Eltern von Mirco Warum sie dem Mörder ihres Sohnes vergeben

Vor zwei Jahren verschwand Mirco (10) aus Grefrath, 145 Tage später wurde sein Mörder festgenommen. In einem Buch schreiben nun Mircos Eltern über die schlimmste Zeit ihres Lebens. Es ist eine anrührende Erzählung über Schuld, Hass und die Kraft, solch eine Familienkatastrophe zu überstehen.

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Mirco (10) aus dem nordrhein-westfälischen Grefrath kam am 3. September 2010 nicht nach Hause. Es folgte die größte Suchaktion, die es je in Deutschland gab: Tornados mit Wärmebildkameras, Hunderte Polizisten und eine Soko «Mirco» mit ihrem unnachgiebigen Chef Ingo Thiel waren rund um die Uhr im Einsatz. Die Familie von Mirco durchlebte 145 furchtbare Tage der Ungewissheit, bis der Mörder gefasst und die Leiche gefunden wurde. Olaf H., selbst vierfacher Familienvater, gestand die Tat, konnte sie aber auch vor Gericht nicht komplett erklären.

Nun haben Mircos Eltern, Sandra und Reinhard Schlitter, ein Buch geschrieben. Es trägt den schlichten Titel Mirco. Und trotz aller Sachlichkeit, mit der die Schlitters die schlimmste Zeit ihres Lebens schildern - so kraftvoll und zu Tränen rührend ist das Buch über eine «gewöhnliche Familie, die das Schlimmste durchlitten hat, was einer Mutter, einem Vater und den Geschwisterkindern geschehen kann».

Hier geht es zum Buch von Mircos Eltern.

Ausführlich beschreiben die Eltern den Tag von Mircos Verschwinden, auch, wie ein Missverständnis der beiden dazu führte, dass ihnen erst am nächsten Morgen klar wurde, dass Mirco am Vortag nicht nach Hause kam. Sie gehen zur Polizei - und versprechen einander, sich gegenseitig keine Vorwürfe zu machen. «Wir müssen funktionieren», so ihre Devise, für die wichtigste Aufgabe: «unseren Jungen wiederzufinden.» In Verzweiflung zu versinken, würde nichts bringen. Mircos drei Geschwister würden sonst noch weiter verängstigst werden, so Vater Reinhard.

Die Tür stand immer offen, falls Mirco nach Hause kommt

Der tiefe Glaube an Gott hilft beiden Elternteilen durch diese Katastrophe, während Such-Helikopter über ihre Köpfe fliegen. Die Familie zieht sich zurück, meidet zunächst die Außenwelt. «Wir haben immer die Tür offen gelassen, Tag und Nacht, um Mirco willkommen zu heißen, um da zu sein, falls er wieder nach Hause käme», so berichten es die Eltern. Die Familie feierte zudem Mircos Geburtstag, zwei Wochen nach seinem Verschwinden. Hätte ja sein können, dass Mirco an diesem Tag nach Hause kommt.

Drama in der Familie: Wenn alle Sicherungen durchbrennen

Im Buch, das in Zusammenarbeit mit dem Journalisten Christoph Fasel entstand, nimmt die Zeit der Ungewissheit um Mircos Schicksal den größten Teil ein. Wie sich die Familie gegenüber den Medien abschottete, um später im TV bewusst einen Appell an Mircos Entführer zu richten. Wie die Familie versuchte, trotz der Katastrophe eine gewisse Normalität einkehren zu lassen. Und wie sie es geschafft hat, den Zusammenhalt zu stärken und nach vorn zu schauen, statt in Depression zu versinken.

Nach 145 Tagen war das Warten vorbei. Die Nachricht verschwomm bei Sandra und Reinhard Schlitter in unendlichen Tränen. «Jetzt ist es endgültig: Mirco kommt nicht mehr nach Hause. Nie mehr. Er ist längst in seinem himmlischen Zuhause.» Olaf H., selbst vierfacher Familienvater und unauffälliger Telekom-Mitarbeiter, gestand im anschließenden Prozess, Mirco ermordet zu haben. Doch seine Motive blieben letztlich unklar.

Mircos Eltern hegen keinen Hass gegen den Mörder ihres Sohnes: «Wir beten auch für den Täter», sagt Mutter Sandra. «Wir wollen auch weiterhin keinen Hass auf uns laden ... Man kann Hass nicht mit Hass vergelten: Dann stünden wir ja auf derselben Stufe wie der Täter. Und genau das wollen wir nicht.» Vater Reinhard ergänzt: «Der Mörder von Mirco ist nicht das Böse an sich. Aber er hat in diesem Moment das Böse gewählt. Er hat unserem Sohn Schlimmstes angetan. Doch wir sind überzeugt: Wo das Böse ist, ist auch das Gute nicht fern.»

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«Wir werden Mirco wiedersehen»

Es gibt Momente in diesem Buch, da kommen dem Leser die Tränen. Das Schreckliche aber ist zurückhaltend formuliert. Die Eltern zeigen Milde gegenüber dem Täter und wahnsinnige Kraft und Zusammenhalt beim Annehmen des eigenen Schicksals. Wie diese Familie mit einer Extremsituation umgeht, weil es ja auch irgendwie weitergehen muss, ist stark. Der Glaube an Gott spielt eine wichtige Rolle. Auch der Rückhalt durch Freunde, Angehörige und Kollegen tröstete und machte Mut - ebenso wie der enorme Zuspruch der Öffentlichkeit: Gedenkgottesdienste, Postzuschriften und so viele Hinweise wie noch nie zu einem bundesdeutschen Kriminalfall.

Im Haus der Familie Schlitter, in der oberen Etage, wo jedes der vier Kinder sein Zimmer hatte, ist es stiller geworden. «Seit Mirco nicht mehr bei uns ist, ist es im ganzen Haus so ruhig», sagt Mutter Sandra. «Denn wo immer unser jüngster Sohn stand und ging, hat er stets mit irgendetwas herumgetrommelt - sogar mit dem Besteck am Esstisch.» Doch sie ergänzt: «Wir glauben, dass Gott Mirco an seine Hand genommen hat, um ihm den Himmel zu zeigen», so Mutter Sandra. «Wir werden Mirco wiedersehen.»

Autoren: Sandra und Reinhard Schlitter, Christoph Fasel
Titel: Mirco - Verlieren. Verzweifeln. Verzeihen
Verlag: adeo
Preis: 17,99 Euro
Erscheinungsdatum: 6. September 2012

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zij/news.de

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Leserkommentare (2) Jetzt Artikel kommentieren
  • Sven Forbis
  • Kommentar 2
  • 06.09.2012 16:17

Ich habe großen Respekt vor der Weisheit und dem starken Glauben dieser Eltern. Wer in diesem Leben die Kraft und Gnade aufbringt, einem Mörder zu vergeben, der hat mehr als nur den Grundstock für eine bessere Welt im Jenseits geschaffen. Mit so einer Barmherzigkeit stehen betreffend auf das Karma alle Türen für die Zukunft offen. Es gibt nichts mehr, was als Saat für die Zukunft nicht an Glück und Freude erwirkt werden könnte. Das ist das Schönste, was aus der Ewigkeit in uns Menschen hineinleuchtet.

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  • Annette
  • Kommentar 1
  • 06.09.2012 13:57

So etwas zu erleben ist das Schlimmste, was Kindern und ihren Eltern passieren kann - und doch ist der Glaube an Gott das Einzige, was dann trägt und nicht vollkommen verzweifeln und zerbrechen lässt. Vergebung macht das eigene Herz von Hass und Verbitterung frei, deshalb fordert Gott uns auf, zu vergeben und gibt auch die Kraft dazu. Ich wünsche den Eheleuten Schlitter weiterhin viel Kraft durch Jesus

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