Oktoberfest
Kampf dem Bier-Betrug!

Beim Oktoberfest wird der Gast um fünf Millionen Euro betrogen - weil die Schankkellner zu wenig Bier ins Glas zapfen. Dagegen kämpft der Verein gegen betrügerisches Einschenken. News.de spricht mit Präsident Jan-Ulrich Bittlinger über seine Maß-App und das Bürgerbegehren gegen steigende Bierpreise.

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Herr Bittlinger, Sie sind gerade auf dem Weg nach München. Haben Sie Ihr Zentimetermaß in der Hosentasche?

Jan-Ulrich Bittlinger: Nein. Wir sind ein Verein mit sehr vielen jungen Mitgliedern, und die junge Generation hat den Vorteil, dass sie ein iPhone dabei hat, wofür wir den Bierinspektor als App herausgebracht haben. Dabei wird der Maßkrug fotografiert, und die Software errechnet dann automatisch, wie viel Bier im Krug ist. Fürs unauffällige Prüfen ist der Bierinspektor sehr gut geeignet, auch für Laien sehr leicht anwendbar. Wenn wir auf dem Oktoberfest allerdings ganz behördlich kontrollieren, nutzen wir dieselben Geräte wie das Kreisverwaltungsamt, und das ist das Maßband, daran führt kein Weg vorbei. Wir können aber auch ohne Maßband sehr gut erkennen, ob ein Maßkrug schlecht eingeschenkt ist.

Sie sind gerade ein sehr gefragter Mann, denn Ihr Verein gegen betrügerisches Einschenken hat ein Bürgerbegehren gegen die hohen Maß-Preise angestoßen. Das wurde ja auch Zeit, bei fast zehn Euro pro Maß...

Bittlinger: Die zehn Euro werden wir locker verhindern. Der Bierpreis hat immer eine ganz zentrale Rolle in diesem Verein gespielt, Sie wissen ja, dass auch einmal ein König beinahe deshalb gestürzt wurde. Das ist immer ein heißes Thema in unserem Freistaat. Zwar behaupten manche Politiker, unser Begehren sei nicht durchführbar und wider die Marktwirtschaft, aber im Grunde wissen sie, dass sie keine Chance haben.

In diesem Jahr kostet die Maß 9,50 Euro, sie peilen 7,10 Euro an. Wie wollen Sie das schaffen?

Bittlinger: Wir rechnen damit, dass wir innerhalb von einem Jahr die notwendigen Unterschriften haben. Wir werden es natürlich so einrichten, dass der Bürgerentscheid stattfindet, wenn ein Oktoberfest bevorsteht, damit die Mobilisierung entsprechend groß ist. Aber es sind ja auch noch Landtagswahlen und Wahlen zum Münchener Oberbürgermeister, da kann man auch strategisch drauf einwirken, sodass eventuell ein Bürgerentscheid gar nicht notwendig wird.

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Zurück zu Ihrer eigentlichen Mission, dem betrügerischen Einschenken. Um wie viel wird man denn im Schnitt beschissen?

Bittlinger: Grundsätzlich muss man sagen, dass im besten Fall in jeder Maß 0,9 Liter drin sind. Die Landeshauptstadt München erlaubt das den Festwirten, erst bei weniger drohen Strafen. Viele Schankkellner peilen nur noch die Toleranzgrenze an und nicht mehr den sogenannten vollen Liter. Wir hingegen haben bei unseren Kontrollen im letzten Jahr 200 Maß Bier kontrolliert, also bestellt, gezahlt, gemessen und teilweise getrunken. Da kamen wir auf einen Schnitt von 0,84 Liter, aber es waren auch Maßkrüge dabei, wo nicht einmal 0,7 Liter drin waren. Aber selbst wenn wir davon ausgehen, dass in jedem Maßkrug 0,9 Liter drin sind, haben wir jedes Jahr auf dem Oktoberfest einen Betrug am Gast von fünf Millionen Euro. Das ist auch unsere Begründung, wenn sich die Wirte darüber beschweren, dass wir ihnen mit unserem Bürgerbegehren 2,50 Euro pro Maß klauen.

Wie wird reagiert, wenn Sie sich wegen einer schlecht eingeschenkten Mass beschweren?

Bittlinger: In vielen Fällen gibt es Ärger, weil der Schankkellner sich ertappt fühlt. Er beschimpft einen oder untersucht, ob er nicht Lippenstiftreste am Glas findet, als Indiz, dass schon getrunken wurde. In Wahrheit werden die Gläser nie so gut gespült, so dass der Lippenstift noch von der Vortrinkerein dran ist. Nein, man kann nicht empfehlen, sich zu beschweren, es sei denn, Sie sind sadomasochistisch veranlagt. Ich gebe zu, dass wir es auch nur in seltenen Fällen machen, weil es nicht viel bringt. Dann kriegt man meist Alkoholfreies nachgefüllt aus reiner Boshaftigkeit vom Schankkellner. Wir machen unsere Kontrollen lieber inkognito.

Aber was bringen sie dann?

Bittlinger: Wir prangern es natürlich öffentlich an, und die Presseresonanz ist enorm. 2002 hatten wir den Fall, dass ein Wiesenwirt von Augustiner wegen uns eine Abmahnung bekommen hat. Augustiner betreibt keine Werbung, sondern lebt von Mund-zu-Mund-Propaganda, und dann tauchten sie über Jahre als das Bierzelt auf, in dem am schlechtesten eingeschenkt wird. Da hat die Brauerei dem Wirt Druck gemacht, er möchte etwas daran ändern. Der Wirt kam daraufhin auf uns zu und machte uns ein unmoralisches Angebot: Er würde uns einen Tisch für die ganze Wiesn reservieren und Hausausweise ausstellen, wenn wir der Brauerei bestätigen, dass gut eingeschenkt wird. Ich kann erzählen, dass unser damaliger Präsident das Angebot annehmen wollte, aber wir Jungen haben gesagt, das ist ja imageschädigend hoch drei! Die Freibier-Trinkerfraktion in unserem Verein gehört der Vergangenheit an. Mein Bier kann ich noch selber zahlen.

Ist man noch irgendwo sicher vor Betrug?

Bittlinger: Ja, am Land, weil es sich dort der Wirt nicht leisten kann, es sich mit den Einwohnern zu verscherzen. Wenn wir irgendwo im Bereich von Starnberg, also etwa 20, 25 Kilometer von München entfernt, kontrollieren, wird überall ordendlich eingeschenkt.

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Sind Sie nur in Sachen Maß unterwegs oder wird bei anderem Bier auch gemauschelt?

Bittlinger: Wir kontrollieren auch auf dem Cannstadter Wasn, beim Kölner Karneval, sind in Berlin unterwegs und versuchen, unsere Mitgliederschaft in anderen Bundesländern auszuweiten.

Und - wird mit Kölsch genauso betrogen wie bei der Maß?

Bittlinger: Ja selbstverständlich, sogar noch ein bisschen mehr, würd' ich sagen!

Dabei ist das Kölsch doch so klein...

Bittlinger: ... und kostet vor allem so viel. Da sieht natürlich der Schankbetrug optisch gesehen erstmal nicht so gravierend aus, aber wenn man es dann hochrechnet, ist man schnell bei einer sehr empfindlichen Summe.

Was hat denn der Verein gegen betrügerisches Einschenken bisher geleistet?

Bittlinger: Eine Menge. Schon in den 1970er Jahren, als ich noch nicht dabei war, weil ich noch nicht geboren war. Da hat der Verein den Tonkrug abgeschafft auf dem Oktoberfest, der wurde dann durch den Glaskrug ersetzt, wo sie reinschauen können. Der zweite große Verdienst ist eher auf uns jüngeren Mitglieder zurückzuführen. Wir haben im Jahr 2001/2002 den organisierten Schankbetrug aufgedeckt, also nachgewiesen, dass der Wirt den Schankkellnern Unterschank verordnet. Damit haben wir erreicht, dass die Toleranzgrenze der Stadt halbiert wurde, von 0,2 Liter auf die auf 0,1 Liter, die wir jetzt haben. Außerdem werden Schankkontrollen nicht mehr angemeldet. Früher sind die Kontrolleure ins Zelt gegangen und haben gesagt, «So, jetzt kontrollieren wir bei dir», und wir haben begewiesen, dass es Klingeln an den Schänken gibt, und wenn die Stadt kam, wurde unterm Tisch der Knopf gedrückt, und alle Schenken wussten, dass ab jetzt gut eingeschenkt werden musste.

Ja, eigentlich haben wir schon eine Menge erreicht. Vor allem haben wir ein Sanktionsmittel bei der Stadt München durchgesetzt, dass nach der dritten Abmahnung eines Schankkellners sowohl der Kellner gehen muss als auch der Wirt wegen Ordnungswidrigkeit eine Geldstrafe oder im schlimmsten Fall keine Zulassung mehr zum Oktoberfest erhält. Die Wirte machen es jetzt so, dass sie den Schankkellner nach dem zweiten Mal entlassen. Aber immerhin.

Und wann gibt's dann die Maß für 7,10 Euro?

Bittlinger: Wenn's gut läuft 2013, ansonsten auf jeden Fall 2014.


Jan-Ulrich Bittlinger ist Vorsitzender des Vereins gegen betrügerisches Einschenken. Dieser wurde erstmals 1899 gegründet und dann von den Nationalsozialisten verboten. Die Gründer waren sozialdemokratische Arbeiter, die laut Bittlinger «wenn sie am Ende des Monats die Lohntüte erhalten haben, ihr Gehalt gleich wieder versoffen». Deshalb sei es für sie so wichtig gewesen, für gut gefüllte Gläser zu kämpfen. 1970 wurde der Verein wiederbegründet und hat sich in den letzten zehn Jahren seiner ursprünlichehn Mission gemäß als Verbraucherschutzverein etabliert.

sca/news.de

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4 Kommentare
  • Peter Lange

    13.01.2014 15:45

    Nein, ich werde an anderen Orten "qualifizierter" beschissen!

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  • Timmi

    24.09.2012 18:29

    Bei 7000000 Besuchern bei durschnittlich ein Maß und mindestens 10% Beschiß bei einem Preis von 9,50€ ergibt sich ein Schaden von 6650000€. Dazu kommen ca. 200000 halbe Hänschen für 15€ mit Übergewinn von 8€ und der Beschiß ist komplett. Über 8 Millionen Betrug mit freundlicher Unterstützung allen Aufsichtsorganen. Und dann möchte man über einen Kampf gegen Wirtschaftskriminalität sprechen. Lachhaft.

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  • Max

    24.09.2012 15:20

    Hier kann man es auch melden: http://www.facebook.com/pages/FairMass-gegen-schlecht-eingeschenktes-Bier-auf-dem-Oktoberfest/369344879806340

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