Mordfall Lena Unschuldig im Knast

70.000 Tage sitzen Deutsche jedes Jahr zu Unrecht im Knast. (Foto)
70.000 Tage sitzen Deutsche jedes Jahr zu Unrecht im Knast (Symbolbild). Bild: dapd

Jan GrundmannVon news.de-Redakteur
Im Mordfall Lena wurde anfangs ein unschuldiger 17-Jähriger zum Täter gemacht. Er saß in U-Haft, wütende Menschen wollten ihn lynchen, die Medien jagten ihn. 75 Euro bekommt er dafür als Entschädigung. Ein Hohn, sagt der Deutsche Anwaltsverein - angesichts einer langen Liste von deutschen Justizirrtümern.

Es war ein Aufruf zum Lynchmord, sagt die Polizei. Via Facebook wurde die Emder Bevölkerung animiert, sich vor dem Kommissariat zu versammeln, wo gerade ein 17-jähriger Berufsschüler im Polizeiverhör saß. Er sollte die kleine Lena aus Emden ermordet und in einem Parkhaus abgelegt haben. Die wütende Menge löste sich erst gegen 4 Uhr morgens auf. Auch vor dem Wohnhaus des Verdächtigen versammelten sich Schaulustige, Kamerateams filmten das Haus rund um die Uhr. Reporter wühlten im Privatleben des Verdächtigen, Fotos tauchten auf, Bekannte wurden ausgefragt.

Die Medien, die wütenden Menschen, alle waren sich ihrer Sache sicher, denn die Ermittler hatten den 17-jährigen Berufsschüler drei Tage nach dem Mord an Lena öffentlich in Handschellen abgeführt. In der Vernehmung verstrickte er sich in Widersprüche, er habe kein Alibi, berichteten die Ermittler. Deshalb wurde Haftbefehl gegen ihn erlassen.

Mary-Jane, Mirco, Nina...
Kinder, die grausam ermordet wurden

Doch drei Tage später kommt der 17-Jährige frei. Weil er unschuldig sei, betonen die Ermittler nun. Er erhalte psychologische Hilfe. Denn das, was ihm und seiner Familie wiederfahren ist, ist Rufmord. Tagelang galt der Jugendliche als quasi-verurteilter Kindermörder und seine Familie als Brutkasten für kranke Kriminelle.

Wieviel ist die Freiheit wert? Ein Euro pro Stunde?

Inzwischen hat ein 18-Jähriger gestanden, Lena getötet zu haben. Doch wie kann der unschuldig Verdächtige rehabilitiert werden? Der Staat hat dafür das Strafentschädigungsgesetz geschaffen. Pauschal wird ein Knast-Tag mit 25 Euro ausgeglichen. Das ist gut ein Euro pro Stunde für die Zeit hinter Gitter. «Soll das der Wert der Freiheit sein?», fragt deshalb Swen Walentowski vom Deutschen Anwaltsverein. Der setzt sich seit Jahren für eine höhere Entschädigung für Justizopfer ein. Angemessen seien 100 Euro pro Tag - wie etwa in Österreich. Zudem kann der Verdienstausfall in Rechnung gestellt werden, doch ein Berufsschüler dürfte davon wenig haben.

Für den vermeintlichen Kindermörder, der obendrein seinen 18. Geburtstag in diesen wirren Tagen feiern musste, bedeutet die deutsche Regelung: drei Tage U-Haft, drei Mal 25 Euro Entschädigung. Macht 75 Euro für einen zerstörten Ruf, eine traumatisierte Familie, einen des Kindermordes vorverurteilten Unschuldigen. «Man muss sich dabei vor Augen halten, wie der Betroffene durch die Ermittlungsbehörden in der Öffentlichkeit zum Täter gemacht wurde», sagt Anwaltvereinssprecher Walentowski.

Spektakuläre Fälle von Justizirrtum in Deutschland

Im Durchschnitt werden pro Jahr in Deutschland 70.000 Tage zu Unrecht verbüßter Haft entschädigt. Und immer wieder schockieren Einzelfälle die Öffentlichkeit. So saß etwa Monika de Montgazon genau 888 Tage unschuldig hinter Gitter. Die Berliner Arzthelferin wurde im Jahr 2005 wegen Mordes an ihrem Vater verurteilt. Doch hauptursächlich für den Justizirrtum war ein fehlerhaftes Brandgutachten des LKA Berlin. Die Frau erhielt für zweieinhalb Jahre Knast-Unrecht 3600 Euro Entschädigung.

Mehrere Fälle von angeblichen Vergewaltigungen endeten mit Verurteilungen, die später aufgehoben wurden. So wurden Mitte der 1990er Jahre ein Vater zu sieben Jahren und ein Onkel zu viereinhalb Jahren Haft verurteilt, weil sie ihre Tochter beziehungsweise Nichte Amelie vergewaltigt haben sollten. Nachdem sie ihre Haft abgesessen hatten, erwirkte eine Gerichtsreporterin die Wiederaufnahme des Verfahrens. Weil Beweise fehlten - etwa war das Jungfernhäutchen von Amelie noch intakt - und nur ein 18-jähriges Mädchen die beiden Männer beschuldigte, das sich später als psychisch krank herausstellte, endete das Revisionsverfahren mit Freisprüchen.

Ebenfalls wegen Vergewaltigung wurden Horst Arnold und Ralf Witte zu jeweils fünf Jahren Haft verurteilt. Lehrer Arnold sollte eine Kollegin, Witte ein 15-jähriges Mädchen sexuell missbraucht haben. Nachdem beide Männer ihre Strafe abgesessen hatten, wurden sie im Wiederaufnahmeverfahren freigesprochen.

iwi/news.de

Leserkommentare (12) Jetzt Artikel kommentieren
  • Marleen Klein
  • Kommentar 12
  • 17.07.2013 13:28

Hauptsache man hat einen angeblich schuldigen gefunden ,aber wenn sich heraus stellt es war ein justiz Irrtum gibt es nur ein paar Kröten schämt Euch .Egal wie man es aus legt dieser junge Mann ist für den Rest seines Lebens gbranntmarkt auch seine Familie was die gelitten haben muß ,kann sich eine Justiz sicher nicht vorstellen.

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  • Pazifiko
  • Kommentar 11
  • 03.06.2012 11:39

Ein kleines Rechenbeispiel: Der ehemalige Bundespräsident Christian Wulff war vom 30.06.2010 bis 17.02.2012 im Amt. Das sind genau 598 Tage. Hierfür bekommt Herr Wulff 199.000,- Euro Ehrensold pro Jahr. Teilt man diesen Betrag durch die 598 Tage und multipliziert das Resultat mit 3 Tagen, dann beträgt das Ergebnis 998,33 Euro, also fast 1000 Euro je drei Tage Dienstzeit. Abgesehen davon bekommt Herr Wulff den Ehrensold für den Rest seines Lebens jedes Jahr neu ausgezahlt. Nun haben Sie in etwa eine Vorstellung von dem, was und wie verschieden Menschen hierzulande in Geld ausgedrückt wert sind.

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  • herby
  • Kommentar 10
  • 07.04.2012 21:24
Antwort auf Kommentar 9

In der ganzen Welt werden und wurden bereits tausende von Unschuldigen Hingerichtet, auch in deutschland sitzen sehr viele im Knast die für etwas verurteilt wurden das diese nie waren, aber so ist das sogen. Rechtssystem! egal einer muss Sitzen. Haftentschädigung in deutschland oder durch Unfälle oder aus Versehen ein Bein amputiert sollte mit ein paar Millionen wieder gut gemacht werden, aber in unserer BRD GmbH gibt es keine Menschenrechte also bekommt Ihr ein paar Euro. In Amerika wäre die Familie mit Millionen Entschädigt worden.

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