Fahrrad gegen Auto Radel-Rambo schreibt ein Buch

2011 wurden mehr Fahrräder verkauft als Autos zugelassen. Der Kampf zwischen frechem Zwei- und stinkendem Vierrad ist in vollem Gang. Öl ins Feuer gießt jetzt als personifizierter Zweirad-Rambo ein Berliner Radler mit seinem Buch Ich lenke, also bin ich. Dabei will er, wie viele Radler, nur eins: Autofahrer piesacken.

Fahrrad-Style: Performance auf zwei Rädern

Eigentlich ist alles gesagt und die Fronten verhärtet. Wozu noch ein Buch übers Fahrradfahren, wenn doch alles so klar ist? Radfahrer lieben sich selbst und werden von Autofahrern gehasst. Deren Anwalt ist die Boulevardpresse, die den Sheriff von Nottingham gibt, wenn sie Hass gegen Radfahrer versprüht, die sich angeblich wie Robin Hood gebärden: Weil sie sich als Öko-Helden feiern, obwohl sie vor allem rote Ampeln missachten, bei Schnee mitten auf der Fahrbahn radeln und gegen Autofahrer wüten, die rechts abbiegende Radfahrer schneiden oder unmotiviert die Fahrertür aufreißen.

Über die der Radfahrer dann fliegt, weshalb er wiederum die Autofahrer hasst und dabei die nötige Energie freisetzt, um das schlechte Gewissen auszuschalten. Denn ja, Radfahrer haben ein Gewissen, und das bäumt sich vor allem dann auf, wenn kleine Kinder ins Spiel kommen. Upps - schon wieder über die rote Ampel gefahren, obwohl der Sohn hinten drauf sitzt. Oder der andere Klassiker: «Mama, warum hast du eigentlich keinen Fahrradhelm?»

Radfahrer haben ein Regel-Problem

Keine Frage, die Situation ist verfahren. Aber genau das ist Kai Schächteles Chance, und deshalb ist sein Buch Ich lenke also bin ich doch gar nicht so blöd. Schächtele pustet frische Luft in die festgefahrenden Fronten, weil er sein arrogantes Radfahrer-Egomanentum gleich durch Selbstironie wieder aufweicht.

Wenn er bedauert, dass er nie mit seiner geliebten Nichte wird radfahren können, weil er es einfach nicht schafft, an roten Ampeln zu halten. Wenn er seinen inneren Kampf schildert, in dem sich selbst nach einem Sturz mit Gehirnerschütterung nicht der Fahrradhelm durchsetzen kann. Oder während er uns daran teilnehmen lässt, wie auch er, der Fahrradfreak, immer wieder an den Vulkanisierflicken scheitert und dabei schließlich die meditative Ruhe eines Yogi findet. Dankbar ist der Leser auch für die Episode, in der Schächtele sich bei jedem Halt mit den hippen neuen KlickpedalenWerden von Rennfahrern benutzt. Nötig sind spezielle Schuhe, in denen die klötzchenförmigen Pedalen einrasten. So kann man die Pedale nicht nur treten, sondern auch ziehen. Es bedarf allerdings etwas Übung, den Fuß wieder zu lösen. flach macht.

Radfahren folgt keiner Logik und keiner Regel, es ist pure Emotion. Warum sonst werben so viele Fahrradschmieden mit Sätzen wie «Es ist mehr als nur ein Name, es ist unsere absolute Leidenschaft» (Niner) oder «Fahrräder sind nicht nur ein eine Fortbewegungsart, sondern eine Fortsetzung unseres Selbst, sie sind Teil unserer Seele» (Crema Cycles)?

Welche Fahrräder gerade besonders hip sind, erfahren Sie übrigens in dieser Bildergalerie.

Vermutlich sind deshalb die Gräben so tief zwischen Autofahrern, denen aufgrund der Dicke ihres Gefährts nichts anderes übrig bleibt, als sich an die StVO zu halten, und den wendigen Radlern, die tief in ihrem Innern sicher sind, dass die Verkehrsregeln eigentlich nicht für sie gemacht sind. Manchmal zieht sich so ein Graben sogar mitten durch eine Person, je nachdem, welches Verkehrsmittel sie gerade nutzt.

Kai Schächtele ist als Kind definitiv auf die eine Seite des Grabens gefallen. Sein Initiationsritus für die Sekte der Zweiradfahrer fand im Alter von sechs statt, als er mit seinem Kinderfahrrad eine Anhöhe hinunterrollte und nun merkte, dass er noch nicht wusste, wie Bremsen funktioniert, weil das Gefährt immer schneller wurde. Am Ende knutschte er den Asphalt und ist seitdem verliebt. Tja, wer kennt das nicht.

Wer gewinnt beim Kampf Fahrrad gegen Auto?

Wenn es allerdings um die Essenz geht, den Kampf Fahrrad gegen Auto, kommt selbst Schächtele der Humor abhanden. Sein Autofahrer-Dissen kommt, wie wir gelernt haben, ja auch aus der Tiefe der Seele: «Autofahren ist keine Fortbewegung, sondern eine Sucht» lautet Schächteles Mantra, er unterscheidet zwischen Typ Kokain, Typ Schnaps und Typ Speed, allesamt lebensgefährlich für Radfahrer.

Zugleich windet er sich aber auch unter dem moralischen Zeigefinger, der aus allen Radlern gleich militante Ökos macht, die ständig mit der CO2-Bilanz wedeln. Doch letztlich gibt es da kein Pardon, Radfahren ist einfach umweltfreundlicher und gesünder. Tatsächlich werden in Deutschland auch mehr Fahrräder verkauft als Autos: 2011 stand es 4,05 Millionen zu 3,17 Millionen für die Zweiräder

Eigentlich haben Autominister Peter Ramsauer und die Bild-Zeitung schon recht. Radfahrer sind eben die Robin Hoods der Straße.

Autor: Kai Schächtele
Titel: Ich lenke also bin ich. Bekenntnisse eines überzeugten Radfahrers
Verlag: Heyne
Umfang: 224 Seiten
Preis: 8,99 Euro

jag/news.de

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Leserkommentare (4) Jetzt Artikel kommentieren
  • Christoph
  • Kommentar 4
  • 03.11.2012 20:34

@RadelnderAutofahrer: Sie wurden von einem Autofahrer angefahren als er abbog? Dann stell ich mir die Frage wie das passieren konnte. Entweder Sie fuhren neben dem Auto (Was zum Teufel haben Sie neben dem Auto auf der Straße zu suchen?). Oder Sie haben das Auto rechts überholt. (Diese Dummheit muss ich wohl nicht weiter erläutern) Vielleicht querten Sie auch die Straße in die das Auto einbog (Was kann der Autofahrer verdammt nochmal dafür wenn Sie nicht nach links und rechts schauen können?). Was es von den 3 Möglichkeiten auch war ich hoffe zutiefst das der Autofahrer Recht bekommen hat!!

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  • RadelnderAutofahrer
  • Kommentar 3
  • 18.06.2012 11:28
Antwort auf Kommentar 2

Das Auto ist ein Sportgerät und gehört auf die Rennstrecke. Es hat im Alltag nichts zu suchen!!! Ich bin als Radfahrer von einem Autofahrer angefahren worden, nur weil der abbog, ohne mal zur Seite zu schauen und mich "übersehen" hat. Ich denke, dieses sehr realistische Beispiel zeigt, was man von dem vorangegangenen und ähnlichen Kommentaren zu halten hat: reines Gehirn-Kompott. Es täte uns allen gut, wenn die Leute die Straße nicht als Kampfarena betrachten würden und sich an den wichtigsten Grundsatz der StVo halten: Das Gebot der gegenseitigen Rücksichtnahme. Und das gilt für alle!

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  • Kompott
  • Kommentar 2
  • 18.06.2012 09:18

Das Fahrrad ist ein Sportgerät und gehört auf den Sportplatz. Es hat im Straßenverkehr nicht zu suchen!!! Ich bin als Autofahrer von einem Radfahrer angefahren worden; dann wurde die ganz großen Nummer durchgezogen, Staatsanwaltschaft, Gericht und so, nur weil der Radfahrer im Dunkel ohne Licht auf dem Fußweg radeln mich "übersehen" hat. Solche Gehirnpygmäen haben auf der Straße nicht zu suchen!

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