Türken und Deutsche Männer gegen die eigene Wut

Die türkischen Männer tragen ihr Mantra auf dem T-Shirt: «Männer gegen Gewalt». Kazim Erdogan hat in Neukölln Selbsthilfegruppen für Väter geschaffen, den grausamen Mord eines Mannes an seiner Frau konnte er nicht verhindern. Er spricht mit uns über hilflose Männer - türkische und deutsche.

Integration: Eine deutsche Schlüsselfrage

Seit fünf Jahren reden sie. Über Ehre und über Gewalt, diese großen Schlagwörter, aber vor allem darüber, was dahinter steckt. «Wer in der Türkei geboren ist und auf die türkische Vaterrolle vorbereitet wurde, Alleinernährer sein soll und Chef der Familie; wer so erzogen ist, dass er die Macht haben soll, ist frustriert, wenn es dann nicht eintritt. Wenn er arbeitslos ist, von Hartz IV abhängig und die Familie nicht ernähren kann.»

Seit fünf Jahren treffen sich Väter in Neukölln, um mit Kazim Erdogan über diesen Frust zu reden. Die meisten sind Türken, aber nicht alle. Erdogan, der sich selbst scherzhaft Kalif von Neukölln nennt, erfand 2007 die Selbsthilfegruppe für Männer, er gründete den Verein Aufbruch Neukölln und installierte ein Notfall-Telefon, an dem sechs Mitarbeiter rund um die Uhr erreichbar sind.

Trotzdem ist es wieder passiert. In der Nacht vom 3. auf den 4. Juni verlor Orhan S. den Verstand, der 32-jährige erschlug seine Frau Semanur und zerstückelte ihren Körper. Unfassbar, erschreckend, scheußlich. Auch Kazim Erdogan findet keine anderen Worte für dieses Verbrechen, auch er ist sprachlos und entsetzt. Er kannte Orhan S. nicht, aber er half schon damals, 2005, der Familie von Orhans Cousin, nachdem dieser im Alkoholrausch seine Frau erwürgt hatte.

Nun also wieder. Was soll Erdogan sagen? Mit Aufbruch Neukölln hat er nach dem Verbrechen getan, was er konnte. Er organisierte die Mahnwache, bei der mehr als 100 Leute mit T-Shirts zeigten, dass sie Gewalt ächten, und eröffnete ein Spendenkonto für die sechs Kinder von Semanur und Orhan, von denen noch immer niemand weiß, ob sie erleben mussten, was ihr Vater getan hat.

Wir-Gefühl und gemeinsame Sprache Deutsch gegen Gewalt

Das Leben geht weiter, Kazim Erdogan sagt diesen Satz tatsächlich. Gewalt sei in unserer Gesellschaft eine der größten Herausforderungen, und er arbeitet täglich gegen sie an. «Die Gefahr, dass Verzweiflung und Enttäuschung zu Gewalt führt, ist immer gegeben. Je früher wir Menschen auffangen, desto erfolgreicher können wir werden.»

Der Türke, der selbst 1974 nach Berlin kam und sich nur knapp vor der Abschiebung in sein Psychologiestudium rettete, spricht viel vom Wir-Gefühl, das entstehen muss, um sich ohne Gewalt stark zu fühlen. In einer seiner Gruppen treffen sich zwar nur türkischstämmige Männer, weil sie kaum Deutsch sprechen. Doch die andere Gruppe ist gemischt, ihre Sprache Deutsch. Er wünscht sich, dass die gemeinsame Sprache, die Basis für das Wir-Gefühl, nach 60 Jahren endlich für alle Deutsch ist. Schließlich hätten alle Väter und Männer ähnliche Macken und auch ähnliche positive Seiten.

Scheidungen und Umgangsrecht sind gemeinsame Konflikte, «wenn es um Schule geht, um Kitas und Bildung, sind sich alle einig. Aber wenn Menschen unterschiedlich sozialisiert sind und andere Erfahrungen haben, gibt es auch unterschiedliche Meinungen», sagt Erdogan. Die gemeinsame Basis hilft, die anderen ausreden zu lassen, auch, wenn die Meinungen aufeinander prallen.

Die Männer mit dem schlechten Ruf sind hilflos

Wenn es zum Beispiel um Ehre geht, diese Ehre, die schon oft zu Morden geführt hat und tagtäglich zu Streits und Schlägen. Was hat es damit eigentlich auf sich? Wenig, sagt Erdogan. Bei vielen Menschen mit türkischer Zuwanderungsgeschichte sei es nur ein auswendig gelernter Begriff ohne Inhalt. Ein Mann hat Ehre, haben Eltern und Großeltern gesagt. Dass alle Menschen Würde und Ehre besitzen und dass es zur Ehre dazugehört, die Frau nicht zu schlagen und nicht wegzuschauen, wenn andere es tun, gehört zum neuen Ehrenkodex, den die Väter selbst erarbeiten in der Gruppe.

Ein bisschen macht Kazim Erdogan den Eindruck, als wären sie alle seine Kinder, diese Männer mit dem schlechten Ruf. Oder seine kleinen Brüder, schließlich wird er auch Kazim-Abi genannt, großer Bruder. Nicht mit ihnen, sondern über die türkischen Männer werde geredet, sagt Kazim-Abi, so dass niemand merke, wie überfordert sie sind. In ihrer Sozialisierung kommt es nicht vor, geschieden zu werden oder plötzlich alleinerziehend zu sein, weil die Frau abhaut, sich trennt oder krank wird.

Damit die Leute sie besser verstehen, tragen die Brüder jetzt auch T-Shirts gegen Gewalt. Darauf gedruckt sind Engelsflügel und darunter, zum Verwechseln ähnlich, ein Schnauzbart, wie ihn so viele von ihnen tragen, dazu der Satz «Männer gegen Gewalt» auf Deutsch und Türkisch. Dass sie die Shirts bereits zwei Wochen nach ihrer Vorstellung bei der Mahnwache für Semanur trugen, ist die grausame Ironie der Geschichte. Aber sie tragen sie weiter, geben nicht auf.

wam/news.de

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Leserkommentare (6) Jetzt Artikel kommentieren
  • Hingucker
  • Kommentar 6
  • 14.06.2012 17:39
Antwort auf Kommentar 4

Ihren Ausführungen stimme ich uneingeschränkt zu!

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  • Hans Christian Berchtold
  • Kommentar 5
  • 14.06.2012 15:59

Ich weis, jeder der hierauf geantwortet hat, hat Recht. In jeder Hinsicht.Aber wer wegen einer vermeintlichen "Ehrenrettung" einen Mord begeht, poliert seine Ehre wieder auf? Wie soll das denn gehen. Nein solche Typen haben nicht nur in D. etwas zu suchen, sondern im Nirgendwo. In den 4 Meinungen ist von jedem alles gesagt. Besonderst gelungen ist d. Meinung v. Longus.

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  • Longus
  • Kommentar 4
  • 14.06.2012 12:08
Antwort auf Kommentar 3

es sind aber unsere eigenen "trottel" mit all ihren "fehlern". deswegen braucht man nicht noch zusätzlich welche aus dem ausland "importieren", die uns verächtlich als kartoffeln, weissbrote u. schweinefresser titulieren aber beim sozialamt die hand aufhalten. und das ist eben NICHT die minderheit. abgesehen davon sind sie ja nicht hier, weil sie die deutschen so lieben.

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