinsames europäisches Vorgehen. Das Thema gehöre auch in Brüssel auf die Tagesordnung, sagte er dem Nachrichtenmagazin Der Spiegel.

Ramsauer wies zugleich Vorwürfe zurück, die Behörden würden Probleme mit den Öldämpfen vertuschen. Die Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung befasse sich seit Jahren intensiv mit dem Thema Kabinenluft, sagte der Minister. «Nichts wird von den Ermittlern unter den Teppich gekehrt», betonte er.

Gefahr der Vergiftung seit zehn Jahren bekannt

Der Grünen-Abgeordnete Markus Tressel kritisierte dagegen, das Ministerium hätte schon vor Jahren aktiv werden können. So habe das Luftfahrt-Bundesamt in einem internen Papier bereits 2003 gewarnt, dass Ölrückstände in Triebwerken «zur gesundheitsschädlichen Verunreinigung der Kabinenluft» sowie «Vergiftungserscheinungen bei der Flugbesatzung» führen könnten.

Cockpit-Sprecher Handwerg warnte im Nachrichtenmagazin Focus, weil noch keiner abgestürzt sei, nähmen die Hersteller das Problem bisher einfach nur zur Kenntnis. Der Flugkapitän forderte, das System der Luftzufuhr aller Flugzeuge grundlegend zu ändern. Bei modernen Passagierflugzeugen wird die Kabinenluft direkt aus den Triebwerken abgezapft. Öldämpfe können so über die Luftversorgung ins Kabineninnere gelangen.

«Wir brauchen effektive Warnanlagen, die die Nase der Crew als Schadstoffdetektor ersetzen», sagte Markus Tressel. Es gebe bereits Systeme, die die Kabinenluft an anderer Stelle als den Triebwerken abzwacken. Gebraucht würden zudem endlich Jet-Öle, die für das Nervensystem unbedenklich seien.

Lufthansa arbeitet an Lösungen

Nach Einschätzung des Luftfahrt-Bundesamts verstoßen deutsche Airlines häufig gegen Meldepflichten, berichtet der Spiegel aus einem Schreiben der Behörde vom November 2010. Einen Monat später wäre ein Germanwings-Flugzeug in Köln beinahe abgestürzt, weil giftige Öldämpfe in die Kabine gelangt waren, wie erst kürzlich publik wurde. Aus dem gleichen Grund erkrankten Anfang September mehrere Passagiere der XL-Airways in Köln.

Lufthansa-Sprecher Michael Lamberty wies die Vorwürfe für seine Airline entschieden zurück. Die Lufthansa halte sich an die gesetzlichen Bestimmungen. «Das, was gemeldet werden muss, melden wir auch.» Nicht jeder untypische Geruch an Bord sei aber auch gleich meldepflichtig.

Die Lufthansa hatte angekündigt, ein Analysegerät zur Messung möglicher Schadstoffe in der Kabine entwickeln zu lassen. Zudem wurden in Antriebsaggregate von Triebwerken bereits spezielle Bleche eingezogen. Sie sollen verhindern, dass austretendes Öl über Ansaugstutzen in die Kabinenluft gelangt. Bis alle Maschinen damit ausgestattet sind, sollen Techniker kontrollieren, ob Öl ausgetreten ist und das Ganze gegebenenfalls manuell reinigen.

Tressel nannte die Maßnahmen der Lufthansa einen ersten Schritt. Eine manuelle Reinigung der Zapfluftkanäle reiche jedoch nicht, man müsse diese sehr aufwendig spülen. Zudem stelle sich die Frage, warum dieses «Wunderblech» nur beim Airbus A 380 eingebaut werde, wenn es sinnvoll sei.

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iwi/news.de/dapd/dpa

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