Blick in die Zukunft Das Alter muss sexy werden

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News.de-Redakteurin Isabelle Wiedemeier findet demographischen Wandel gar nicht so schlimm. Bild: news.de

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Wenn sie «demographischer Wandel» hören, schalten viele Menschen auf Durchzug. Alt werden ist unsexy - dabei ist es doch schön, dass wir immer länger leben. Die Skandinavier haben das begriffen und machen das Beste draus. Nur die deutsche Politik dreht sich im Kreis.

Demographischer Wandel. So motiviert man auch an den Begriff herangeht, spätestens beim «ph» ist die Luft raus. Das Thema selbst ist ebenso sperrig und unsexy wie sein Name, und eigentlich will sich niemand damit auseinandersetzen. Dabei wird uns ständig das Gefühl vermittelt, wir müssten das tun, schließlich geht es uns alle an.

Wir alle werden immer älter, wir alle werden bis 70 arbeiten, wir werden die Pflege unserer Eltern organisieren müssen und selbst irgendwann keine Rente mehr bekommen. Puh, belastend. Wir leben lieber im Hier und Jetzt. Schließlich kann es morgen vorbei sein.

Doch wer nicht nur im Hier und Jetzt leben darf, sind die Politiker beziehungsweise die Behörden, die dafür zuständig sind, den Bürgern als Gegenleistung für ihre Steuern die Lebensbedingungen in diesem Land zu organisieren. Die entscheiden, was genau mit diesem Geld getan wird. Tatsächlich führen Politiker und Beamte den Ausdruck demographischer Wandel häufig im Mund. Er ist so eine Art Schlagwort. Aber wofür?

Von wegen altes Eisen
Coole Alte

Es geht nicht voran: Kitas sind teuer, Pflege unbeliebt

Die Bundesregierung hat den demographischen Wandel ganz offiziell zum Politikschwerpunkt erklärt. Eltern soll es leichter gemacht werden, ihre Kinder während der Arbeitszeit gut versorgen zu lassen, Arbeitnehmer sollen später in Rente gehen und für die Pflege mehr Geld locker gemacht werden. Jaja. Doch es fehlt in Deutschland an der politischen Spritzigkeit. Es geht nicht voran. Noch immer ist der Kampf um den Kitaplatz hart und der Platz dann teuer, noch immer sind Jobs in der Pflege unterbezahlt und unattraktiv. Noch immer gehören ältere Arbeitnehmer in vielen Firmen zum unbeliebten alten Eisen.

Wieder einmal anders sieht das in Skandinavien aus, wo man die Erfordernisse der Zeit stets schneller in die Tat umsetzt. Weil die Ministerien sich dort über Ressortgrenzen leicht hinwegsetzen und zielgerichtet zusammenarbeiten und auch, weil kein aufgeblähter Föderalismus dringende Entscheidungen bremst. In Skandinavien sind die Alten keine Last, sondern ein Potenzial, das gefördert wird – schließlich sind wir alle immer gesünder und leben immer länger.

Wir wissen, was 2050 passiert - und tun wenig

Wie die Fähigkeiten der älteren Arbeitnehmer optimal genutzt werden können, welche Weiterbildungen ihnen helfen, wie sich das Sozialsystem anpassen muss - an diesen Fragen wird hierzulande noch laboriert, während die Skandinavier bereits die Antworten leben. Ausdruck davon ist, dass die Leute dort wesentlich länger arbeiten als in Deutschland. Und dabei zufrieden sind, wie kürzlich der Happiness-Report zeigte.

Wie das Leben in Deutschland im Jahr 2050 aussieht, lässt sich recht plastisch voraussehen. Die gesellschaftliche Spaltung in Arm und Reich zum Beispiel wird sich vertiefen, wenn es so weitergeht. Wenn weiterhin zu wenig Geld in Bildung fließt – und die beginnt bekanntlich in der Kita.

Gründlich ausmisten, feucht durchwischen und dann ran an den demographischen Wandel, das wünscht man sich in den deutschen Kommandozentralen. Vielleicht lässt sich ja bei der Gelegenheit auch ein weniger ranziges Wort für die Zukunft finden.

ham/news.de

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