«Costa Concordia» Die feigen Ausreden des Kapitäns

Als die «Costa Concordia» sank, machte sich Kapitän Schettino aus dem Staub. Das belegt nun der filmreife Funkverkehr mit der Hafenaufsicht Livorno. Vor Gericht behauptet Schettino, er sei versehentlich ins Rettungsboot gefallen. Stand er sogar unter Drogen?

Kapitän der Costa Concardia unter Arrest (Foto)
Kapitän Francesco Schettino wurde festgenommen, nachdem er die «Costa Concordia» eigenmächtig verlassen hatte. Bild: dapd

Der Kapitän des gekenterten Kreuzfahrtschiffes «Costa Concordia» gerät immer mehr unter Beschuss. Die italienische Presse hat den Funkverkehr zwischen Francesco Schettino und der Hafenaufsicht in Livorno veröffentlicht.

Die Gespräche wurden demnach kurz nach der verhängnisvollen Kollision des Schiffes, die elf Todesopfer forderte, aufgezeichnet und belasten Schettino schwer. Das Telefonat beweist, dass der 52-Jährige das sinkende Schiff vorzeitig verließ. Die weiteren Vorwürfe lauten: Mehrfache fahrlässige Tötung und Havarie. Zudem soll er vor der Insel Giglio eigenmächtig viel zu nahe an der Küste entlang gefahren sein, damit sein von dort stammender Oberkellner Antonello Tievoli seine Heimat grüßen kann.

Costa Concordia: Schiffsunglück vor der Küste Italiens

Kapitän der «Costa Concordia» unter Drogenverdacht

Damit aber noch nicht genug. Aufgrund seines bizarren Verhaltens während des Schiffsunglücks besteht in Ermittlerkreisen nun auch der Verdacht, dass Schettino unter Drogeneinfluss gestanden haben könnte. Laut Medienberichten wollen die Behörden den Kapitän auf Rauschgiftkonsum untersuchen lassen.

Noch befindet sich Schettino in Untersuchungshaft. Die könnte er jedoch schon am Mittwoch verlassen. Die zuständige Richterin von Grosseto, Valeria Montesarchio, stellte ihn am Dienstag nach einer dreistündigen Anhörung unter Hausarrest.

Schettino: «Lag plötzlich mit Passagieren im Rettungsboot»

Bei dieser Anhörung machte der Kapitän der «Costa Concordia» offenbar ein technisches Problem bei der Evakuierung für sein Verlassen des Schiffs verantwortlich. Laut italienischen Medienberichten sagte er der Richterin: «Ich wollte nicht abhauen, sondern habe Passagieren geholfen, ein Rettungsboot ins Wasser zu lassen.»

Als der Absenkmechanismus blockierte, plötzlich aber wieder ansprang, «bin ich gestrauchelt und lag plötzlich zusammen mit den Passagieren im Boot». Daraufhin habe er nicht mehr auf das Schiff zurückkehren können, weil sich dieses schon zu sehr in Schräglage befunden habe. Die Tageszeitungen Corriere della Sera und La Repubblica zweifeln diese Version der Ereignisse an, vor allem weil sich in dem Rettungsboot von Schettino auch der zweite Offizier Dimitri Christidis und der dritte Offizier Silvia Coronica befunden hätten.

Hoffnung für 29 Vermisste schwindet

Derweil besteht kaum noch Hoffnung, im Wrack der «Costa Concordia» noch Überlebende zu finden. Insgesamt werden nach Behördenangaben 29 Menschen vermisst. Laut Auswärtigem Amt sind darunter mindestens zwölf Deutsche. Zwar suchen Rettungskräfte weiterhin nach eingeschlossenen Passagieren. Am Mittwochmorgen mussten die Bergungsarbeiten jedoch erneut unterbrochen werden, weil sich das Schiff unter Wasser bewegt.

Nachfolgend lesen Sie das Protokoll des Gesprächs zwischen Kapitän Gregorio De Falco von der italienischen Küstenwache in Livorno und «Costa Concordia»-Kapitän Francesco Schettino. De Falco fordert Schettino wiederholt auf, wieder an Bord zu gehen. Schettino macht Ausflüchte. Das Gespräch war zuerst auf der Webseite der Zeitung Corriere della Sera zu hören, die italienische Küstenwache bestätigte am Dienstag dessen Echtheit.

Das Gesprächsprotokoll aus der Nacht, als die «Costa Concordia» sank:

Freitag, 21:49 Ortszeit:

Hafenaufsicht (HA): «Concordia, ist alles ok?»

Francesco Schettino (FS): «Positiv. Wir haben nur eine kleine technische Störung.»

(Anmerkung der Zeitung La Repubblica: Wenig später, nachdem ein Passagier mit der Polizei gesprochen hat, kontaktiert die Hafenaufsicht wieder das Schiff.)

(...)

FS: «Wir haben bloß ein technisches Problem. Sobald wir es gelöst haben, werden wir Sie kontaktieren.»

HA: «Wie viele Menschen sind an Bord?»

FS: «Zwei-, dreihundert.» (Anmerkung der Zeitung: Es ist wahrscheinlich, dass das Schiff zu diesem Zeitpunkt, 40 Minuten nach dem Evakuierungsbefehl, noch voll besetzt war). «Ich gehe zurück zur Brücke, um nachzuschauen.»

Samstag, 00:42 Ortszeit

HA: «Wie viele Menschen müssen (das Schiff) verlassen?»

FS: «Ich habe den Eigentümer des Schiffes kontaktiert. Er sagt, dass etwa 40 Menschen vermisst werden.»

HA: «Wie kann es sein, dass es nur so wenige Menschen sind? Sind Sie an Bord?»

FS: «Nein, ich bin nicht an Bord, weil das Schiff untergeht, wir haben es verlassen.»

HA: «Was meinen Sie, Sie haben das Schiff verlassen?»

FS: «Nein, nicht verlassen - ich bin hier und koordiniere die Rettungsaktion.»

HA: «Was koordinieren Sie da? Weigern Sie sich? Gehen Sie zurück an Bord und koordinieren Sie die Rettungsaktion von dort.»

FS: «Nein, nein, ich weigere mich nicht.»

Samstag, 01:46 Ortszeit

(Anmerkung der Zeitung La Repubblica: Beim nächsten Telefonat ist die Stimmung gereizt. Nach Angaben des Corriere della Sera spricht Gregorio Maria de Falco vom Hafenamt in Livorno mit dem Kapitän.)

(...)

FS: «Ich bin Kapitän Schettino, Kommandeur.»

HA: «(...) Sie kehren jetzt zurück an Bord. Steigen Sie die Leiter hoch. Gehen Sie zurück an Bord (...). Sagen Sie mir, wie viele Menschen an Bord sind. (...) Ich zeichne dieses Gespräch auf, Kapitän Schettino.»

FS: (schweigt)

(...)

FS: «Kommandeur, in diesem Moment hat das Schiff sich zur Seite geneigt.»

HA: «Ich habe verstanden. Hören Sie mir zu: Da sind Menschen, die die Leiter am Schiffsbug herunterklettern. Sie müssen diese Leiter in umgekehrter Richtung nehmen und hochsteigen. Gehen Sie an Bord und sagen Sie mir, wie viele Menschen an Bord sind - ob Frauen, Kinder und Hilfsbedürftige dort sind, sagen Sie mir, wie viele von jeder dieser Gruppen, ist das klar? Sehen Sie Schettino, Sie haben sich vielleicht aus dem Meer gerettet - aber ich werde Ihnen richtig Unannehmlichkeiten bereiten (droht und flucht).»

FS: «Ich bitte Sie, Kommandeur.»

HA: «Kein bitte, gehen Sie jetzt an Bord. Versichern Sie mir, dass Sie an Bord gehen. Kapitän, das ist ein Befehl, ich befehle jetzt. Sie haben die Evakuierung des Schiffes angeordnet, begeben Sie sich jetzt zum Bug und koordinieren Sie die Aktion von dort. Es gibt schon Tote.»

FS: «Wie viele?»

HA: «(...) Das sollten Sie mir sagen!»

FS: «Kommandeur, aber verstehen Sie doch, dass es hier dunkel ist und man nichts erkennen kann!»

HA: «Was wollen Sie tun, nach Hause gehen? Kehren Sie zurück an Bord und sagen Sie mir, was getan werden kann, um wie viele Menschen es geht und was sie brauchen. Jetzt!»

(...)

FS: «Ok, ich gehe.»

cvd/phs/news.de/dapd/dpa

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Leserkommentare (24) Jetzt Artikel kommentieren
  • Texas Shooter
  • Kommentar 24
  • 19.01.2012 20:25
Antwort auf Kommentar 3

Fortsetzung zu Kom 3: wenn sie jetzt das Oel abpumpen,besteht die Gefahr,daß der Rumpf eine andere statische Belastung erfährt und Risse zu Brüchen werden,die die Gesammtstabilität des Körpers im Ganzen gefährden. Nochmal: Bitte hier kein dummes Geschwätz ablassen von Leuten,die ähnlich großartige Gedankengänge haben wie der Kapitän des Liners! Bleiben sie besser in Zorneding und bauen weiter Vogelhäuschen o.ä. Schönen Abend noch!

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  • Texas Shooter
  • Kommentar 23
  • 19.01.2012 20:18
Antwort auf Kommentar 3

zu Kom. 3: diesen "Tip" wird sicher keiner weitergeben. Ich weiß ja nicht,woher sie ihre "Weissheiten" nehmen aber diese "Hinweise" passen irgentwie zu dem ganzen Chaos bezüglich der Rettungsaktion,Verhalten des Kapitäns, etc. Wissen sie bescheid über die Strömungsverhältnisse an der Unglücksstelle? Wissen sie,welche Kräfte bei der Kollision auf den Schiffsrumpf gewirkt haben und wo die Belastung am Höchsten war? Solange sie solche grundlegenden Berechnungen nicht abgeschlossen haben,und das geht nicht in 2 Tagen, können sie doch kein 290m langes,halbversunkenes Schiff an den Felsen binden!

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  • wsd
  • Kommentar 22
  • 19.01.2012 16:48

Rest von Kommentar 21 Menschliche Überschätzung gepaart mit absolutem Fehlverhalten eines Kapitäns musste hier zwangsläufig zu einer Katastrophe führen. Ich wünschte mir,dass sich ein derartig unkontrolliertes Spektrum nie wiederholt.

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