«Bild»-Zeitung wird 60 Von der Lachnummer zum Kassenschlager

Ein Aktivist des Kampagnenetzwerks campact zeigt der Bild-Zeitung während einer Protestaktion gegen deren Gratis-Verteilung die rote Karte. (Foto)
Ein Aktivist des Kampagnenetzwerks campact zeigt der Bild-Zeitung während einer Protestaktion gegen deren Gratis-Verteilung die rote Karte. Bild: Yero Adugna Eticha/dapd

Von Inge Treichel
Heute schon Bild gelesen? Zum 60. Geburtstag des Blattes gibt's für Millionen Deutsche eine Sonderausgabe gratis, bunt und provokativ wie immer. Die «Ur-Bild» bestand nur aus sechs Schwarz-Weiß-Fotos mit ein paar Textzeilen. Zum Leitmedium, wie der Chefredakteur die Bild nennt, war es ein langer Weg.

Auf der allerersten Ausgabe der Bild-Zeitung am 24. Juni 1952 gab es sechs Schwarz-Weiß-Fotos mit wenigen Zeilen Text darunter. Der Verleger Axel Springer sah sein neues Blatt als «gedruckte Antwort auf das Fernsehen», wie er sagte. Er stand mit diesem Konzept zunächst allein. Als er dieses seinen Verlagsdirektoren präsentierte, «hat nur die Tatsache, dass ich der Chef war, sie davon abgehalten, laut zu lachen». Sie fragten ihn, wie der Titel heißen solle: «Ich sagte Bild, und dann prusteten sie los», erzählte Springer viel später in einem Fernsehinterview.

Das damals neue Medium Fernsehen war es nicht allein, was ihn auf die innovative Idee brachte. Durch eine Leseranalyse stellte Springer fest, dass Berichte mit Fotos von fast allen wahrgenommen, dagegen Wirtschaftsnachrichten und Feuilleton oft überblättert worden seien.

Mit Bastelschere zur Erstausgabe

Bei seinen Besuchen in London stach ihm der Erfolg der englischen Boulevard-Presse ins Auge. Zum Vorbild nahm er den Daily Mirror. Springer machte sich in seinem Hotelzimmer mit der Schere ans Werk. Die ausgeschnittenen Teile klebte er zusammen - und fertig war das Muster für die «Ur-Bild». Das Aufmacher-Foto der ersten Bild zeigte den britischen Premierminister Winston Churchill und griff damit Rücktrittsdiskussionen in England auf.

Die erste Ausgabe mit 455.000 Exemplaren wurde kostenlos verteilt, danach kostete sie 10 Pfennig. Bild war anfangs kein Erfolg: Bis Ende 1952 stagnierte die Auflage bei 200.000, mit 500.000 hatte Springer gerechnet. Erst das 1953 veränderte Konzept mit mehr Text und großen Schlagzeilen, menschlichen und Aufsehen erregenden Geschichten brachten den Erfolg.

Bild-Zeitung als Meinungsmacher

Politik wollte der Verleger zunächst aus den Schlagzeilen heraushalten, doch das änderte sich mit dem Aufstand in der DDR: Die Schlagzeile am 18. Juni 1953 hieß: «Russenpanzer walzen Berliner Aufstand nieder.» Nach Axel Springers gescheitertem Versuch im Jahr 1958, mit dem sowjetischen Staatschef Nikita Chruschtschow über die deutsche Wiedervereinigung zu verhandeln, machten seine Blätter Front gegen den Ostblock und den Kommunismus. Angesichts des Mauerbaus titelte Bild am 16. August 1961: «Der Westen tut NICHTS!» und umrandete den Artikel mit Stacheldraht.

Die Meinungsmacht der Bild-Zeitung wuchs stetig. 1966 erreichte die Zeitung den Gipfel von fünf Millionen Auflage. Sie polemisierte in der Verantwortung des Chefredakteurs Peter Boenisch gegen die protestierenden Studenten, stellte sie als «Radaumacher» und «politische Spinner» hin und den Studentenführer Rudi Dutschke als «Staatsfeind Nr. 1». Die Reaktion war die Kampagne «Enteignet Springer!», die mit Unterstützung namhafter Intellektueller großes öffentliches Interesse fand.

Kritik von Heinrich Böll und Günter Wallraff

Die Auseinandersetzung eskalierte nach dem Attentat auf Dutschke: Die Bild-Zeitung warf den Protestierenden vor, an der Eskalation der Gewalt schuld zu sein. Umgekehrt warfen viele dem Blatt vor: «Bild schoss mit». Einige Demonstranten setzten in Berlin Verlagsfahrzeuge von Springer in Brand. 1972 explodierten im Hamburger Springer-Haus zwei Bomben; 17 Menschen wurden verletzt.

Schriftsteller kämpften mit der Feder gegen ihrer Ansicht nach fragwürdige Methoden des Blatts: Heinrich Böll schrieb den Roman Die verlorene Ehre der Katharina Blum, Günter Wallraff dokumentierte seinen Undercover-Einsatz bei der Bild in Hannover.

Günter Wallraff
Mr. Undercover

Axel Springer setzte auf positive Kampagnen unter der Devise: «Bild ist der Anwalt des kleinen Mannes.» Konkrete Hilfseinsätze gab es unter dem Motto «Bild kämpft für Sie» und mit der Spendenaktion «Ein Herz für Kinder».

Chefredakteur Kai Diekmann, seit 2001 im Amt, bezeichnete die Bild-Zeitung als das deutsche Leitmedium. «Wir erkennen und besetzen Themen, die das Gespräch des Tages bestimmen - ob über das Recht auf Faulheit, über zu lasche Erziehung, den Teuro oder über die Frage, ob man stolz sein kann auf Deutschland.» 41 Millionen deutsche Haushalte können sich davon heute selbst überzeugen - sie erhalten zum 60-jährigen Jubiläum der Bild eine Sonderausgabe gratis.

zij/wam/news.de/dapd

Leserkommentare (4) Jetzt Artikel kommentieren
  • Claus
  • Kommentar 4
  • 24.06.2012 01:57

Man muss sich endlich mal von dem Irrglauben losmachen, dass die "Bild" ein Zeitung sei. Das ist sie nicht!!! Sie ist ein reines Unterhaltungsmagazin, das seine Leser mit erfundenen, verfälschten oder erpressten Geschichte bei Laune hält, manipuliert, aufgeilt und verdummt.

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  • Markus
  • Kommentar 3
  • 23.06.2012 19:13

Was für eine sinnlose Verschwendung von Ressourcen wie z.B. Papier, Farbe und Zeit. Diese Bild Zeitung ist lediglich eine Lobeshymne auf sich selbst! Widerlich!

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  • Ulrike Janßen
  • Kommentar 2
  • 23.06.2012 15:02

Als ich die Sclagzeilen aus 60 Jahre Bild (Gratis-Ausgabe) in den Händen hielt, war es plötzlich wieder da, unsere Sonntage, die wir mit dem Fahrrad unterwegs waren auf Tour. Mein Vater hat früher die Bild am Sonntag ausgetragen (die Bildzeitung an Tor 1(Krupp-Hüttenwerke/Rheinhausen) verkauft). Die netten Leute, dort wo ich gern hinging, weil man dort Süßes bekam oder einen Apfel; die Berge an Kleingeld, die gezählt werden mussten und anschließend gerollt oder auch der Geruch der frischdedruckten Zeitungen. Tatsache ist Bild gehört zu Deutschland, jeder hat seine Geschichte das war meine.

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