Regeln statt Verbot
Drogen legalisieren für den Frieden

60.000 Tote - der Krieg gegen die Drogen ist gescheitert, daran haben hochkarätige internationale Politiker keinen Zweifel mehr. Stattdessen fordern sie jetzt Regulierung: Regeln und Kontrolle sollen Konsumenten helfen und das Blutvergießen stoppen. Heino Stöver setzt sich dafür seit Jahren ein, ein neues Buch macht konkrete Vorschläge.

FOTOS: Regeln und Kontrolle Wie Drogen legalisiert werden könnten

Nein, Professor Stöver will nicht den kollektiven Rausch. Er will keine wilde Legalisierung von Cannabis, Koks und womöglich Heroin. Er fordert Regeln und Kontrolle. Denn Stöver findet, dass Drogen sehr gefährlich sein können. «Zu schädlich, um sie unkontrolliert Schwarzmarkt und Kriminalität zu überlassen.»

Dieser Meinung ist auch Felipe Calderón, doch hat er daraus bislang ganz andere Konsequenzen gezogen. Der mexikanische Präsident blies gleich nach seiner Wahl im Dezember 2006 zum Krieg gegen die Drogenkartelle. Seitdem sind fast 60.000 Menschen in Mexikos Drogenkrieg gestorben. Die Zahl der Morde pro 100.000 Einwohner ist von 8 auf 18 gestiegen, ein Großteil der Mexikaner arbeitet für die Drogenmafia, Kinder wollen Drogenboss werden, und die «Narcos», wie die Drogenhändler heißen, werden in den populären Narcocorridos besungen, die in Mexikos Charts hoch und runter laufen.

Auch Vicente Fox hält Drogen für gefährlich. Fox ist Calderóns Vorgänger und stand 2006 kurz davor, ein Gesetz zu unterschreiben, das den Besitz geringer Mengen von Rauschmitteln erlaubt. Seit er erlebt hat, was der Drogenkrieg seines Nachfolgers anrichtete, bekundet er öffentlich, man müsse über Legalisierung und Regulierung von Drogen sprechen. So sehen das inzwischen viele seiner Kollegen, Brasiliens Ex-Präsident Fernando Henrique Cardoso, César Gaviria aus Kolumbien und sein Vorgänger Ernesto Zedillo zum Beispiel. Der peruanische Literaturnobelpreisträger Mario Vargas Llosa forderte 2010 die Legalisierung von Drogen. Denn bislang ist Drogenanbau, Handel, Verkauf und Konsum nicht nur verboten, sondern auch nicht reguliert – und damit ohne Kontrolle.

Das Verbot schafft das Drogenproblem - die UN-Konvention von 1961

Genau das ist Professor Heino Stövers Projekt. Seit 30 Jahre kämpft der Sozialwissenschaftler aus Niedersachsen für Drogenabhängige, er leitet das Frankfurter Institut für Suchtforschung und ist Vorsitzender von Akzept, dem Verein, der die Menschenwürde der Konsumenten über Verbote stellt. Erst das totale Verbot und die Kriminalisierung der Drogen haben zur seuchenartigen Verbreitung des HIV-Virus geführt, manche Menschen, die anfangs nur ein kleines Problem haben, zu Verbrechern, Prostituierten, gesellschaftlichem Abschaum werden lassen, lautet das Credo des Vereins.

Eine neue Drogenpolitik kann die Gewalt in Lateinamerika, Afrika und Asien nicht mehr von den Junkies in Europa trennen. «Es ist Zeit, dass nach dem Drogenkrieg auch die Verbindung hergestellt wird zu den Konsumentenländern. Nicht nur Anbau und Transit, sondern auch der Konsum gehören dazu», sagt Stöver. Vom Kokser in München bis zum Kiffer in Kiel, sie alle haben auch zu tun mit dem blutigen Krieg in Lateinamerika, Afrika oder Asien, der längst nach Europa geschwappt ist. Drogen sind ein weltumspannendes Thema, deren Dreh- und Angelpunkt die UN-Konvention von 1961 ist. Sie verbietet jeden nichtmedizinischen und nichtwissenschaftlichen Gebrauch von Erzeugnissen des Kokastrauchs, der Cannabispflanze und Opiaten. 1972 wurden auch psychotrope Stoffen wie LSD, Ecstasy und Amphetamine aufgenommen.

Portugal, Tschechien und die Niederlande haben sich bereits entschieden, die UN-Konvention zu umgehen und ihre «Bürger vor Strafen zu schützen», wie Heino Stöver sagt – mit teilweise überraschenden Ergebnissen. Um mehr zu erfahren, klicken Sie sich durch die Textstrecke:

Wo Drogen geduldet werden
Drogen
zurück Weiter

1 von 12

Blutige Ironie der Geschichte ist, dass offenbar erst ein Drogenkrieg scheitern und Zehntausende sterben mussten, bis die bloße Erwähnung der Vokabel Legalisierung keine Panikattacken mehr auslöst. Vorsichtshalber spricht man aber auch heute lieber nicht von Legalisierung, sondern von Regulierung. Nach dem Krieg gegen die Drogen: Modelle für einen regulierten Umgang heißt das Buch, das Akzept in der vergangenen Woche in Deutschland herausgebracht hat, eine Übersetzung des 2009 in London erschienenen Blueprint for Regulation der britischen Organisation Transform.

Drogen auf Rezept, vom Apotheker oder in lizensierten Verkaufsstellen. Wie ein regulierter Umgang mit bisher illegalen Drogen aussehen könnte, erfahren Sie, wenn Sie durch die Bildergallerie über dem Artikel oder hier klicken.

Drogenbeauftragte Dyckmans will Regulierungsvorschläge prüfen

In Deutschland ist Mechthild Dyckmans für Drogenpolitik zuständig. Die Beauftragte der Bundesregierung hat normalerweise eine sehr dezidierte Meinung, wenn es nur um die Legalisierung von Cannabis geht. «Vom Alkohol- und Tabakkonsum gehen bereits deutliche Risiken für die Gesundheit des Einzelnen aus. Ich sehe nicht, wieso wir diesen bestehenden Risiken durch die Legalisierung von Cannabis noch weitere hinzufügen sollten», antwortete sie zum Beispiel Mitte Juni auf eine entsprechende Anfrage bei abgeordnetenwatch.de.

Doch die Anfrage nach einer Stellungnahme zu den Regulierungsmodellen bügelt sie nicht so leicht ab. Man habe das Buch noch nicht gelesen und wolle die Vorschläge zunächst gründlich prüfen, lässt Dyckmans ausrichten. Heino Stöver rechnet diesmal mit einer ernsthaften Auseinandersetzung. «Ich erwarte mir ein Nachdenken darüber, welche Schritte die Bundesregierung auf internationalem Parkett tun kann, um Bewegung in die Regulierung zu bringen. Das ist nicht nur eine Illusion, das Thema ist auf der Schiene», sagt der Professor.

Wie ein reglementierter Umgang mit Drogen aussieht, kennen wir von Alkohol, Tabak oder auch Medikamenten. In diesem Spannungsfeld soll sich auch der Umgang mit Cannabis, Speed, Crystal Meth, Koks oder Heroin bewegen, sieht das Konzept vor. Eine weltumspannende Lösung allerdings wird sich in den nächsten Jahren nicht umsetzen lassen, da macht sich Heino Stöver keine Illusionen. Die Schraube, an der jeder Staat allerdings drehen kann, ist die Duldung einer bestimmten Menge zum Eigenbedarf.

2,5 Prozent der Kriminalität betreffen Drogen-Eigenverbrauch

«Mit großzügigen Mengen zum Eigenverbrauch können wir in Deutschland 100.000 Menschen vor Kriminalisierung bewahren, denn von den 250.000 jährlich von der Polizei ermittelten Konsumenten betreffen 100.000 nur den Cannabis-Eigenverbrauch. Mit einem Fingerschnitt könnten wir 2,5 Prozent der gesamten Kriminalität in Deutschland eliminieren, die nur den Eigenverbrauch von Drogen betreffen», sagt Stöver. Noch einmal dieselbe Zahl komme durch Beschaffungskriminalität zustande, mit der durch sinnvolle Regulierung ebenfalls weitgehend aufgeräumt werde.

Die Polizei könnte sich auf andere Verbrechen konzentrieren, die Gerichte wären entlastet, Verbrauchern und vor allem Jugendlichen wäre geholfen, meint er: «Es gibt seit 30, 40 Jahren einen starken Konsum, offenbar wollen die Leute das in einer gewissen Phase ihrer Biographie. Wir müssen damit umgehen, eine Vogel-Strauss-Politik macht keinen Sinn.» Es sieht aus, als wäre die Chance da, dass die Welt den Kopf aus dem Sand zieht.

Lesen Sie dazu auch unseren Kommentar.

FOTOS: Top 20 Die gefährlichsten Drogen der Welt

Sind Sie schon Fan von news.de auf Facebook? Hier finden Sie brandheiße News, tolle Gewinnspiele und den direkten Draht zur Redaktion.

wam/news.de

Bleiben Sie dran!

Wollen Sie wissen, wie das Thema weitergeht? Wir informieren Sie gerne.

8 Kommentare
  • Carola

    15.01.2016 11:14

    Es ist völlig richtig was du sagst, das System versucht sicherlich nicht nur Menschen blöd zu machen und als Suchtkranke abzustempeln weil sie davon provitieren und es geht ihnen um Kontrollverlust.

    Kommentar melden
  • Ricard Wagner Rizzi

    17.10.2012 04:31

    Dieser Beitrag wurde entfernt, da er gegen die Kommentar-Richtlinien verstößt.

  • Ricard Wagner Rizzi

    17.10.2012 04:29

    Zwar nicht die Änderung der Regeln der Drogenkrieg auch nicht diese Situation zu ändern.

    Kommentar melden
Kommentar schreiben

noch 600 Zeichen übrig

Empfehlungen für den news.de-Leser