Reise zu den Alten Wie wir 100 Jahre alt werden

Von wegen altes Eisen
Coole Alte

Isabelle WiedemeierVon news.de-Redakteurin
Was muss ich essen, um uralt zu werden? Marcus Lauk ist um die Welt gereist, um das passende Rezept zu finden. Zwischen Japan und Kalifornien besuchte er die ältesten Menschen der Welt und weiß jetzt: Alt werden ist eigentlich ganz einfach – wenn man sich darauf freuen kann.

«Lernen von den Alten» ist hierzulande ein Spruch, aber auch nicht mehr. Wer jenseits der 40 seine Arbeit verliert, muss sich auf eine Jobsuche begeben, die sich schnell entwürdigend anfühlt. Von Würdigung des Alters keine Spur bei den karrierewilden Jungspunden. Das Gefühl, jemand wolle von ihnen lernen, verspürt auch die Generation 80plus im Pflegeheim nicht. Sie ist froh, wenn ihr jemand ein wenig Zeit schenkt. Dabei hätte sie viel zu geben.

Was er wirklich lernen würde, darauf war auch Marcus Lauk nicht gefasst, als er die Welt umrundete, um dem Alter auf die Schliche zu kommen. In Bergdörfern auf der italienischen Insel Sardinien und der griechischen Insel Ikaria, auf der japanischen Inselgruppe Okinawa und in Loma Linda, Kalifornien, wollte er die ältesten Menschen der Erde treffen - Lauk, der 38-Jährige, der sich eigentlich höchstens wie 30 fühlt, wollte wissen: Wie schaffe ich es, richtig alt zu werden?

Japanische Alte pflegen Sandkastenfreundschaften

Los fuhr Lauk als Ernährungswissenschaftler, der sein eigenes Übergewicht überwunden hatte und nach dem Speiseplan suchte, die ihm den drohenden Herz-Kreislauf-Tod unserer Zivilisation ersparen würde.

Nachdem er jedoch erlebt hat, wie sich in Okinawa 95-Jährige regelmäßig einmal pro Woche mit ihren Sandkastenfreunden treffen, dabei jedes Mal ein wenig Geld sammeln und gemeinsam entscheiden, wer von ihnen es gerade am dringendsten braucht, weiß er: Gesundes Alter ist nicht allein eine Frage von Kalorien. Moai heißen diese lebenslangen Kreise von Freunden, die sich gegenseitig helfen, und für ihn sind sie die Antithese zu Facebook. Sehr wenige Freunde, dafür eine hohe Qualität, ein Leben lang.

Nachdem er 90-jährige Frauen auf Sardinien beobachtet hat, die mit durchtranierten, strammen Waden und schwungvollem Gang zu Fuß durch die Berge in den Nachbarort spazierten, ist ihm auch klar geworden: Es muss nicht das wilde Trainieren gegen den inneren Schweinehund sein, das ein Leben lang fit hält.

Die Jüngeren sterben früher

Als er erfahren musste, dass selbst er als forschender Besucher in Japan keinen Einlass bekam in den erlesenen Club der Über-85-Jährigen, wo sich nur Weisheit in geballter Form austauschen darf, wurde ihm klar, dass es auch das gute Gefühl ist, alt zu sein, das jung hält. Auf Okinawa stehen die Alten im sozialen Netz ganz oben, deshalb freuen sich die Menschen aufs Alter.

Doch Marcus Lauk hat auch gelernt, dass Okinawa und Ikaria keine magischen Orte sind. In einem der japanischen Dörfer, die er besuchte, sind von 3000 Einwohnern über 40 sehr agile 100-Jährige. Deren Kinder allerdings sind häufig schon tot, denn für die nächste Generation funktioniert die Zauberformel nicht mehr. Sie leben das Leben, das Lauk beobachtet hat, schon nicht mehr. Genauso ist es in Griechenland: Die Greise sind schlank und aktiv, ab 60 abwärts sind viele übergewichtig, fahren viel Auto – und sterben früher.

Der Ernährungswissenschaftler war auf der Suche nach einem Rezept zum Altwerden, und er hat es entdeckt. Allerdings mag er nun kein Ernährungswissenschaftler mehr sein. Das reicht ihm nicht mehr. Zwar spielen Essen und Bewegung eine Rolle, aber das Soziale ist ebenso wichtig für ein langes Leben, hat ihn die Reise gelehrt. Sein Rezept hat Marcus Lauk zwar zwischen Loma Linda und Okinawa gelernt, anwenden aber kann es jeder überall und auf seine Art. Da liegt der Schlüssel.

Ernährung: möglichst echt

Wer uralt wird, hat sein Leben lang ziemlich wenig gegessen, ist aber immer satt geworden und verzehrt vor allem echte Lebensmittel, die «nach dran sind an der Natur», wie Lauk sagt. Vitamine zum Beispiel seien gesund, wenn sie so gegessen werden, wie sie wachsen und nicht als Dragees. «Jeder muss für sich prüfen, welche Nahrung macht mich satt und zufrieden. Um Qualität kommt man dabei nicht herum. Die Alten in Okinawa zum Beispiel essen regelmäßig Schweinefleisch, aber das Schwein ist natürlich nicht mit Anabolika gefüttert worden.»

Bewegung: am besten im Alltag

Wer auf Sardinien ins Nachbardorf wandert, hat sein tägliches Trainingsprogramm bereits absolviert, und wenn die Alten in Okinawa ihre drei bis fünf Gärten versorgt haben, hat ihr Körper auch genug gearbeitet. «Wer 2000 bis 3000 Kalorien pro Woche durch körperliche Aktivität verbrennt, dessen Herz-Kreislauf-Risiko sinkt um 64 Prozent», sagt Lauk. Die Kalorien müssen nicht im Fitnessstudio purzeln, genauso gut funktioniert ein aktiver Alltag, beweisen seine Uralten. Für uns kann das heißen: mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren, die Bierkästen die Treppe hochtragen, statt sie in den Aufzug zu stellen oder den Einkauf zu Fuß erledigen.

Psyche: Jeder Tag hat einen Sinn

Vernachlässigt hatte der gesundheitsbewusste Marcus Lauk vor seiner Reise das Soziale. Doch die Devise «Moai statt Facebook» überzeugte ihn. «Die alten Menschen auf Okinaka leben nach ihrem Ikigai. Das ist der Grund, warum man morgens aufsteht, ein Sinn des Lebens auf täglicher Ebene.» Eine alte Dame spürte ihren Sinn darin, sich um die Urenkel zu kümmern, ein Mann, den Karatesport noch weiterzugeben, bevor die Tradition verloren geht. «Ikigai erhöht die Lebenserwartung, weil das Leben dadurch mit Sinn erfüllt ist», sagt Lauk.

Beweisen lässt sich das alles nicht. Um das erforschen zu können, müsste ja derselbe Mensch noch einmal das gleiche Leben mit kleinen Veränderungen leben, meint Marcus Lauk. Aber die Korrelationen sind da, rund um den Globus, das ist ihm Beweis genug. Für Marcus Lauk bedeutet das zum Beispiel, dass er jetzt auch schon mal eine Trainingseinheit auslässt, stattdessen seine Familie oder Freunde besucht und trotzdem das Gefühl hat, etwas für seine Gesundheit zu tun. Das Rezept zum uralt werden? «Ich bin jetzt entkrampft und stehe sicherer im Leben.»

jag/news.de

Leserkommentare (3) Jetzt Artikel kommentieren
  • wsd
  • Kommentar 3
  • 16.09.2012 14:57

Angst hilft nicht weiter, hemmt, behindert. Niemand weiss, wann das Ende anklopft. Dennoch ist eine positive Lebenseinstellung vorteilhaft, da bekanntlich unsere Psyche einen erheblichen Teil dazu beiträgt. Vernünftige Nahrungsaufnahme gehört zum Wohlbefinden, steigert Geist/ Seele -abgesehen von überhöhten Kalorien Bomben- plus dazu gehörende Aktivitäten aktivieren nicht nur unseren Blutdruck. Unterschiedliche Gemütslagen klaffen gewiss auseinander, schaffen Körperempfindungen, die jeder –nach Wesensart- für sich bestimmen kann. Herzstück unseres Innenlebens sollte eine positive Ebene ergeben. Damit eventuell können wir es unsere Lebenslinie zu verlängern.

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  • Hackbarth
  • Kommentar 2
  • 16.09.2012 13:14

Tja, in anderen Kulturkreisen wird das Altern gefördert. In Dl gelten die Alten, ja offenkundig als unnützer Ballast, der irgendwie durchgefüttert werden muss. Traurig aber wahr! Oder wie lässt sich sonst erklären, dass nicht nur die absoluten Löhne/Gehälter abgesenkt werden und selbst der Normalverdiener in die Altersarmut zu gehen hat? - Und das alles bei STEIGENDEN BIP und Profiten weniger...

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  • wurzelei
  • Kommentar 1
  • 16.09.2012 12:52

Na, ob das wünschenswert ist, wenn ich(70) mir nur die Dementen anschaue ohne andere körperliche Gebresten. Wer so oll werden will, muß schon sehr mutig sein. Sozialverträgliches Frühableben kann eine Alternative sein besonders dann, wenn Banken und Politik uns völlig verarmen, was kommen wird bei der kriminellen Schuldenpolitik allerorten.

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