Amische-Prozess 20 Jahre Knast für Haarschnitt und Rasur

Ihre Waffen waren Scheren und Rasierer. Weil sie Frauen und Männern Haare und Bärte kappten, müssen 16 Amerikaner für viele Jahre in den Knast. Sie gehören einer Glaubensrichtung an, in der die Haare heilig sind: Für die Amischen ist Rasieren ein Hassverbrechen.

Die jecke Justizia : Kuriose Fälle vor Gericht

Urteil im amerikanischen «Bartkrieg»: Die gewaltsamen Zwangsrasuren in einer Amischen-Religionsgemeinschaft werden juristische Folgen für die Täter haben. Ein Gericht im US-Staat Ohio sprach am Donnerstag 16 Mitglieder eines extremen Amisch-Clans schuldig, im vergangenen Herbst Glaubensbrüdern und -schwestern gewaltsam Bärte oder Haare abgeschnitten und damit «Hassverbrechen» begangen zu haben.

Die Angeklagten wurden außerdem dem Tatbestand der Verschwörung für schuldig befunden. Die Strafe dafür könne nach US-Recht mehr als 20 Jahre betragen, berichtete der TV-Sender Fox News. Das Strafmaß soll kommenden Januar bekanntgegeben werden.

Die «Racheengel» weckten Myron Miller und seine Frau Arlene aus dem Tiefschlaf. Fünf bis sechs Männer mit langen Bärten und Hüten standen im Schein der Petroleumlampe vor der Tür. So beschreibt es das Paar zumindest in der New York Times. Bewaffnet mit Scheren und batteriebetriebenen Rasierern.

Der Bart ist das Heiligste

Sie rissen Miller hinaus in die Dunkelheit und kappten seinen langen schwarzen Bart. «Normalerweise hält mein Mann eher die zweite Wange hin, wenn ihm jemand etwas tut», sagte seine Frau der Zeitung. «Doch instinktiv wehrte ich mich», gestand Miller. Denn der Bart ist so ziemlich das Heiligste, was ein Amisch am Leibe trägt. Seine Zwangsrasur die größte Demütigung. Miller und ein Leidensgenosse brachten einen Prozess ins Rollen, der Seinesgleichen sucht.

Der Amisch-Clan wird mit eiserner Faust von Bischof Sam Mullet regiert. Der 67-jährige soll seine Gefolgsleute - unter ihnen auch seine Söhne - angestiftet haben, im Herbst vergangenen Jahres mindestens fünf Glaubensbrüder und -schwestern wegen mangelnder Folgsamkeit mit Zwangsrasuren von Bärten und Kopfhaar abzustrafen.

Der Bischof soll die 120-köpfige Bergholz-Gemeinde in Ost-Ohio nach Angaben der Bundespolizei FBI wie ein Sektenführer im Griff haben. Mullet habe auch Sex mit verheirateten Frauen gehabt, um sie «vom Teufel zu reinigen», zitierte die New York Times aus einer eidesstattlichen Zeugen-Erklärung. Unfolgsame habe er geschlagen oder gezwungen, in einem Hühnerkäfig zu schlafen. Wer ihm widersprach, wurde exkommuniziert.

Ab der Heirat dürfen Männer ihre Bärte und Frauen ihr Haar nicht mehr schneiden

Bei den «Scherenopfern» handelt es sich um Amisch-Geistliche, die sich gegen diese Exkommunikation aufbegehrt hatten - aber auch Glaubensbrüder, die Familien halfen, der Knute Mullets zu entkommen. «Der Bart ist das Schlüsselsymbol der männlichen Amisch-Identität», so der Soziologe Donald B. Kraybill vom Elizabethtown College in Pennsylvania. In der christlichen Religionsbewegung, die ihre Wurzeln in der Täuferbewegung des 16. Jahrhunderts hat, stehen die Haare auch für den Familienstand. Mit dem Zeitpunkt der Heirat dürfen Männer ihre Bärte - ausgenommen davon ist der Oberlippenbart - und Frauen ihr Kopfhaar nicht mehr schneiden.

Die Amischen lehnen technischen Fortschritt wie Elektrizität oder Telefon weitgehend ab und führen zumeist ein einfaches, bäuerliches Leben. Die Öffentlichkeit meiden sie, soweit es geht. Streitigkeiten regeln sie lieber unter sich. Doch diesmal riefen die Amischen um Hilfe: «Wir wollen diese Täter hinter Gittern sehen», erklärte Miller der New York Times. Plädiert hatten alle 16 auf «nicht schuldig».

iwi/news.de/dpa

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Leserkommentare (7) Jetzt Artikel kommentieren
  • heinrichIV
  • Kommentar 7
  • 25.09.2012 12:20

Bartträger aufgepasst! Menschen mit Bärten und Schnurrbart werden in Deutschland vom Geheimdienst erfasst und observiert, möglicherweise auch im tiefen Bayern. Also Leute, bitte nur noch frisch rasiert auf die Straße gehn, sonst werdet Ihr möglicherweise zur Risikogruppe und als terrorverdächtig eingestuft, auch wenn Ihr nur die eigene Frau terrorisiert, ha, ha.

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  • Atheist
  • Kommentar 6
  • 22.09.2012 15:42

Dass man an dieser Stelle über solch einen Blödsinn überhaupt berichtet, verstehe ich nicht. Mir sind alle (!) fanatischen Gläubigen, gleich welcher Glaubensrichtung (die gibt es auch unter evangelischen und erst recht unter katholischen Christen!) suspekt. Haben diese Leute aus der Geschichte nichts gelernt? Die schlimmsten Kriege waren immer Glaubenskriege. Wenn mich einer bekehren will, kriegt er eins aufs Maul. Habe so meine (schlechten) Erfahrungen mit den "Frommen" gemacht und bin seither überzeugter Atheist. Lasse ansonsten nur noch den friedfertigen Buddhismus gelten.

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  • R.Sch.
  • Kommentar 5
  • 21.09.2012 15:53

Wieso landet mein Kommentar in der falschen Rubrik.? Hat hier nichts mit zu tun

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