NPD-Offensive Wenn Nazis auf Sommertour gehen

Rechtsextremismus
Die braune Gefahr

Isabelle WiedemeierVon news.de-Redakteurin
Die NPD hält die Demokratie in Atem. Seit vier Wochen ist sie mit ihrer Anti-Europa-Botschaft auf Deutschland-Tour. Jeden Tag müssen irgendwo im Land die Bürger gegen braune Parolen anpfeifen. Heute hat Leipzig die Rechtsextremisten eingekeilt. Ein absurdes Spiel, aber trotzdem gefährlich.

Ungefähr 30 Meter lang ist die befreite Zone für die NPD zwischen Bahnhof und Oper in Leipzig. Mehr Platz lässt die Demokratie ihr nicht. Die Deutschland-Tour der Rechtsextremisten hat sich kurzfristig in Leipzig angemeldet, aber nicht kurzfristig genug für ihre Gegner. Für die Spatzen aus dem benachbarten Opernpark sieht das Luftbild so aus: Vorn eine dicke Schicht Menschen, die pausenlos in Trillerpfeifen pusten, gegen Kochtöpfe schlagen, den Mittelfinger schütteln. Dann eine geschlossene Kette gepolsterter Polizisten, hinter ihnen eine Reihe Polizeibusse. Von der anderen Seite symmetrisch das gleiche Bild: Demonstranten, Polizisten, Busse. Links eine geschlossene Häuserzeile, rechts ein Bauzaun.

Mehr als 100 Beamte, 50 Polizeitransporter und 300 Demonstranten sind gekommen, um das zu umzingeln, was sich in der Mitte abspielt. Quer steht der Tour-LKW der NPD, davor starr und breitbeinig sechs Fahnenträger: Deutschland, Deutschland, NPD, Deutschland, NPD, Deutschland wehen da. Auf der hochgefahrenen Heckklappe ihres LKW stehen die NPD-Funktionäre Hugo Apfel und Udo Pastörs. Aus ihren Mündern sind gegen das Schreien der Trillerpfeifen nur Bruchstücke zu vernehmen, doch die sind altbekannt: «Spanien, Griechenland, Zahlmeister.» «Mulitkulti kulturlos.» «Ohne nationale Freiheit keine Freiheit.» «Euro Deutschland Kosten.»

NPD will ihr Image polieren

Deutschlands offizielle Repräsentanten des Rechtsextremismus wollen Boden gutmachen. Die Verstrickung in den braunen Terror der NSU, die im Frühjahr bloßgelegt wurde, ist ihr nicht gut bekommen. Nun plant der Verfassungsschutz, seine V-Leute tatsächlich abzuziehen und damit den Weg freizumachen für ein Verbot durch das Bundesverfassungsgericht.

Um das Image zu polieren ist die NPD seit dem 12. Juli auf Deutschlandtournee, will ihre Anhänger besuchen und mit ihnen die Parolen teilen: «Wir wollen nicht Zahlmeister Europas sein» oder «Heimat bewahren – Einwanderung stoppen». Hannover, Wolfsburg, Hamburg, Frankfurt, Stuttgart, München, Nürnberg, Gera, heute Mittag Leipzig und am Nachmittag Halle, morgen Dessau, Magdeburg, am Donnerstag Berlin.

Jeden Tag ein bis zwei Städte in Deutschland, doch bislang hat die braune Dauerparty es nicht über eine Farce hinausgebracht. Überall dieselben Bilder: abgeriegelte Zonen, hier Neonazi-Propaganda, dort trillernde Gegendemonstranten. Rechte Anhänger lassen sich meist an ein bis zwei Händen abzählen, nur in Rockenhausen haben es 30 Anhänger geschafft, durch die Stadt zu marschieren. Ein vorhersehbares Panorama, eine Farce, aber auch ein gelebtes Stück Demokratie. Immerhin, am funktionierenden Protest gegen die NPD lässt sich das Bewusstsein der Gesellschaft ablesen. In vorderster Reihe trillern die Linken, hinten, wo es nicht so laut ist, stehen die Eltern mit ihren Kindern auf dem Arm.

Lächerlich oder nicht - die NPD bleibt gefährlich

«Es dauert meistens ein oder zwei Stunden», sagt ein Mitarbeiter aus dem Kommunikationsteam der Polizei, der den Passanten erklärt, wie sie am schnellsten um die abgeriegelte Zone herumlaufen. Dann ist der Spuk vorbei. Vielleicht haben ein paar Linke Krawall gemacht, gibt es ein paar Verhaftungen wegen Randale, hat die NPD es geschafft, ihre Gegner gegen die Polizei aufzuhetzen. «Die wollen eben provozieren», sagt der Beamte. Auch er empfindet den Aufwand irgendwie als absurd, der Tag für Tag um die rechtsextreme Deutschlandtour betrieben werden muss.

Doch was wirkt wie eine Schmierenkomödie darf man nicht unterschätzen. Die NPD-Funktionäre sind erprobt im Anschreien gegen Trillerpfeifen, sie wissen, wo ihre Stärken sind und wo sie vor Ort anknüpfen können. «Wir sollten das Ganze nicht unterschätzen. Lächerlich ist nur das, was wir sehen - das Gefährliche ist nicht ohne Weiteres zu erkennen», analysierte Anetta Kahane, Vorsitzende der antirassistischen Amadeu-Antonio-Stiftung, kurz nach dem Beginn der rechten Sommertour im NDR.

kru/news.de

Leserkommentare (4) Jetzt Artikel kommentieren
  • redaktion news.de
  • Kommentar 4
  • 21.09.2012 08:56

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  • Siegmund Lingrön
  • Kommentar 3
  • 23.08.2012 16:42

so lange unsere Politiker vorleben was aus unserer guten alten Demokratie a la Bonn geworden ist,werden die auch immer mehr ,ob Rechte oder Linke.

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  • Wutbürger
  • Kommentar 2
  • 08.08.2012 00:37

Erst wollte ich einen vernünftigen Kommentar schreiben, aber dann war mir das Thema doch zu dämlich.

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