Trauern 2.0 Friedhöfe für Voyeure

Steinmetz Andreas Rosenkranz hat als erster ein Quick-Response-Zeichen in einen Grabstein gemeißelt. (Foto)
Steinmetz Andreas Rosenkranz hat als erster ein Quick-Response-Zeichen in einen Grabstein gemeißelt. Bild: dapd

Isabelle WiedemeierVon news.de-Redakteurin
Unser Leben spielt sich zu einem Großteil im Internet ab, warum sollte es mit dem Tod anders sein? Zehntausende Gräber stehen online in Deutschland, sie lassen sich am echten Grabstein gleich mit verlinken. Im Netz kann dann jeder schauen, wer der Tote war. Voyeurismus oder endlich mehr Nähe zum Tod?

Per SMS erfuhr ein Berliner in der vergangenen Woche vom Tod seiner Mutter im Pflegeheim. Die Empörung war groß, das Heim entschuldigte sich, es sei ein bedauerlicher Einzelfall gewesen. Geburten werden in Kurznachrichten verkündet, Schluss gemacht ohnehin, der Tod eines Menschen indes fordert mehr Würde ein. Mit der SMS war ganz klar eine Grenze überschritten.

Digitalisiert und online allerdings sind Tote längst. 1921 geboren, 2006 gestorben. 85 Jahre hat Hildegard gelebt, im Netz sind ein paar Fotos aus dieser langen Zeit zu sehen. Oder Rebecca. Mit 17 wurde sie schwanger, doch drei Tage nach der Geburt ihrer Tochter war sie tot. Ihre große Schwester beschreibt online, wie Rebecca schnell immer schwächer wurde. Ein schrecklicher Tod, wie auch der von Sabina. Nur 13 ist sie geworden, der tödliche Unfall auf den Bahngleisen stand in der Zeitung und ist im Netz nachzulesen.

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Zu Lebzeiten geben wir im Internet preis, worauf wir abgehen, was uns froh und traurig macht. Und auch das Leben nach dem Tod geht online weiter, das ist nur logisch. Das Basispaket für eine Online-Grabstätte ist bei vielen Anbietern kostenlos, Familie und Freunde können von der ganzen Welt aus aktiv trauern, ihr Mitgefühl bekunden oder einfach eine Kerze anzünden.

Kerze anzünden per Mausklick

Wer gern über Friedhöfe spaziert und sich ausmalt, wer sich wohl hinter den Namen und Lebensdaten verbirgt, hat es jetzt leicht. Auf der Seite infrieden.de gehören zum Umsonst-Basispaket ein Album mit zehn Bildern, eine Audiodatei und ein Video. Der Verstorbene kann komplett präsentiert werden.

Fast 20.000 virtuelle Grabstätten weist die Trauerseite strassederbesten.de auf, 25 Millionen Besucher sind schon über einen der elf Themen-Friedhöfe gelaufen, haben sich die Gräber angeschaut, haben Anteil genommen, indem sie kostenlos per Mausklick eine Kerze auf ein Grabmal platzierten oder die Gedenkstätte weiterempfahlen. Die Kinder auf dem «Friedhof für Sternenkinder» lebten nur wenige Stunden oder Tage, doch auch alte Menschen wie Hildegard sind online begraben.

QR-Code am Grabstein - Angst vor AD/DC

Die Angebote der Trauerseiten im Netz reichen von pixeligen Rosen auf einer Traueranzeige bis zu individuell gestalteten Gedenkstätten, viele sind an Anzeigen in Tageszeitungen wie Frankfurter Rundschau oder Süddeutsche gekoppelt. Stayalive.de empfiehlt, schon zu Lebzeiten eine Gedenkstätte vorzubereiten, diese lässt sich dann mit einem «realen Friedhof der Wahl» verknüpfen.

Auch andersherum funktioniert die Verbindung seit Kurzem. Der Kölner Steinmetz Andreas Rosenkranz hatte als erster seiner Zunft die Idee, einen QR-CodeQR bedeutet Quick Response. Die Codes sind quasi die Weiterentwicklung des Strichcodes und enthalten oft eine Webadresse. Smartphone können sie entschlüsseln und öffnen die entsprechende Website. , wie wir ihn von Bahntickets oder Werbeplakaten kennen, in einen Grabstein zu meißeln. Wer sein Smartphone daneben hält, wird an einen virtuellen Ort geleitet. Das kann die Gedenkstätte bei einem Online-Anbieter sein oder eine selbst gestaltete Trauerseite. Bei Friedhofsämtern sei seine Innovation nicht sonderlich beliebt, sagte Rosenkranz in einem Interview mit der Frankfurter Rundschau: «Sie haben Angst, dass jemand auf AC/DCs Highway to Hell verlinken könnte.»

In seiner Branche hat Rosenkranz' Innovation hingegen voll eingeschlagen. Anfang September wählten sie seinen Stein im «Grabmal-Ted» zum besten des Jahres. Rund 2500 Euro kostet das Mal, in dem der QR-Code oben prominent in ein Kreuz integriert ist. Drunter hat Andreas Rosenkranz gemeißelt: «Das Ende des Lebens ist der Beginn der Unendlichkeit.»

Tod ist Thema - nicht nur im November

Der Tod ist über die Kanäle der Populärkultur selbst populär geworden. Millionen trauerten online, als Amy Winehouse starb, es gibt eine Facebook-Kondolenzseite für die kleine Lena aus Emden und für Torwart Robert Enke, Online-Gedenkstätten für Patrick Swayze oder Michael Jackson. Der Hamburger Trauerforscher Norbert Fischer sagt, er könnte jeden Monat in mindestens einer TV- oder Radiosendung sitzen, «und das nicht nur im November».

Die noch immer gern verbreitete Behauptung, unsere Gesellschaft verdränge Tod und Trauer, sei einfach nicht mehr wahr, sagt er. Und tatsächlich helfe auch die Digitalisierung bei diesem offeneren Umgang mit Trauer. Vor allem aber haben sich Trauer und Erinnerung von der konkreten Grabstätte auf dem Friedhof entfernt und ins Netz verlagert - auf den Friedhof im Heimatort würden es nur wenige Freunde und Bekannte schaffen. Zwar werden noch immer Joints bei Jim Morrison geraucht, aber eben auch flackernde Digitalkerzen entfacht.

Das Netz ist vor allem ein Ort, um Trauer mitteilen zu können - ohne die Angst, andere damit zu nerven. «Verwaiste» Eltern schreiben lange Briefe an das tote Kind, eine junge Frau erzählt ihrem «schwarz-gelben Schatz», dass sein BVB heute gewonnen habe, und eine Tochter berichtet der verstorbenen Mutter vom Streit ums Erbe und schreibt tatsächlich Sätze wie: «Ich hoffe, dass du dich endlich meldest.»

zij/news.de

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