Europa-Vergleich Schluss mit Frührente und Altersteilzeit!

Wer alt ist, geht am besten in Frührente, denn in seinem Betrieb braucht man ihn sowieso nicht mehr? Von wegen. Weil wenig jüngere nachkommen, werden alte Arbeitnehmer bald sehr wichtig. Allerdings sickert das in Deutschland erst langsam durch. Ein Blick in andere EU-Länder.

Alt werden muss kein Problem sein. (Foto)
Alt werden muss kein Problem sein. Bild: dadp

Die Arbeit nervt. Viele Berufstätige fühlen sich schon mit Mitte 30 ausgebrannt und lustlos im Job. 30 Jahre soll das noch so weitergehen? Unvorstellbar. «Ich werde es machen wie Onkel Klaus», ist schon jetzt für manchen frustrierten jungen Angestellten der vage Plan, «und frühzeitig in Altersteilzeit gehen». Vielleicht klappt es ja auch mit Frührente.

Unwahrscheinlich. Im Jahr 2060, kündigt das Statistische Bundesamt an, wird jeder dritte Deutsche älter als 65 sein - 2008 war es nur jeder fünfte. Wer soll noch die Wirtschaft wachsen lassen, wenn fast die Hälfte der Bevölkerung in Rente ist? Altersteilzeit und Frührente sind ein Wunsch, den es nach Meinung vieler Ökonomen zu bekämpfen gilt, wenn die Wirtschaft nicht zusammenbrechen soll.

Während in Schweden 70 Prozent der Arbeitnehmer zwischen 55 und 64 berufstätig sind, gehen hierzulande nur 57 Prozent noch ihrer Arbeit nach. Der Betriebswirtschaftsprofessor Gottfried Richenhagen untersucht, wie gut die Arbeitswelt im europäischen Vergleich auf den demographischen Wandel vorbereitet ist, und er kommt zu dem Ergebnis: mittelmäßig.

Europa schrumpft - na und?

Dabei ist das Grundproblem in ganz Europa dasselbe. Der Kontinent wächst nicht mehr, die Bevölkerung schrumpft in vielen Ländern sogar. Ohne Zuwanderung würde die EU bis 2050 rund 50 Millionen Einwohner verlieren, also mehr, als derzeit in Spanien leben. Zugleich werden hier dann erstmals mehr über 65-Jährige als unter 20-Jährige leben.

Von wegen altes Eisen: Coole Alte

Eigentlich ist es angesichts des weltweiten Bevölkerungswachstums keine Katastrophe, wenn die Europäer weniger werden. Doch auf die Veränderungen am Arbeitsmarkt muss man sich einstellen, und der Traum vom frühen Ruhestand ist also das schlechteste, was der Wirtschaft passieren kann. «Der Trend ist aber inzwischen gebrochen», sagt Professor Richenhagen, Arbeitsteilzeit wird nicht mehr wie früher gefördert und die Frühverrentung eingeschränkt. «Viele merken auch, dass das Leben ohne Arbeit gar nicht so schön ist, wie sie es sich ausgemalt haben, und managen dann ehrenamtlich einen Sportverein mit 1000 Mitgliedern.»

Doch während Schweden, Norwegen und Dänemark ihren Arbeitsmarkt längst an ältere Arbeitnehmer angepasst haben, schleppt sich der Prozess in Deutschland dahin. Dabei gehe es nicht darum, dass alte Menschen, wie in den USA, noch im Rentenalter Tüten in den Supermärkten packen sollten, um ihre Rente aufzubessern, betont Richenhagen. Er empfiehlt das finnische Konzept, das simultan an allen nötigen Schrauben dreht, um das Altern der Gesellschaft zu managen: Arbeitsplatzanpassung, Personalführung, Weiterbildung, Sozialsysteme.

Alter ist kein Defizit, sondern ein Potential - zumindest in Skandinavien

Dank wissenschaftlicher Untersuchungen wird Alter nicht mehr nur als Defizit wahrgenommen, sondern sein Potential ausgenutzt. «Ältere sind vor allem motivierbar mit selbstständiger Tätigkeit, die auf ihren Erfahrungen beruht und ihre Netzwerke berücksichtigt. Die Devise, ‹streng dich an, damit du was wirst› zieht da natürlich nicht mehr», sagt Richenhagen, der auch Unternehmen berät.

Die alten Hasen können Mentoren für Junge sein, im Stab statt in der Linie eingesetzt werden oder Projekte im Ausland übernehmen, weil sie nicht mehr in einem engen Zeitkorsett stecken wie junge Väter.

Eine andere Schraube ist das Thema Weiterbildung, das in Deutschland für die Alten praktisch kein Thema ist. Ganz anders in Skandinavien, wo ein Viertel bis ein Drittel der 55 bis 64-jährigen Arbeitnehmer sich fortbildet. Und anstatt, wie Deutschland noch bis vor kurzem, Altersteilzeit zu fördern, vergibt Finnland einen kräftigen Rentenzuschlag für alle, die länger arbeiten.

Süd- und Osteuropa hinken noch weiter hinterher als Deutschland

Noch schlechter als in Deutschland sind allerdings die Beschäftigungsquoten in Süd- und Osteuropa. Slowenen gehen mit 58 Jahren in Rente, in Frankreich, Tschechien und Ungarn liegt das gesetzliche Rentenalter noch bei 62 Jahren, in den meisten anderen Ländern bei 65. Peu à peu sind inzwischen alle EU-Staaten dabei, den Ruhestand hoch zu setzen - Finnland hingegen hat das mit 68 Jahren schon geschafft.

Wenn wir also wissen, wie die Anforderungen zu lösen sind, warum lernen wir dann nicht von Finnland, Schweden oder Dänemark? «Es gibt in Skandinavien eine ausgeprägte kooperative Herangehensweise von Staat, Gewerkschaften und Arbeitgebern. Auch die unterschiedlichen Ministerien für Arbeit, Gesundheit, Bildung und Forschung arbeiten sehr viel intensiver und besser zusammen als bei uns», sagt Professor Richenhagen. Alle Ressourcen werden gebündelt, um zum Beispiel die Beschäftigungsquote zu erhöhen.

In Deutschland ruht man sich auf den Lorbeeren aus

In Deutschland hingegen entwickelt jedes Ministerium, jeder Akteur seine eigenen Programme, dies macht die Zusammenarbeit schwieriger. Inzwischen hat die Bundesregierung aber einen Politikschwerpunkt Demographischer Wandel aufgestellt. Aber die Mühlen mahlen langsam.

Der Wandel jedoch kommt von ganz allein. Besonders hart sieht es für die Pflege aus. Denn dort wird nicht nur der Bedarf enorm zunehmen, sondern zugleich stellt er enorme körperliche und psychische Anforderungen, die viele ältere Arbeitnehmer in die Frührente treiben. Durch Hebehilfen zum Tragen von Patienten und humanere Arbeitszeiten wäre schon viel gewonnen, sagt Gottfried Richenhagen. Doch Deutschland hinkt auch hier hinterher.

Noch wimmelt man hierzulande den Ruf nach Veränderungen gern ab mit dem Argument «Wir sind doch Vizeexportweltmeister.» Aber das muss ja nicht so bleiben.

phs/news.de

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Leserkommentare (6) Jetzt Artikel kommentieren
  • Christine
  • Kommentar 6
  • 05.06.2012 10:15

Ich würde schon gerne mit meinen 50 Jahren noch arbeiten wollen, doch ich wurde in Rente geschickt - bin körperlich fit, aber wohl selbst zum Straße fegen zu dumm ... bloß auf der anderen Seite verstehe ich nicht, warum man länger arbeiten soll in seinem Leben, wenn doch viele junge Menschen nicht mal eine Arbeit haben. Wenn die alle in Lohn und Brot sind, könnte man auch über längere Lebensarbeitszeiten nachdenken. Ich glaub nicht, dass alle jungen Arbeitslosen sich gern bei Hartz 4 ausruhen möchten.

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  • roh
  • Kommentar 5
  • 03.06.2012 11:43

wenn unsere superschlauen studenten ein paar jahre aussetzten und später weiterstudieren, könnten sie erfahrung und kraft sammeln. gerne würde ich dann mit 58 rente genießen weil mein gebildeter nachfolger au ebis schaffe kann.

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  • klaus
  • Kommentar 4
  • 02.06.2012 16:07
Antwort auf Kommentar 3

ich bin es noch mal klaus ,ich bin 50%behindert habe jetzt eine halbe ewerbsunfähigkeits rente mit 420 euro so wie soll mann da leben können . ich kenne leute die sin 28 jahre noch nie gearbeitet haben sich den kopf mit drogen voll gehauen und bekommem 1300 euro netto rente. jetzt frage ich die bürger wie das geht .

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