Ermittler Josef Wilfling «Menschen morden aus Angst»

Jan GrundmannVon news.de-Redakteur
Der Münchner Ermittler Josef Wilfling gilt als deutscher Columbo. Er hat die Morde an Walter Sedlmayr und Rudolph Moshammer aufgeklärt. Im Interview erzählt er, wie dumm sich Mörder anstellen, wie oft er während der Ermittlung im Büro übernachtet hat und welche TV-Krimis er mag.

Josef Wilfling ist eine Ermittlungslegende, er gilt als der deutsche Columbo. Die Hälfte seiner Jahre als Ermittler arbeitete er in der Münchner Mordkommission - und klärte in dieser Zeit die Morde am homosexuellen Volksschauspieler Walter Sedlmayr und an Mode-Ikone Rudolph Moshammer auf. Heute schreibt der 65-Jährige Bücher über Morde und Mörder. Sein Erstwerk Abgründe warf einen Blick auf die dunkle, blutige Seite der Bestie Mensch. Jetzt hat Wilfling sein zweites Buch veröffentlicht. Es heißt Unheil, präsentiert weitere Kriminalfälle aus Wilflings Ermittlungsgeschichte und beginnt mit der provokanten These, dass jeder Mensch ein Mörder werden könne.

Herr Wilfling, kann denn wirklich jeder zum Mörder werden?

Skurrile Aufklärungen
Mordszene auf der Brust

Wilfling: Ich habe es in den 22 Jahren als Mordermittler nicht anders erlebt. 90 Prozent der Fälle waren Beziehungstaten. Dabei hatte ich es mit Täterinnen und Tätern zu tun, die vorher unbescholten waren, die aus bestimmten Motiven heraus zum Mörder wurden.

Wie sieht denn der typische Mörder aus?

Wilfling: Meist werden die grausamsten Taten von Menschen verübt, die sich ganz normal unter uns bewegen. Das hintergründige Motiv ist oft die Angst: Existenzangst, Zukunftsangst oder die Verlustangst um die eigene Familie, etwa wenn die Frau sich trennen will. 90 Prozent der Morde werden übrigens von Männern verübt, 40 Prozent der Opfer sind Frauen.

Wie oft haben Sie bei einem brisanten Mordfall im Büro übernachtet, wie es oft in Krimis gezeigt wird?

Wilfling: Auf der Liege im Büro habe ich einige Male geschlafen. Denn bei einem aktuellen Fall sind die ersten Tage für die Ermittlungen wahnsinnig wichtig. Da ist das Gedächtnis, etwa von Zeugen, noch frisch. Ich erinnere mich an ein Wochenende, an dem es fünf Tötungsdelikte gab. Da bin ich vielleicht auf insgesamt vier Stunden Schlaf gekommen.

Ihre berühmtesten Fälle waren die Aufklärung der Morde an Schauspieler Walter Sedlmayr und Mode-Ikone Rudolph Moshammer. Aber waren es auch die spannendsten Fälle?

Wilfling: Wenn ein Zuhälter den anderen ersticht, Messer rein und raus, bedeutet das zwar für uns viel Arbeit, ist aber nicht das Interessanteste. Das Spannendste für uns Ermittler ist sicher der geplante Mord. Der Sedlmayer-Mord im Jahr 1990 stand am Anfang meiner Karriere. Ich war gerade drei Jahre bei der Mordkommission dabei. Ich hatte eine Spur zu bearbeiten, und diese Spur hat letztlich zu den Tätern geführt. Dieser Fall war mein größter, er ging über drei Jahre, er hat mich aber auch an meine psychischen und physischen Grenzen geführt. Der Fall Moshammer wiederum war ein klassischer Strichermord, nach zwei Tagen aufgeklärt und ein toller Erfolg für uns. Es war der DNA-Spurenanalyse zu verdanken, die es beim Sedlmayr-Mord noch nicht gab.

Ärgert Sie es, dass es beim Sedlmayr-Mord bis heute kein Geständnis der Täter gab?

Wilfling: Es war ein Brüderpaar, und einer hat ein Teilgeständnis abgelegt. Aber an der Schuld gab es für mich nicht die geringsten Zweifel, es gab viele Indizien, deshalb sind die beiden auch verurteilt worden.

Sie gelten als Experte für Vernehmungen. Wo verläuft im Verhör die Grenze zwischen psychischem Druck und psychischer Folter?

Wilfling: Es ist ein schmaler Grad, auf dem man sein Gegenüber überzeugen muss, die Wahrheit zu sagen. Man muss sich an die Vorgaben halten, beim geringsten Verstoß ist die Aussage vor Gericht nicht verwertbar. Ich habe die unterschiedlichen Mordtypen über die Jahre kennengelernt. Ich weiß, wie ein Sexualverbrecher tickt im Unterschied zu einem, der aus Habgier oder Mordlust tötet. Es geht nicht ums Anbrüllen, sondern ums Einfühlungsvermögen, um die Gewinnung des Vertrauens.

Haben Sie bei Ihren Ermittlungen mal daneben gelegen?

Wilfling: Wir ermitteln immer von Innen nach Außen. Als erstes ist da das Opfer, dessen Umfeld untersucht wird. Wir stellen Hypothesen auf, welcher Mordtyp es war. Wenn ein weibliches Opfer vergewaltigt aufgefunden wird, ist die Richtung klar. Es gibt aber auch Fälle, bei denen man lange suchen muss, bis man ein mögliches Motiv findet. Denn wo kein Motiv, da kein Verbrechen. Das gilt fast immer, außer bei einigen psychisch kranken Tätern, die aber keine Verbrecher, sondern krank sind.

Handeln Täter intelligenter, weil Krimiserien wie CSI die genaue Ermittlungsarbeit von Profilern und Spurensicherung zeigen?

Wilfling: Überhaupt nicht. Vielleicht gibt es ganz selten mal einen Täter, der sich daran orientiert. Die Methode, Fingerabdrücke sicherzustellen, gibt es schon so lange, trotzdem finden wir an Tatorten immer wieder welche.

Wie hat die DNA-Analyse die Arbeit der Kriminalisten verändert?

Wilfling: Dadurch wurde die Tatortarbeit revolutioniert, sie spielt bei fast jeder Mordaufklärung eine Rolle. Zudem hat die DNA-Analyse zu einem drastischen Rückgang von Tötungsdelikten geführt.

Sie sind jetzt im Ruhestand und haben Zeit zum Fernsehen. Schauen Sie gern Krimis?

Wilfling: Meine Lieblingsserie ist Columbo. Da kann ich mich köstlich amüsieren. Mir gefällt seine Art, dieses zurückhaltende Understatement.

Autor: Josef Wilfling
Titel: Unheil. Warum jeder zum Mörder werden kann.
Verlag: Heyne
Preis: 19,99 Euro
Seiten: 304
Veröffentlichungstermin: 12. März 2012

eia/news.de

Leserkommentare (3) Jetzt Artikel kommentieren
  • jens fehrensen
  • Kommentar 3
  • 15.05.2012 00:50

Ich glaube das der HERR Wilfing ein Schwachkopf ist und jede Realität zur Wirklichkeit schon vor Kauffmann verloren hat.Seine Bücher sind eine einzige Schmiererei.

Kommentar melden
  • Daniela Groß
  • Kommentar 2
  • 27.03.2012 11:08

Ein interessantes Interview, allerdings mit doch einigen platten Hinweisen. Für Interessierte sei auf das Buch "Profiling. Im Fluss der Zeichen" von Oliver Bidlo hingewiesen.

Kommentar melden
  • minusfrau
  • Kommentar 1
  • 26.03.2012 15:25

http://minusfrau.wordpress.com/2012/03/12/skurrile-justitia/ "Die Angst ist ein Netz, das uns der Böse überwirft, damit wir uns verstricken und zu Fall kommen. Wer Angst hat, ist schon gefallen." Dietrich Bonhoeffer Juristen/INNEN nutzen die Angst, setzen auf Existenzvernichtung etc...um einen zu Fall zu kriegen. Ein Motiv. Ein Mensch der vom richtigen Weg abkommt und den Weg des Rechts geht, kann so schnell zum Mörder mutieren.

Kommentar melden
Kommentar schreiben  Netiquettelink | AGB
noch 600 Zeichen übrig