Toleranz für Migranten Fremde Küche ist beliebter als Ausländer

Kulinarische Annäherung
Von Griechischer Wein bis Planet Döner
Griechischer Wein ist so wie das Blut der Erde (Foto) Zur Fotostrecke

Isabelle WiedemeierVon news.de-Redakteurin
Dönerbuden sind zum Symbol für den rechtsradikalen Terror der NSU geworden. Obwohl oder vielleicht gerade weil ausländisches Essen hierzulande sehr beliebt ist. Beliebter als die Ausländer selbst. Maren Möhring hat darüber habilitiert.

In den 1950ern aßen deutsche Urlauber Spaghetti mit Messer und Gabel. Oder schnitten die heraushängenden Teigfäden mit der Schere ab. Wie sich unsere Omas und Opas unter der damals fremden Esskultur wanden, können wir in alten Filmen Wie der Vater mit dem Sohne oder Das kann doch unsren Willi nicht erschüttern milde belächeln.

Doch dann kamen glücklicherweise die Gastarbeiter und weihten Heinz Rühmann, Heinz Erhard und unsere Großeltern in die Faszination Gabeldrehen ein, eröffneten Eiscafé Venezia, Ristorante San Remo, Akropolis und den Balkan-Imbiss. Und dazu gab es Griechischen Wein und Gastarbeiterromantik aus dem Munde von Österreicher Udo Jürgens.

Die bunte Esskultur ist längst ein deutsches Markenzeichen. Als vor wenigen Jahren der Döner Kebab in Spanien Einzug hielt, warben die Läden dort mit «türkisches Original - deutsche Qualität». Während Italien, Frankreich, Spanien oder Griechenland nach wie vor in ihrer traditionellen Küche schwelgen und nicht müde werden, die Besonderheiten von proscciuto, jamón oder boef bourguignon anzupreisen, kochen wir heute schon mal vietnamesisch. Die nötigen Zutaten gibt's zum Großteil beim Discounter.

Die bunte Küche macht uns nicht toleranter

Maren Möhring fasziniert der Einfluss der ausländischen Esskultur in Deutschland derart, dass sie darüber habilitiert hat. Dass der rechte Terror sich gegen muslimische Imbissbesitzer richtete, passte erschreckend gut in ihre Studien. Dass Ausländer hierzulande dank ihrer leckeren Gerichte leicht akzeptiert werden, kann sie im Gegenzug allerdings nicht feststellen: «Das muss man trennen. In der Konsumspäre ist die Toleranz größer, denn es gibt eine große Neugier und Interesse daran, andere Dinge auszuprobieren. Das wird als Bereicherung empfunden, als ungefährlich. Auf Menschen kann man diese Offenheit allerdings nicht direkt übertragen», sagt sie.

Selbst die heute so beliebten Italiener waren früher als «Itaker» und «Spaghettifresser» verschrieen. «Dann hatten sie das ‹Glück›, dass die Türken stärker ins Visier geraten sind», sagt Möhring. Immigranten islamischen Glaubens haben es nach wie vor besonders schwer in Deutschland, und das, obwohl Döner, Dürüm und Köfte längst zum Alltag aller Schichten gehören.

Maren Möhring ist allerdings optimistisch, dass die Esskultur peu à peu doch integriert. Wer regelmäßig mit syrischen Imbissbudenbesitzern oder indischen Kellnern in Kontakt komme, gewöhne sich daran, dass Deutschland ein Einwanderungsland ist, meint sie. «Das hat die Wahrnehmung verändert, muss aber nicht allgemein größere Toleranz bewirken.»

Warum essen Deutsche so gern international?

Warum aber stehen die Deutschen derart auf internationale Küche, während die Südeuropäer eher traditionell bleiben? Auch dort leben inzwischen viele Einwanderer, aus Nord- und Schwarzafrika, Südamerika, Russland und nicht zuletzt nordeuropäische Senioren. «Das hängt damit zusammen, welche Rolle essen und die Nationalküche für ein Land spielt», sagt Möhring.

In Südeuropa hat die Landwirtschaft einen viel höheren Stellenwert als bei uns, schließlich sind Tomaten, Olivenöl oder Schinken entscheidende Exportgüter und als Grundlage der traditionellen Gerichte wichtig für Identifikation und Selbstwahrnehmung.

Das ist in Deutschland anders - zumal es, wie Maren Möhring betont, die deutsche Küche gar nicht gibt. Norddeutschland hat seine eigenen Gerichte, seine Fischkultur, die nicht das Geringste mit der bayerischen Küche zu tun hat, die wiederum viel aus Österreich übernommen hat, ebenso wie die badische Esskultur aus Frankreich. Die Lage im Herzen Europas macht Deutschland also ohnehin schon zu einem kulinarischen Einwanderungsland. Der Spruch «Was der Bauer nicht kennt, frisst er nicht» verliert schon deshalb immer mehr an Gültigkeit, weil es immer weniger Bauern gibt.

Afrika steht für Hunger, nicht für Essen

Maren Möhring vermutet aber, dass auch in Südeuropa die Einwanderer immer deutlichere Spuren hinterlassen werden. «Italien und Spanien waren sehr lange Auswanderungsland, Einwanderung ist dort ein neueres Phänomen.»

Auch hier hat es schließlich Jahrzehnte gedauert, bis sich die Speisen der «Spaghettifresser» über die linke Avantgarde zur Leibspeise aller Schichten gemausert haben. Die ebenfalls sehr spannende afrikanische Küche hingegen nehmen wir nach wie vor kaum wahr. «Das hängt damit zusammen, dass wir Afrika eher mit Hunger als mit kulinarischer Vielfalt in Verbindung bringen», sagt Maren Möhring. Essen ist eben emotional und unreflektiert - ebenso wie die Haltung vieler Deutschen Ausländern gegenüber.

kru/news.de

Leserkommentare (2) Jetzt Artikel kommentieren
  • Jocelyn
  • Kommentar 2
  • 28.04.2012 14:01

Jedes Land hat grundsätzlich eine gute Küche und gute Köche findet man auch überall. Aber nicht in jedem Land sind die Einwohner traditionnel Feinschmecker. Seitdem die Deutschen Geschmack an kulinarischen Genüssen gefunden haben, ist Deutschland ein Land geworden, wo man ausserordentlich gut essen kann, ohne dafür - wie es leider in meiner Heimat der Fall ist - ein Vermögen ausgeben zu müssen. Und die deutsche Küche schmeckt gut!

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  • Wächterrat
  • Kommentar 1
  • 28.04.2012 10:52

Schweinebraten mit Klos und Blaukraut, dazu eine Mass Bier ...... es gibt nichts besseres. :))

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