Alkoholiker-Volk? DDR-Bürger waren Schnaps-Weltmeister

Prösterchen! Zwei Kollegen bei einem Betriebsfest in Eisleben 1985. (Foto)
Prösterchen! Zwei Kollegen bei einem Betriebsfest in Eisleben 1985. Bild: dpa

Wenn es in der DDR an einem nicht mangelte, war es Alkohol. In keinem Land der Welt wurde so viel Schnaps gekippt. 1987 eroberten sich die DDR-Bürger den «Titel» von den Westdeutschen. Dabei war Trunkenheit im Sozialismus eigentlich verpönt.

Das kleine Bier in der Kneipe kostete 48 Pfennig. In geselliger Runde wurden gern harte Sachen gebechert - Doppelkorn etwa oder «Blauer Würger», der Spitzname für eine Wodka-Sorte mit blauem Etikett. Beim Alkoholverbrauch war die DDR Weltspitze. 1988 trank ein Durchschnittsbürger 16,1 Liter Schnaps. «Die DDR war ein Spirituosenland», sagt Teresa Thieme vom Stadtmuseum Jena. Dort ist seit heute eine Ausstellung zu sehen, die sich den Trinksitten in der DDR widmet.

Einen Schnapsspender hat Günter Weißenburger beigesteuert. Der Rentner lächelt breit, während er eine kleine metallene Handpumpe betätigt, die auf einem großen Glaskubus angebracht ist. Eine ganze Reihe Schnapsgläschen kann er so eingießen. «Das war damals der Renner, wenn wir irgendwelche Feiern hatten», erinnert er sich.

DDR-Technik
Ingenieurskunst aus dem Osten

Die Sonderausstellung nimmt den hohen Alkoholkonsum in der DDR unter die Lupe. «Als wir mit unseren Recherchen angefangen haben, begegnete uns überall dieses nostalgische Vorurteil von den DDR-Bürgern, die sich ihre graue Realität schön trinken mussten», erklärt Kuratorin Teresa Thieme. Die These von der «Realitätsflucht» der DDR-Bürger sei jedoch nicht haltbar, die Wahrheit um einiges vielschichtiger.

Ulbricht rührte Alkohol nicht an

«Wir haben festgestellt, dass der Alkohol schon sehr stark im Alltag der DDR verankert war», sagt Thieme. Vor allem der Schnaps habe in der ostdeutschen Trinkkultur immer hoch im Kurs gestanden. Das hatte mit dem Angebot in der Planwirtschaft zu tun. «Getrunken wurde das, was es gab», erzählt Lutz Sander, heute Geschäftsführer der Aromatique Spirituosenfabrik in Neudietendorf bei Erfurt. «Und Klaren gab es eigentlich immer.»

1987 holten sich die DDR-Bürger von den Westdeutschen zum ersten Mal den zweifelhaften Titel des «Weltmeisters» im Pro-Kopf-Verbrauch von Spirituosen. 1989 überflügelten sie schließlich auch den Bierverbrauch der Westbürger. Von einer «Säufer-Gesellschaft» könne jedoch keine Rede sein.

Der Umgang mit Alkohol spiegele sich in der Ambivalenz zwischen staatlich geduldetem Trinken in den 1960er Jahren und späteren rigiden Alkoholverboten durch die Obrigkeit: Als Teil des «geselligen Zusammenseins» habe der Alkohol zwar eine zentrale Rolle bei gesellschaftlichen Ereignissen gespielt, entsprach aber nicht dem Konzept des «gesunden Sozialismus», den etwa der abstinent lebende Walter Ulbricht propagiert hatte.

Alkohol war immer verfügbar

«Ein besonderes Merkmal war der Umstand, dass nur selten allein getrunken wurde, sondern meist in Gesellschaft», erklärt Thieme. Das habe die DDR schon früh vom Westen unterschieden. «Außerdem war Alkohol schlichtweg eines der Dinge, die im Gegensatz zu anderen Produkten immer vorhanden und verfügbar war.» So wurde die Flasche Schnaps oder der Kasten Bier auch gern als «Ersatzwährung» genutzt.

Für Spirituosen griffen die DDR-Bürger auch etwas tiefer in die Tasche. «Bei Feiern war immer alles da», erzählt Sander. «Und dabei war Alkohol nicht gerade billig.» Manche Kreationen wie Apfelkorn oder Curacao-Likör - der mit Orangensaft zur «Grünen Wiese» wurde -, gab es für viel Geld in den «Delikat»-Läden. Einige Weinbrände oder bessere Liköre aus DDR-Produktion waren gar nur gegen Devisen erhältlich. «Es ist schon erstaunlich, dass die Leute das begehrte Westgeld für Alkohol in den Intershop getragen haben», sagt Matias Mieth, Direktor der Städtischen Museen Jena.

Die Ausstellung beginnt aber nicht erst in der DDR. Jena war schon im Mittelalter Bierstadt, in der vor allem Studenten die umliegenden, mit eigenen Braurechten versehenen «Bierdörfer» für exzessive Trinkgelage heimsuchten. Zu DDR-Zeiten wurden die Brauerein dann natürlich im VEB Jena verstaatlicht.

iwi/news.de/dapd/dpa

Leserkommentare (2) Jetzt Artikel kommentieren
  • Adolar
  • Kommentar 2
  • 06.07.2012 23:35

Gut nun zu wissen,daß Ulbricht angeblich nicht gesoffen hätte!Eingroßes Lob dem umtriebigen Rechercheur diese angeblchen Tasache!Da würde mir dieser verknöcherte Stalinist sofort viel sympatischer wenn ich nicht wüßte,daß hier nur Scheißpropaganda der dpa unbesehen und unbedacht übernommen worden wäre.Ncht hinterfragt wird außerdem,daß diese unbeschränkte Verfübarkeit von Alkohol auf macciavelschen Überlegungen beruhte.PANEM ET CIRCENSIS!Eine Politik auf der die BananenRepublikanische Poltik nun auch schon viel zu lange fußt!

Kommentar melden
  • Franzi
  • Kommentar 1
  • 06.07.2012 17:13

Pfeffi - ist ein Pfefferminzlikör; dann gab es auch immer so ne Maracujabrause, aber ich weiß nicht mehr den Namen.

Kommentar melden
Kommentar schreiben  Netiquettelink | AGB
noch 600 Zeichen übrig