Ex-Neonazi beichtet «Ich trat einer Schwangeren in den Bauch»

Früher war er militanter sächsischer Neonazi, gründete Wehrsportgruppen und schlug Migranten zusammen. Im Knast beschloss Manuel Bauer den Ausstieg und hält heute Vorträge über Rechtsextremismus. Im Interview erzählt er, wie er 15 Jahre einer falschen Ideologie anhing.

Rechtsextremismus: Die braune Gefahr

Er schlug Migranten, prügelte mit Kameraden per Baseballschläger eine türkische Hochzeitsgellschaft zusammen. Manuel Bauer wuchs in der Nähe der sächsischen Kleinstadt Torgau auf. «Rechtssein war damals ein Modetrend», sagt der heute 33-Jährige. In den 1990er Jahren war Bauer ein militanter Neonazi. Er gründete Kampfgruppen, die die Namen «Bund arischer Kämpfer» und «Wehrsportgruppe Racheakt» erhielten.

Verhaftet wurde er, nachdem er einen homosexuellen Geschäftsmann um 20.000 D-Mark erpresst und ihn zusammengeschlagen hatte, denn sein Opfer gab Bauers Handy-Nummer und Kfz-Kennzeichen an die Polizei weiter. Er wurde zu zwei Jahren und zehn Monaten Haft verurteilt.

Während seiner Haft beschloss er über die Aussteigerorganisation Exit den Rückzug aus der rechten Szene. Heute hält er Vorträge an Schulen, ist gefragter Talkshow-Gast. Er hat seine eigene Consulting-Firma und nun ein Buch mit dem Titel Unter Staatsfeinden herausgebracht, in dem er seine bisherige Lebensgeschichte erzählt. Kritiker nehmen ihm seine Umkehr nicht ab, andere monieren, dass er sein Aussteiger-Schicksal vermarkten würde.

Rechte Onlineshops: Nazi-Schlüpfer und das reichsPhone
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Sie leben heute anonym in Süddeutschland. Haben Sie Angst, wenn Sie auf die Straße gehen? Werden Sie beschützt?

Bauer: Es gibt ein Sicherheitskonzept für mich und meine Frau. Der Personenschutz kommt bei Reisen zum Einsatz oder wenn ich in gewissen Situationen ein mulmiges Gefühl habe. Ich arbeite mit einem Sicherheitsdienst zusammen und habe dann meine eigenene Leute, die mich beschützen.

Sie sind 33 Jahre alt. Können Sie sich eine Familie vorstellen?

Bauer: Nein. Unter diesen Umständen möchte ich keine Kinder in die Welt setzen.

Haben Sie ehemalige Kameraden getroffen?

Bauer: Es gibt viele Rechte, die ich nicht kenne, die mich aber durch meine Medienpräsenz kennen. Ich bekomme viele E-Mails: Einige stellen mich als Lügner hin und nehmen mir den Ausstieg aus der rechten Szene nicht ab, andere – vor allem Rechte – denunzieren mich.

In welchem Moment haben Sie für sich selbst den Ausstieg aus der rechten Szene beschlossen?

Bauer: Während der intensiven Gespräche mit der Aussteigerorganisation Exit habe ich mich selbst und meine Taten hinterfragt. Mir sind die Widersprüchlichkeiten der Szene ausgefallen. Nehmen Sie Michael Kühnen, einer der führenden militanten deutschen Neonazis der 1970 und 1980er Jahre. Er war homosexuell und ist an Aids gestorben. Dabei verbietet die rechte Ideologie eigentlich sämtliche Sympathien für Homosexuelle.

15 Jahre Ihres Lebens hingen Sie der falschen Ideologie an. Gibt es Situationen, die sie als besonders beschämend empfinden?

Bauer: Als ich eine indische Familie angegriffen habe. Ich fühlte mich von ihr provoziert. Ich habe den Mann getreten, ich habe der schwangeren Frau in den Bauch getreten, ich habe sogar das fünfjährige Kind getreten. Es gab aber auch Tage, an die ich mich gern erinnere, wir waren ja nicht jeden Tag auf Pirsch. Sonnenuntergänge, am Lagerfeuer sitzen, Grillen – der Zusammenhalt war einerseits solidarisch, andererseits aber sollte man den Hintergrund und die Ziele der Ideologie nicht vergessen.

Wie ist die rechte Szene heute organisaiert?

Bauer: Die Leute meiner Generation sind heute Alt-Nazis und eigentlichen Agitatoren. Die Szene ist nach wie vor gefährlich. Durch staatliche Verbote und Repressalien lernt auch die rechte Szene dazu – sie verändert die Struktur, wird radikaler und geht in den Untergrund. Hier gilt: Was der Staat nicht kennt, kann er auch nicht bekämpfen.

Apropos Untergrund: Inwieweit wussten Sie vom Rechtsterror der NSU, die in einer Terrorserie zehn Menschen tötete?

Bauer: Ich kannte die NSU nicht. Ich habe nur 1997 bei der Bundeswehr zwei Kameraden aus dem Thüringer Heimatschutz kennengelernt.

Was würden Sie jungen Rechten sagen, wenn Sie auf sie treffen würden?

NSU: Die Geschichte einer beispiellosen Terrorserie

Bauer: Wenn ich rassistische Äußerungen höre, dann frage ich zurück: «Oh, bist du Fan vom Dritten Reich?» Dann werde ich komisch angeschaut. Ich versuchem mit den Jugendlichen ins Gleichgewicht zu kommen, rede mit ihnen. Der Rassismus, die rechte Gesinnung geht immer auf die Sorgen der Bevölkerung ein, das ist das Gefährliche.

Sie treten in vielen Talkshows auf, halten Vorträge, haben eine eigene Consulting-Firma und nun Ihr eigenes Buch rausgebracht. Vermarkten Sie Ihr Aussteiger-Schicksal?

Bauer: Die Aspekte der Aufklärung und Gegenstrategien stehen für mich im Vordergrund, wobei aus der Vielzahl der Anfragen und durch das fortlaufende Interesse Manuel Bauer Consulting gegründet wurde. Wenn ich mich nur zurückziehen würde, hätten die Rechten gewonnen. So wird mir immer wieder bewusst, dass ich mich um 360 Grad gedreht habe. Das finde ich gut.

Autor: Manuel Bauer
Titel: Unter Staatsfeinden. Mein Leben im braunen Sumpf der Neonaziszene
Verlag: riva
Umfang: 192 Seiten
Preis: 17,99 Euro
Erscheinungstermin: 7. September 2012

iwi/news.de

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Leserkommentare (12) Jetzt Artikel kommentieren
  • manuel bauer
  • Kommentar 12
  • 17.09.2012 10:07
Antwort auf Kommentar 7

geführt hatte, verhalfen Mir meine Schuld mir selber einzugestehen und diese auch zu verarbeiten. Ich bin kein Einzelfall. Das Schutzpersonal ist oft unablässig. Es ist eigentlich schade, dass man bei solchen Veranstaltungen oder anderen eine Schutzbedürftigkeit benötigt. Bei nicht Staatlicher Schutzbegleitung, trage auch ich zum Teil für die Kosten. In Kürze kann man sich auf meiner Homepage im MBC Wiki- Diskussionen anschließen wo ich mich zu Fragen äußere bzw. auch meine Ansichten erläutere. Ich hoffe das ich Ihnen einige Ihrer Fragen beantworten konnte. MfG- Manuel Bauer

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  • manuel bauer
  • Kommentar 11
  • 17.09.2012 09:55
Antwort auf Kommentar 7

Ich verstehe Ihren Zorn und Verachtung Mir gegenüber. Das kann und werde ich auch niemanden Übel nehen. Bitte denken Sie nicht- wie es immer so schön heißt- das ich das große Geld verdiene. das was ich hier mache ist seit Jahren Nebenberuflich- da ich in einer Hauptberuflichen Stellung bin, jedoch dank der Flexibilität meines Arbeitgebers diese ausführen kann. meine kleine Firma ist ein Nebengewerbe, mehr nicht. Seit Jahren leiste ich auch "Schadenszahlungen". Auch Opfer bekommen Therapien, darüber konnte ich mich erst vor kurzem selbst Überzeugen. Die Gesprächsrunden die ich mit Psychologen

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  • manuel bauer
  • Kommentar 10
  • 17.09.2012 09:42
Antwort auf Kommentar 7

konnte. jedoch erhoffe ich mir durch die derzeitige öffentliche Präsenz, dass sich einige meiner damaligen Opfer bei mir melden, was bisher in ganz seltenen Fällen war. Eine Entschuldigung und um Verzeihung bitten wird niemals ausreichen, um all die Wunden schließen zu können- dies ist Mir natürlich auch klar. Jedoch- und das ist das etwas beruhigende für mich- können mir einige Opfer verzeihen bzw. man nimmt meine Entschuldigung an. Doch die wenigsten möchten sich mit Mir - als der Täter- auseinander setzen. Als das mindeste sah ich es, mein Buch an erster Stelle meinen Opfern zu widmen.

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