Malte Fiebing Der Mann mit dem «Titanic»-Tick

Malte Fiebing (Foto)
Malte Fiebing interessieren vor allem die Schicksale der «Titanic»-Passagiere. Bild: dpa

Von Martina Scheffler
Kann man Fan einer Katastrophe sein? Malte Fiebing sagt: Ja. Er gehört zum Vorstand des größten deutschen «Titanic»-Fanclubs. Den 100. Jahrestag des Untergangs wird er an einem Originalschauplatz verbringen.

Wenn Malte Fiebing die Wahl gehabt hätte zwischen einem Treffen mit Madonna oder Millvina - er hätte sich immer für Millvina entschieden. Die vor fast drei Jahren gestorbene Britin Millvina Dean hat gegenüber dem Weltstar einen entscheidenden Vorteil: Sie war die letzte «Titanic»-Überlebende. «Sie war wie ein Popstar für mich», erinnert sich Malte Fiebing.

Der 27-jährige Lehrer, der Dean mehrfach besuchte, hat einen Nebenjob, der ihn momentan ziemlich ausfüllt: Fiebing ist Vorstandsmitglied des Titanic Informations Center Deutschland (TIC), der nach Fiebings Angaben größten Vereinigung deutscher Fans des berühmtesten Schiffs der Welt. Zum 100. Jahrestag des Untergangs klingeln viele Zeitungen und Fernsehsender an.

Als Neunjähriger war Fiebing der «Titanic» in Form eines Modells das erste Mal begegnet. Seitdem hat das Schiff den studierten Historiker nicht mehr losgelassen. In zwölf Fanclubs weltweit ist er Mitglied, ein Zimmer seines Hauses in der Nähe von Kiel ist ganz der versunkenen Schönheit gewidmet: Bücher lagern hier und Requisiten aus der James-Cameron-Verfilmung mit Leonardo DiCaprio und Kate Winslet - wie eine Rettungsweste und die Mütze von Kapitän Smith.

Die Fehler im James-Cameron-Film

Als 13-Jähriger schwänzte Fiebing die Schule, um sich die Premiere anzusehen. Dann ging er noch weitere zwölf Mal rein - «ich suchte ganz pedantisch nach Fehlern». Lampen im Speisesaal? Nur deshalb von Cameron dazuerfunden, damit das Besteck besser funkle. Auch Geschirr, den Originalen nachempfunden vom Originalhersteller, hat der 27-Jährige in einer Vitrine stehen.

Die vielen Tauchfahrten zum 1985 im Atlantik entdeckten Wrack, das Heraufholen von Fundstücken wie Geschirr - ist das Leichenfledderei, wie manche kritisieren? «Ich würde mir auch wünschen, hinunter zu tauchen», sagt Fiebing. «Ich finde es gut, dass die Sachen geborgen wurden.» So könnten sie auch andere sehen, die nicht zum Wrack tauchen können. Etwa 40.000 Euro soll eine Fahrt zum Grab der «Titanic» kosten. «Ich spare schon», lächelt Fiebing. «In spätestens 25 Jahren ist sie zerfallen, dann ist es vorbei.»

Titanic
Ein Katastrophenfilm für die Ewigkeit

Eine Katastrophe im Goldenen Zeitalter

Was ist das Faszinierende, warum beschäftigen sich so viele Menschen auch nach 100 Jahren noch mit diesem Schiff? «In kürzester Zeit ist auf engem Raum viel passiert», sagt Fiebing. Eine Rolle spiele auch das goldene Zeitalter damals, in dem die Naturgewalten durch moderne Technik besiegt schienen, und die durch Schiffe wie die «Titanic» kleiner gewordene Welt. Und die Dramatik: «Klassentrennung über den Tod hinaus.» In Erinnerung seien vor allem die Namen reicher Opfer geblieben.

Sein Zugang zur Tragödie sei der über persönliche Schicksale, «aber die unbekannten», erzählt Fiebing. «Meine erste Aufgabe im Verein war, deutsche Bezüge herauszufinden.» So stammten die Konzertflügel des Schiffes aus Hamburg. Zum Jahrestag des Untergangs hat der Historiker ein Buch herausgebracht, das sich mit der deutschen Verfilmung des Unglücks von 1943 befasst. «Das erste Buch, das sich dem Film widmet.» Cameron habe Elemente aus diesem Film übernommen.

«Die Geschichte bietet für jeden etwas», findet der 27-Jährige. Eine Schneiderin gebe es in seinem Fanclub, die Kleider von damals nachnäht. Ein Technikfreak freue sich über neue Details zu Bauplänen. «Vom Müllmann bis zum Professor» reiche das Spektrum der 450 Mitglieder. Auch viele Kinder seien darunter - und mehr Frauen als Männer.

Den gegenwärtigen Rummel um noch detailreichere Fotos vom Wrack und angeblich neue Erkenntnisse zum Unglückshergang - «schon vor drei Jahren bekannt» - findet Fiebing dann aber doch übertrieben. «Das wird jetzt alles künstlich aufgeblasen.» Er wird um den Jahrestag herum mit Mitgliedern des Fanclubs auf Reisen sein - zu Originalschauplätzen. Die Nacht genau 100 Jahre nach dem Untergang will er in Southampton verbringen, dem Starthafen der «Titanic». Bei einem Gedenkgottesdienst.

mik/jag/news.de/dpa

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