Sprit aus Müll Kommt unser Benzin bald aus der Biotonne?

Sprit aus matschigen Tomaten, Bananen und Salat? Der Staat pumpt Millionen in ein neues Projekt, bei dem Kraftstoff aus Obst- und Gemüseabfällen hergestellt wird. Die Idee klingt vielversprechend - doch erste Kritiker maulen bereits.

20 Millionen Tonnen Essen landen jedes Jahr in unserem Müll. Und einen beträchtlichen Anteil daran dürften auch Obst- und Gemüsereste haben. Auf dem Kompost setzen die Abfälle allenfalls übelriechende Dämpfe frei. Was aber, wenn wir die matschigen Tomaten, Bananen, Zitronen und Kohlköpfe in eine Vergärungsanlage geben, wo sie zu Biomethan umgewandelt werden? Dann könnten unsere Autos damit fahren, ohne den Vorrat der ohnehin knapper werdenden fossilen Rohstoffe weiter zu verringern und ohne die Umwelt zu verschmutzen.

Alternative Kraftstoffe: Das Benzin der Zukunft

Das Fraunhofer-Institut für Grenzflächen- und Bioverfahrenstechnik (IGB) in Stuttgart hat genau das jetzt vor. In einer Pilotanlage soll künftig Kraftstoff aus Obst- und Gemüseabfällen hergestellt werden, die in Großmärkten, Mensen und Kantinen auf dem Müll landen. «Die Vergärungstechnologie ist schon längere Zeit bekannt und wird angewandt, zum Beispiel in Kläranlagen», sagt Ursula Schließmann, Abteilungsleiterin am IGB. Die Idee mit den Bioabfällen zur Treibstoffherstellung aber sei neu.

Fauliger Geruch? Fehlanzeige!

Ein Jahr lang haben die Forscher in der Pilotanlage in Stuttgart Gaisburg getestet, probiert und berechnet, in wenigen Wochen soll es nun richtig losgehen. Dann landen die ersten Matschbananen in der Presse, wo sie kleingehäckselt werden. In zwei weiteren Behältern werden die Abfälle gesammelt. Fauliger Geruch? Fehlanzeige! Die Vergärung findet unter Luftabschluss statt. Von dem, was sich innerhalb der Behältnisse abspielt, bekommen die Anwohner der umliegenden Wohnsiedlungen nichts mit.

Die Zutaten für den neuen Biosprit kommen vom Großmarkt nebenan. Nur so lohnt sich das Verfahren. «Denn was nutzt es, wenn man die Biomasse erst einmal über Hunderte Kilometer an einen Ort karren muss, um eine Anlage zu befüllen?», gibt Schließmann zu bedenken. Die Idee sei schließlich, energieeffizient zu wirtschaften. Was in der Anlage entsteht, wird alles verwertet, vom Biogas über das flüssige Filtrat bis hin zum nicht weiter vergärbaren, schlammartigen Rest. Aus dem Biogas entsteht das entscheidende Methan; Filtratwasser und Schlammreste gehen an andere Institute und Forschungseinrichtungen.

Magere Ausbeute für den Tank

Etwa 450 Kilogramm Biomüll schluckt die Anlage pro Tag. Daraus entstehen 25 Kubikmeter rohes Biogas, dem noch das Kohlendioxid entzogen werden muss, bevor es als Treibstoff verwendet werden kann. Nach einer Woche ist schließlich genügend Methan hergestellt, um einen Laster zu befüllen. Der kann damit 150 Kilometer fahren.

Keine sehr große Ausbeute, gibt auch Schließmann zu. Aber es handle sich ja auch nur um eine Pilotanlage, die lange nicht die Dimension habe wie eine endgültige Anlage. «Außerdem nehmen wir nur einen Bruchteil dessen, was der Großmarkt liefert, einfach um zu zeigen, dass es funktioniert», sagt sie.

Bis Mitte 2014 soll das Fraunhofer-Projekt laufen, das Bildungsministerium schießt sechs Millionen Euro Unterstützung zu. Erste Zahlen, wie wirtschaftlich die Anlage ist und ob sich eine Verbreitung in größerem Stil lohnt, soll es im Herbst geben. Die Daimler AG, die in Stuttgart quasi um die Ecke sitzt, stellt Testfahrzeuge zur Verfügung. Läuft alles gut, könnte es irgendwann in ganz Deutschland entsprechende Anlagen geben. Laut Schließmann lohnen sie sich vor allem in Großstädten wie München, Hamburg und Berlin oder in Ballungsgebieten wie dem Frankfurter Raum.

Kritik und Bedenken am Projekt

Werner Reh, Verkehrsreferent des Umweltverbandes BUND, steht dem Projekt eher kritisch gegenüber. «Anlagen wie diese verleiten zur Denke: Ist ja nicht so schlimm, wenn wir etwas wegwerfen, es wird ja umweltfreundliche Energie daraus gewonnen», sagt er. Das sei aber der falsche Ansatz. Vielmehr müssten Wege gefunden werden, weniger Müll zu produzieren, statt daraus Lösungen für den Autoverkehr zu basteln. Dass sich eine relevante Menge von Autos mit dem erzeugten Sprit betanken lässt, hält er für absolut unwahrscheinlich.

Ähnlich sieht das auch Christian Rumpke von der Deutschen Energie-Agentur: «Die Idee ist ein guter Ansatz, aber kein Thema, bei dem man sagt, dass künftig alle 14.500 Tankstellen in Deutschland damit beliefert werden.» Sprit aus Obst und Gemüse herzustellen, sei ein Anwendungs- und Prozesspfad unter vielen, aber er werde nicht die einzige Lösung sein, um den Energie- und Klimaherausforderungen im Verkehr begegnen zu können.

Rumpke sieht die größte Aufgabe ohnehin darin, das Thema Erdgasantrieb erst einmal in die Köpfe der Verbraucher zu bringen. Denn hierzulande sind bislang gerade mal 90.000 Fahrzeuge mit Erdgas unterwegs - von wohlgemerkt 50 Millionen Autos insgesamt. Länder wie Argentinien, Brasilien, China und auch Italien sind da schon weiter. In Argentinien etwa fahren 1,9 Millionen Erdgasautos, in Italien 730.000. Solange die Verbraucher in Deutschland also keine Erdgasautos kaufen, sei auch die Art der Herstellung vorerst nur zweitrangig.

jag/news.de

Bleiben Sie dran!

Wollen Sie wissen, wie das Thema weitergeht? Wir informieren Sie gerne.

Leserkommentare (10) Jetzt Artikel kommentieren
  • GileraB300
  • Kommentar 10
  • 20.02.2012 15:23

Ich habe meinen Nissan-Patrol Diesel (3,3 l) mehr als 7 Jahre und gut 190.000 KM mit wiederaufbereiteten Gastronomie Ölen und Bäckerware (Frittierfett) ohne Probleme im 2-Tank System gefahren. Gestartet wurde mit Diesel, nach wenigen KM war es möglich auf den 2. Tank gefüllt mit wiederaufbereitetem Pflanzenöl umzuschalten. Erforderlich war allerdings eine Tankheizung und ein geheizter Krafstofffilter. Ca. 3 KM vor dem Ziel -wenn das Fzg. länger als 3 Stunden stehen sollte- schaltete ich wieder um auf den 1. (Diesel-)Tank um leichter starten zu können. Ich hatte nie Probleme.

Kommentar melden
  • margus
  • Kommentar 9
  • 16.02.2012 15:33

@Nichtwähler: Sie schreiben, dass sie die Technik erst kaufen, wenn sie ausgereift ist. Ich behaupte einfach, dann ist es schon wieder zu spät. Erst Fördern wir Biodiesel, sodass Speditionen ihre Flotten umrüsten, dannn streichen wir die Förderung wieder, sodass diese jetzt teurer tanken als andere. Dann fördern wir Photovoltaik und Windkraft, dann sehen wir, dass wir keine Speichermöglichkeiten haben. Ich frag mich wer da so viel kifft, dass er ständig neue Ideen hat, um dann bald darauf festzustellen, "ochnöhhh, doch nicht"

Kommentar melden
  • Dipl.-Ing. Herbert Gebauer
  • Kommentar 8
  • 15.02.2012 21:39

Sehr geehrte Damen und Herren, eine derartige Idee so groß heraus zu posaunen ist genau das, was Deutschland nicht mehr zusteht! Seit 1982 habe ich Hausmüllvergärung als Diplom-Arbeit gemacht. In Deutschland bin ich schon 1996 international für eine Kleinbiogasanlage für Wasser- und Abwassereinsparung sowie Energiegewinnung prämiert worden, aber nicht einmal als Invalider international prämierter Erfinder bekommt man für eine Pilotanlage in Deutschland Geld. So fahren nun die Biogas-Busse bereits seit mehr als zwei Jahren in Stockholm!!! Aber Weltmeister-Staat Deutschland schläft noch immer!!!

Kommentar melden
Kommentar schreiben  Netiquettelink | AGB
noch 600 Zeichen übrig