Fußball-EM 2012 Polens Hooligans in Lauerstellung

Fußball-EM 2012
Wer kommt weiter, wer fliegt raus?

Isabelle WiedemeierVon news.de-Redakteurin
Polnische Fußballfans passen in Schablonen: muskelbepackt und gewaltbereit, so sieht das Klischeebild aus. Bedrohen Hooligans den Fußballsommer, auf den Europa sich freut? Ist es gefährlich, in Polen über Land zu fahren? «Totaler Quatsch», sagt der Mann, der die polnischen Fans kennt wie kein anderer.

Aufgepumpte Brüste, Oberarme, die vor Kraft abstehen, bollerige Jogginghosen. Kahle Köpfe. Die aktuelle Ausgabe des Fußballmagazins 11 Freunde stellt die Jungs vor, vor denen wir uns fürchten müssen bei der EM im Osten. Polnische Hooligans, berüchtigt für rohe Gewalt, wenn Legia Warszawa und Lech Poznan aufeinanderprallen oder Lechia Gdansk und Arka Gdynia um die Fußballmacht im Norden kämpfen.

Die Polen leben den Fußball wunderbar intensiv, doch die großen Schlagzeilen machen auch hier die Fans der Kategorie C, die Randalierer und Hooligans. Die 11 Freunde nimmt die Schlägertrupps bloß aufs Korn und macht sich über die stereotypen Schlägerposen derer lustig, die sich auf Feldern oder im Wald treffen und dort Dinge tun, die mit Fußball nichts zu tun haben.

Aber müssen wir uns Sorgen machen? Um das Fußballfest oder gar um unser eigenes Wohlbefinden, wenn wir selbst in Polen live dabei sind? «Wir haben zuverlässige Informationen, dass sie sich absolut nicht für das Turnier interessieren. Das Gewaltproblem hat rapide abgenommen in den letzten fünf Jahren, und außerdem spielt es sich ausschließlich auf Vereinsebene ab.» Das sagt Dariusz Łapinski. Auch er ist ein kahl geschorener Pole, auch er ist Fußballfan.

«Vom Fußballfest bis zum Terroranschlag auf alles vorbereitet»

Und er leitet die polnischen Fanprojekte, deren Idee es ist, Gewalt gar nicht erst aufkeimen zu lassen. Für Fan-Leidenschaft hat er gerade allerdings absolut keine Zeit – die letzten Tage vor Turnierbeginn sind Stress pur. Deshalb macht er sich auch keine Sorgen. «Wir gehen die Sache nicht emotional an, wir haben keine Angst oder Hoffnung, dass es gut geht, sondern einfach eine Liste von Risiken, eine Einschätzung, was passieren kann. Es ist eine ganz einfache Projektarbeit.» Als wir ihn auf dem Handy erreichen, gönnt er sich eine kurze Pause und geht an die frische Luft. «Ich nutze die Gelegenheit, um mir eine Zigarette anzuzünden», sagt er in feinem Deutsch mit dem leicht kantigem Einschlag der Osteuropäer.

Keine Gewalt zu befürchten also bei der EM? Dafür kann Łapinski natürlich nicht garantieren. Er und seine Kollegen haben das Land auf alles vorbereitet, «angefangen von einer supertollen, friedlichen WM beim bestem Wetter bis hin zu einem Terroranschlag. Ich glaube aber, dass die Wahrheit sich definitiv näher am ersten Bild bewegt.» Schließlich sei es nicht das erste Turnier, bei dem sich zum Beispiel Polen und Deutschland begegnen. 2006 in Dortmund, 2011 in Gdansk. «Wir haben erfahrene Leute. Wenn Deutschland und Polen im Viertelfinale aufeinandertreffen, werden wir wieder große Sorgen haben, und wieder passiert vermutlich gar nichts.»

Aber was ist mit den Ustawki, den Schlägereien im Wald? Der deutsche Dokumentarfilmer Marc Quambuch empfiehlt deutschen Touristen in einem Artikel bei Spiegel Online, umliegende Dörfer zu meiden, weil sich dort die Hooligans verbreden könnten. «Das ist totaler Quatsch. Natürlich gibt es diese Sitte, die es inzwischen in Deutschland auch gibt. Aber im letzten Jahr sind 70 Prozent solcher Verabredungen unterbunden worden, bevor es überhaupt losging. Das bedeutet, dass die Hooligan-Szene sehr gut unterwandert ist.» Vor der EM ist die Ermittlungsarbeit intensiviert worden, die Polizeien kooperieren europaweit, die Datenbanken mit Gewalttätern sind nach europäischen Vorgaben erstellt. Auch an den Grenzen wird wieder kontrolliert, damit gewaltbereite Fans draußen bleiben.

Brennende Stadien sind ein Phänomen der 1990er

Łapinski arbeitet nicht nur gegen die Gewalt im Fußball, sondern auch gegen die Klischees. Zum Beispiel, dass sich in Polen normale Familien aus der Mittel- oder gar Oberschicht gar nicht ins Stadion trauen. «Manchmal sehe ich in da in meinem direkten Umkreis drei, vier Leute mit Doktortitel. Im Fußball ist der komplette Durchschnitt der Gesellschaft präsent.» Die Stadien der oberen Ligen seien sicher, doch wenn einmal im Jahr etwas passiert - «wie jetzt auch in Düsseldorf» - fühlen sich alle an die Stadiongewalt der 1990er erinnert.

Die Männer mit den schweißigen nackten Oberkörpern, ja, die gibt es, wie hierzulande auch. Von etwa 5000 gewaltbereiten Hooligans geht die Polizei aus. Viel mehr machen inzwischen bei den Fanprojekten in Warschau, Breslau, Danzig und Gdingen mit, die Dariusz Łapinski angezettelt hat. Sie bilden die sogenannten Fanbotschaften bei der EM, bei denen Fans Fans helfen: eine Schlafmöglichkeit zu finden, noch an ein Ticket zu kommen, verlorene Ausweise wiederzufinden und den Weg zum Stadion. Sie sagen auch Bescheid, wenn noch irgendwo ein Dixi-Klo fehlt.

Das beste aus den Fans herausholen

«Wenn es ein paar Köpfe gibt, die zu lange in der Sonne waren und denen es einfällt, irgend etwas anzuzetteln, dann gibt es andere Mittel», erklärt der Fanbeauftragte. Seit 2011 ist es in Polen erlaubt, Randalierer per Schnellgericht noch im Stadion zu verurteilen, die Richter können über Videokonferenz zugeschaltet werden. Auch Zellen gibt es in den Stadien.

Dariusz Łapinski hat übrigens in Deutschland gelernt, was Fanarbeit ist: «aus der Kundenperspektive». Damals studierte er in Potsdam Politikwissenschaften und ging zum SV Babelsberg zum Fußball. Als Polen und die Ukraine den Zuschlag für die EM bekamen, sah er das als seine Chance, auch aus den polnischen Fans das Beste herauszuholen.

Als er seine Zigarette aufgeraucht hat, bittet er uns noch, die Daumen zu drücken. Für das Viertelfinale Deutschland-Polen. Da klingt dann doch Emotion aus der Stimme.

kru/news.de

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