Organspende-Skandal
Deutscher Arzt schachert mit Organen

Organhandel war bisher ein Verbrechen, das in der dritten Welt stattfindet. Aber in Göttingen? Ein Arzt der dortigen Universitätsklinik soll seine Patienten bei der Vergabe von Spenderorganen bevorzugt haben - gegen Geld. Für die Transplantationsmedizin ist das der Super-Gau.

FOTOS: Leben oder Tod Prominente Organspender und -empfänger
zurück Weiter Promis werben fleißig für Organspenden (Foto) Foto: dpa/Britta Pedersen Kamera

Schindluder mit Organspende - mitten in Deutschland? Der Fall sei unglaublich, sagte der Vorsitzende der Ständigen Kommission Organtransplantation, Hans Lilie. Er habe sich nie vorstellen können, dass ein deutscher Arzt so handele. Ein Göttinger Universitätsarzt soll im großen Stil Krankendaten gefälscht haben, damit die eigenen Patienten beim Empfang einer Spenderleber bevorzugt werden.

Es besteht der Verdacht, dass der damalige Oberarzt der Göttinger Universitätsklinik in mindestens 25 Fällen falsche Angaben gemacht hat. Die Bundesärztekammer habe eine Task Force eingerichtet, um die Affäre aufzuklären, sagte der Strafrechtler der Universität Halle. Darüber hatte zuvor die Süddeutsche Zeitung berichtet. Demnach könnten sich die Vorwürfe zum größten Betrugsfall in der Geschichte der deutschen Transplantationsmedizin ausweiten. Einem Krankenhaussprecher zufolge bestritt der ehemalige Oberarzt gegenüber der Klinikleitung alle Vorwürfe, die Staatsanwaltschaft Braunschweig ermittelt jedoch bereits wegen Bestechlichkeit.

Russischer Patient soll für Organspende gezahlt haben

Der 45 Jahre alte Mediziner war bereits vor Wochen ins Zwielicht geraten. Die Staatsanwaltschaft Braunschweig ermittelt gegen ihn unter anderem wegen des Verdachts der Bestechlichkeit. Er soll Geld von einem russischen Patienten dafür angenommen haben, dass diesem in Göttingen bevorzugt eine Spenderleber implantiert wurde. Der Verdächtige arbeitet mittlerweile nicht mehr in der Göttinger Universitätsmedizin.

Der ärztliche Direktor des Universitätsklinikums Essen, Eckhard Nagel, befürchtet nun einen nicht absehbaren Vertrauensverlust für die Transplantationsmedizin. Man könne sich dies als «Super-GAU der Transplantationsmedizin» vorstellen, sagte das Mitglied im Deutschen Ethikrat im Deutschlandradio Kultur. Es werde «wahnsinnig schwer, die Menschen davon zu überzeugen, dass sie in diesem Bereich Vertrauen haben können».

«Absoluter Einzelfall»

Nagel betonte, er sei aber fest davon überzeugt, dass es sich dabei um einen «absoluten Einzelfall» handele. Als Konsequenz aus dem Skandal fordert Nagel bessere Kontrollmechanismen. «Ich könnte mir zum Beispiel vorstellen, dass wir am Ende auch zu weniger Transplantationszentren kommen, die besser kontrollierbar sind, weniger beteiligte Personen und sicher auch gerade im Übertragen von Daten ein Vier-Augen-Prinzip, damit so etwas nicht wieder vorkommt.»

CDU-Gesundheitsexperte Jens Spahn forderte drastische Strafen, sollte sich der Manipulationsverdacht bestätigen. «Da müssen dann halt auch mal Approbationen entzogen werden», sagte er den Ruhr Nachrichten. Insgesamt verteidigte Spahn das deutsche System der Organspende: «Die Organe, die gespendet werden, werden nach nachvollziehbaren und transparenten Kriterien auf die Wartenden verteilt, Abläufe und Operationen verlaufen hochprofessionell», sagte er.

Spenderorgane werden nach einem streng festgelegten Kriterienkatalog von der Vermittlungsstelle Eurotransplant im holländischen Leiden an die Patienten in den acht Mitgliedsländern vergeben. Dabei geht es nach Dringlichkeit. Der Göttinger Arzt soll den Gesundheitszustand seiner Patienten bewusst schlechter dargestellt haben, damit sie von Eurotransplant schneller eine Spenderleber zugeteilt bekamen. So habe er zum Beispiel vorgegaukelt, dass ein Mann, der auf eine Leber wartete, auch Nierenprobleme habe und Dialyse-Patient sei, erläuterte Hans Lilie.

Arzt schacherte schon zuvor mit Organen

Möglicherweise waren weitere Krankenhaus-Mitarbeiter in den Fall verwickelt. Nach gegenwärtigem Kenntnisstand sei dies nicht auszuschließen, sagte der Sprecher. Die Universitätsklinik Göttingen hat in der Affäre auch eine eigene externe Gutachter-Kommission beauftragt.

Wie die Süddeutsche Zeitung berichtete, war gegen den Mann bereits in der Vergangenheit ermittelt worden, weil er eine für das Klinikum Regensburg vorgesehene Spenderleber mit nach Jordanien nahm, um sie dort einzusetzen.

iwi/news.de/dpa

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8 Kommentare
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