Großstädte Die Wohnungsnot droht

825.000 Wohnungen werden in den nächsten fünf Jahren fehlen, sagt eine Studie, Bauminister Ramsauer macht sich Sorgen um den Mangel an bezahlbarem Wohnraum, vor allem in Großstädten. Schuld daran sind die vielen Singles, das häufige Umziehen und die Finanzkrise. Doch was tun?

Teure Städte: Hier zahlen Sie die höchste Miete

Nein, unter der Brücke werden wir nicht schlafen müssen. Das ist die gute Nachricht. Doch entgegen aller Prognosen mangelt es in Deutschland an Wohnraum. Wenn in dem bisherigen Tempo weitergebaut wird, fehlen in fünf Jahren 825.000 Wohnungen, behauptet eine Studie des Hannoveraner Pestel-Instituts. Vor allem in Großstädten ist es eng und damit teuer.

Wer nach München, Berlin, Hamburg, Köln ziehen will, erlebt den Mangel schon länger am eigenen Leib. Dennoch klang die Zukunftsvision anders: Stadtplaner machten sich Sorgen, wie sie am besten die vielen Häuser abreißen könnten, die durch den Bevölkerungsschwund bald leerstehen würden. Und angeblich zieht es die Deutschen seit Jahren vehement «raus ins Grüne». Doch so viel er auch beschrieen wurde, der Trend hat sich nicht manifestiert. Die Leute ziehen in die Stadt, wo es Arbeit gibt und das Leben tobt.

Eine Single-Gesellschaft braucht mehr Wohnungen

«Da zeigt sich die Schwäche von Prognosen», sagt Ulrich Ropertz vom Deutschen Mieterbund trocken. Ja, die Bevölkerung schwindet, aber sie braucht deshalb nicht weniger Wohnungen. Denn immer mehr Menschen leben allein, ließ das Statistische Bundesamt am vergangenen Mittwoch wissen. Jeder Fünfte in Deutschland und sogar jeder Dritte in Berlin, Hannover und Leipzig braucht eine Wohnung für sich, 15,9 Millionen im ganzen Land.

100.000 Wohnungen fehlen schon jetzt, ergab die Pestel-Studie im März. «Das führt nicht dazu, dass Menschen unter der Brücke schlafen, sondern, dass sie wohnen müssen, wo sie eigentlich nicht wohnen wollen», sagt Ropertz. Bei ihren Eltern zum Beispiel oder in WGs, obwohl es mal langsam Zeit wäre für ein eigenes Leben.

Wohnraum gibt es genug in Deutschland. Leerstand ist im Ruhrgebiet, in Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt, Brandenburg, Schleswig-Holstein ein Thema. Zigtausende Wohnungen sind im Osten im Programm «Stadtumbau Ost» schon abgerissen worden, 200.000 warten bis 2016 auf den Bagger. Derzeit stehen in Ostdeutschland laut Bundesverband deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen (GdW) acht Prozent der Wohnungen leer, im Westen sind es knapp unter drei Prozent oder 90.000 Wohnungen.

Wer in Wohnungen investiert, will teure Wohnungen

Jahrelang hätten sich die Investoren deshalb zurückgehalten, sagt Heinrich Weitz von der Deutschen Bauwirtschaft. «Sie haben nicht berücksichtigt, dass die Entwicklung auch bedeutet, dass die Leute umziehen. Und ein Arbeitsloser, der von Mecklenburg-Vorpommern nach Bayern zieht, kann sein sein Haus nicht auf den Buckel packen und mitnehmen.»

Wenn Wohnungen fehlen, muss man sie bauen. Tun wir ja, sagt Heinrich Weitz. 2011 wurden 27 Prozent mehr Baugenehmigungen für Geschosswohnungen ausgestellt als im Vorjahr. Allerdings, räumt Weitz ein, eher im «oberen Segment». Angesichts der schwachen Kapitalmärkte sind Immobilien Gold, und wer investiere, wolle «was zum Anfassen haben, mit entsprechender Renditeerwartung». Wohnungen mit Quadratmeterpreisen zwischen vier und neun Euro, wie sie vor allem fehlen, sind da in München oder Hamburg sicher nicht dabei.

Die Krux außerdem: Auch bestehende Wohnungen werden wegen der häufigen Umzüge schneller teurer. Derzeit erlauben die Mieterhöhungsvorschriften eine Preissteigerung von 20 Prozent in drei Jahren, der Deutsche Mieterbund hatte das gern auf 15 Prozent in vier Jahren gedeckelt. Dazu kommen die Kosten für die energetische Sanierung, elf Prozent darf der Vermieter auf die Jahresmiete aufschlagen.

Öffentliche Hand verhökert Sozialwohnungen

Viele junge Leute oder Geringverdienende macht die Spekulation mit Wohnraum wütend. Heute startet am Bahnhof Warschauer Straße in Berlin Friedrichshain eine Demonstration mit dem Motto «Berlin ist keine Ware – gemeinsam gegen Ausverkauf und Verdrängung», weil Shoppingmeilen und Luxuswohnungen in den Metropolen die Stammbevölkerung aus den Zentren schieben.

59 Prozent der Deutschen fordert staatliche Gegenmaßnahmen gegen steigende Mieten, ergab eine Umfrage der Welt am Sonntag am vergangenen Wochenende. Bauminister Peter Ramsauer (CSU) sagte der Zeitung zwar «wir brauchen mehr sozialen Wohnungsbau», schob den Schwarzen Peter allerdings den Ländern zu, die seit der Föderalismusreform 2006 dafür zuständig sind.

Für Ropertz ein unzulässiges Kompetenz-Geschiebe. Im CSU-regierten Bayern würden 35.000 preisgünstige Wohnungen der Bayerischen Landesbank meistbietend verkauft, «das hat schon ein Geschmäckle, wenn der CSU-Bauminister dann sagt, die Länder müssten mehr tun», findet er.

Wie kann günstiger Wohnraum gefördert werden?

Noch bis 2013 zahlt der Bund jährlich 518 Millionen Euro zur Förderung sozialen Wohnungsbaus an die Länder, bis 2019 wird es einen alternativen Zuschuss geben. Doch die Finanzierung bezahlbaren Wohnraums ist alles andere als gesichert. Der klassische soziale Wohnungsbau hat sich als extrem teuer erwiesen, deshalb stellte zum Beispiel Berlin ihn schon 2002 ein.

Heinrich Weitz vom Deutschen Baugewerbe schlägt nun vor, preisgünstige Wohnungen konkret an den Orten zu fördern, wo sie gebraucht werden, zum Beispiel, indem Kommunen Belegungsrechte für Wohnungen erwerben, die sie dann günstig vermieten. Oder günstigere Abschreibungsmodelle für bestimmte Standorte zu schaffen. Er ist auch leise optimistisch, dass durch die schicken neuen Wohnungen für Besserverdienende günstigere nach unten durchgereicht werden.

Für die Bewohner von Szenestadtteilen wie dem Berliner Prenzlauer Berg oder dem Hamburger Schanzenviertel wird das nichts bringen. «Das ist eine ganz andere Baustelle. Trendstadtteile wird es immer geben, da lässt sich nichts machen», sagt Ulrich Ropertz.

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kls/news.de

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Leserkommentare (7) Jetzt Artikel kommentieren
  • hector
  • Kommentar 7
  • 04.01.2013 13:03

Anstelle des sozialen Wohnungsbaus sollte heute der Bund Zuschüsse an die kommunalen Wohnungsbauunternehmen für den Neubau geben. Diese können dann zu kostendeckenden Preisen vermieten, ohne dass etwa eine Wohnberechtigung erforderlich ist, wie beim sozialen Wohnungsbau. Die WU können ihre Wohnungsbestände auch verkaufen, wenn die Sozialbindung abgelaufen ist, und haben damit Geld zum Neubau. Preisgünstige ältere Wohnungen für Sozialschmarotzer gibt es genug. Die privaten Bauträger können Wohnungsbau heute in der Regel nur machen, wenn die Wohneinheiten bereits vor Baubeginn verkauft sind. Entweder an Eigennutzer oder an Investoren, die diese dann vermieten.

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  • hector
  • Kommentar 6
  • 03.01.2013 11:57

Sozialer Wohnungsbau ist zu teuer, das stimmt, und es ziehen dort fast nur Hartzer ein. Für unseren Staat ist er zu teuer, da 50% der Kosten vom Staat zu erbringen sind. Das ist ein Modell aus der Nachkriegszeit, als pure Wohnungsnot herrschte. Heute ist es ratsam, dass Städte und Gemeinden in den Wohnungsbau investieren. Städte können mit ihren stadteigenen Wohnungsbaugesellschaften neue Wohngebäude auch mit freier Finanzierung schaffen. Die Städte haben damit eine ausgezeichnete Geldanlage für ihre dank sprudelnder Gewerbesteuereinahmen überquellenden Haushaltskassen. Die Wohngebäude sind bleibende Werte für jede Stadt.

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  • hector
  • Kommentar 5
  • 02.01.2013 16:11

In vielen Städten wird auch der Abbruch von Wohnblöcken aus den 60er und 70er Jahren erforderlich, im Osten wie im Westen. Viele sind energetisch und substanziell derart schlecht, und eine Modernisierung lohnt bei vielen Gebäuden aus dieser Zeit einfach nicht. Deshalb kann man damit rechnen, dass Trabantenstädte aus dieser Zeit schon bald abgebrochen werden. Daran führt einfach kein Weg vorbei. In vielen Städten hat sich in den letzten Jahren die Wohnungssituation verschärft. Insofern ist heute eine Investition in einen energetisch optimalen Wohnungsbau die beste Anlage, wenn auch der Standort stimmt.

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