Kranke Mütter Warum Supermamas zusammenbrechen

Mutterklischees
Von Latte Macchiato bis Madonna

Isabelle WiedemeierVon news.de-Redakteurin
Mamas gehen auf dem Zahnfleisch. Immer mehr sind krank, mahnt das Müttergenesungswerk, dabei dreht sich in der Debatte um Kita-Ausbau und Elternzeit doch alles um sie. Gerade da liegt das Problem: Deutsche Mütter wollen ein Ideal erfüllen. Das macht sie alle, sagt eine französische Soziologin.

Depressionen, Rückenschmerzen, ausgebrannt. Fast 70.000 Mütter beantragten im vergangenen Jahr eine Mutter-Kind-Kur. Drei Wochen raus aus dem Alltag, in dem jede Minute verplant ist. Drei Wochen das Essen vorgesetzt bekommen, beim Yoga entspannen oder beim Joggen schwitzen, stundenlang lesen und am Nachmittag ausgeruht das Kind wieder in Empfang nehmen. Um dann Mutter sein zu können, wie sie es gern immer wären: geduldig, witzig, cool drauf.

Das klingt kitschig, ist aber Realität. Denn immer mehr Mütter in Deutschland zerreiben sich an den eigenen Ansprüchen. Kein Wunder, steht ihre Rolle in der Gesellschaft doch im Fokus wie keine andere.

Die hitzigen Debatten um Betreuungsgeld, Kita-Ausbau, Elternzeit und Führungskräfte drehen sich alle um die spezielle Situation des gebärenden Geschlechts. Für die meisten Mütter reduziert sich die hochtrabende Debatte jedoch auf einen stressigen Tag nach dem nächsten. Der sieht ungefähr so aus:

Kein Albtraum, sondern stinknormaler Mutter-Alltag. Dass, wer sich um alle kümmert, auch mal selbst bemuttert werden muss, manifestierte sich schon vor 108 Jahren in Leipzig, als eine Dichterin, ein Arzt, ein Gutsbesitzer und eine Feministin den Bund für MutterschutzGründer in Leipzig waren die Dichterin Ruth Bré, der Arzt Friedrich Landmann, der Münchner Gutsbesitzer Heinrich Meyer und die Feministin Helene Stöcker gründeten. Seit 1950 organisiert das Müttergenesungswerk Kuren für Mütter. Bis Mitte der 1960er Jahre gingen jedes Jahr 80.000 in Kur. Mit dem Wirtschaftswunder Mitte der 1960er ging es dann den meisten Familien besser, man konnte sich Urlaub leisten - Mutter-Kuren kamen aus der Mode.

Immer weniger Mutter-Kind-Kuren

Dafür wurde es in den 1970ern üblich, die Kinder mitzunehmen. Offiziell anerkannt ist die Mutter-Kind-Kur seit 1983, intensiv genutzt wird sie seit den 1990ern. 420 Millionen Euro investierten die Krankenkassen 1999 in Mütter- und Mutter-Kind-Kuren, 57.000 Mütter und 66.000 Kinder fuhren in Kur. Dass vor allem die Mütter davon tatsächlich nachhaltig profitieren, haben Studien der Universität Freiburg und der Uniklinik Ulm festgestellt: Sie sind leistungsfähiger, fühlen sich besser, gehen weniger zum Arzt.

Dennoch hat seitdem die Zahl der Kuren deutlich abgenommen, weil die Krankenkassen fanden, Mütter sollten ihre Leiden lieber zu Hause behandeln lassen. Die Ablehnungsquote stieg von 20 Prozent 1999 auf 35 Prozent 2011, klagte das Muttergenesungswerk am Dienstag. Erst seit im Februar 2012 eine neue Begutachtungsrichtlinie herausgekommen ist, genehmigen die Kassen wieder mehr Kuren. Ständiger Zeitdruck, Erschöpfung, Schlafstörungen oder Probleme mit dem Partner sind jetzt klar als Gründe definiert.

Warum Mütter in Deutschland erschöpft sein müssen

Zur Freude des Müttergenesungswerkes und der Mütter – dennoch lässt sich das Wohlbefinden nicht auf die Zahl genehmigter Kuren reduzieren. «Es hat zwei Seiten. Es ist gut, wenn eine erschöpfte Mutter eine Auszeit bekommt. Aber es wäre besser, wenn man der Erschöpfung vorbeugen könnte. Es wird jedoch gesellschaftlich erwartet, dass eine Frau erschöpft ist durch die Mutterschaft», sagt Anne-Laure Garcia. Sie hat über die Rolle der Mutter in Deutschland und Frankreich promoviert und lehrt jetzt an der Universität Potsdam und am Berliner Forschungszentrum für Sozialwissenschaft, dem Centre Marc Bloch.

In Frankreich gebe es keine Mutter-Kuren, zugleich seien aber auch die Erwartungen an Mütter viel geringer. «Das Ideal, eine gute Mutter sein zu wollen, gibt es so nicht», sagt sie und erklärt es am Beispiel Stillen. Hierzulande fühlen sich viele Frauen geradezu unter Druck gesetzt, ihrem Kind diese natürliche Ernährungsform anzubieten. «Das sind hohe Erwartungen, die psychische und körperliche Konsequenzen haben können. Vor allem, wenn die Mutter wieder arbeitet, erfordert das große Organisation», sagt Anne-Laure Garcia.

Die «Mutterliebe» ist Schuld an der Überlastung

In Frankreich gibt es keine Debatte um gute Mütter, Rabenmütter und Kinderbetreuung. Mit zwei oder drei Jahren besucht jedes Kind die Vorschule, und vorher kümmern sich Tagesmütter um die Kinder, die zum Teil vom Staat finanziert werden. «Die gehören fast zur Familie, werden Tante genannt. Es existiert nicht so eine Skepsis und Sorge um das Wohlergehen der Kinder wie in Deutschland.»

Das europäische Ideal der Mutterliebe, so schön es sein mag, ist für die französische Soziologin mit schuld an der Überlastung der Mütter. Die hohe Erwartungshaltung sei gesellschaftlich geprägt - das Gefühl, zu lieben, sein Kind zu streicheln, sei kein Instinkt, sondern erst Ende des 19. und im 20. Jahrhundert gewachsen. «Und wenn man ein Ideal verwirklichen möchte, führt das zur Erschöpfung.»

kls/news.de

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