«Costa Concordia» Fünf weitere Leichen entdeckt

Die Rettung möglicher Überlebender dauert an, etwa 20 Passagiere werden noch vermisst. Bei einer der geborgenen Leichen handelt es sich um einen Deutschen. Sorgen bereiten jetzt auch 2400 Tonnen Treibstoff, die auszulaufen drohen. Naturschützer befürchten Schlimmes.

Taucher haben fünf weitere Leichen in dem havarierten Kreuzfahrtschiff «Costa Concordia» gefunden. Die Toten seien im überfluteten Heckteil des gekenterten Schiffes entdeckt worden. Damit erhöht sich die Zahl der gefundenen Toten auf elf. Noch etwa 20 Menschen gelten als vermisst. Zehn oder zwölf dieser Passagiere stammen unterschiedlichen Angaben zufolge aus Deutschland. Wie der italienische Staatsrundfunk RAI berichtet, ist eine der Leichen als erstes deutsches Opfer identifiziert worden.

Unter den etwa zwölf deutschen Vermissten sind Passagiere aus Hessen, Berlin, Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen sowie aus Bayern. Diese Zahl kommt von deutschen Polizeidienststellen.

Die Staatsanwaltschaft ermittelt bereits gegen den Chaos-Kapitän

Costa Concordia: Schiffsunglück vor der Küste Italiens

Derweil werden weitere Details zum Verhalten des Kapitäns bekannt. Er habe die Route eigenmächtig geändert, sagte der Geschäftsführer des Unternehmens Costa Kreuzfahrten, Heiko Jensen, in Hamburg. Falsche Seekarten seien nicht Schuld an dem Unglück gewesen.

Der toskanische Staatsanwalt Francesco Verusio bestätigte, dass der von dem Unglücksschiff gerammte Felsen eindeutig auf Karten vermerkt sei, berichtete die Nachrichtenagentur Ansa. Der Kommandant der «Costa Concordia», Francesco Schettino, hatte behauptet, die Felsen seien nicht eingezeichnet. Er war festgenommen worden und soll am Dienstag vernommen werden.

Schettino soll das Schiff mit mehr als 4200 Menschen an Bord zu dicht an die Insel Giglio gelenkt und schon während der Evakuierung verlassen haben. Das Schiff war gegen einen Felsen gelaufen, leckgeschlagen und dann auf die Seite gekippt. Jensen erklärte: «Der Kapitän war zum Zeitpunkt des Unfalls auf der Brücke und hat das Schiff manuell gesteuert.»

Starker Wellengang erschwerte die Rettung vieler Passagiere

Jensen sagte, die Einschätzung des Kapitäns bei dem Unglück habe nicht «den von Costa vorgegebenen Standards» in einem solchen Notfall entsprochen. Die Crew dagegen habe sehr umsichtig gehandelt. Viele Passagiere allerdings sprachen von einem großen Durcheinander und klagten über unzureichende Sicherheitsausrüstung. Das bestreitet Costa. «Die Schiffsführung hat total versagt», sagte Passagier Herbert Rohwedder aus Schleswig-Holstein. «Es herrschte nur Chaos.»

Ein «menschlicher Fehler» ist bei der Havarie des Kreuzfahrtschiffes nach Auffassung des Chefs von Costa Crociere, Pierluigi Foschi, nicht zu bestreiten. Zwar werde die Kreuzfahrtgesellschaft dem Kapitän nach der Havarie juristische Unterstützung geben, sagte Foschi in Genua, wie die Nachrichtenagentur Ansa berichtete. «Das Unternehmen hat jedoch auch die Pflicht, seine 24.000 Beschäftigten zu schützen», fügte er an. Zuvor waren die Eigner des Kreuzfahrtschiffes auf Distanz zu ihrem Kapitän gegangen.

Die meisten Passagier sind wieder in Deutschland

Der Kapitän soll Medienberichten zufolge mehrfach von der Küstenwache aufgefordert worden sein, wieder an Bord zu gehen, um die Evakuierung des Schiffs zu koordinieren. Dies habe er jedoch nicht getan. Auch einen «SOS»-Ruf soll es zunächst nicht gegeben haben. Hunderte von Zeugenaussagen - Passagiere, Crewmitglieder und Retter - seien zum Hergang bereits aufgenommen worden, sagte Staatsanwalt Verusio. Mehr Details zum Hergang des Unglücks erhofft man sich von der Auswertung der Blackbox des Schiffs, die ähnlich wie in Flugzeugen die Kommunikation auf der Brücke und Steuerbefehle aufzeichnet.

Costa Kreuzfahrten erklärte, 566 Menschen aus ganz Deutschland seien an Bord gewesen. Die meisten sind wieder in Deutschland. Allen Opfern der Schiffshavarie wurde seitens des Kreuzfahrtunternehmens eine Entschädigung zugesichert. «Wir nehmen mit jedem einzelnen Gast Kontakt auf», sagte Jensen. Die Bergung des Wracks wird nach Einschätzung von Hans Hopman, Professor für Schiffsbau an der Technischen Universität Delft, möglicherweise Monate dauern.

Naturschützer befürchten Katastrophe

Italiens Umweltminister Corrado Clini sagte, zur Bewältigung des Unfalls werde der Notstand erklärt. Es gehe darum, die knapp 2400 Tonnen Treibstoff so schnell wie möglich aus den Tanks des Schiffes zu holen. Die Reederei Costa Crociere müsse bis Mittwoch einen Plan für das Abpumpen vorlegen und innerhalb von zehn Tagen angeben, wie sie das gekenterte Schiff abtransportieren wolle. Clini befürchtet erhebliche Umweltschäden, sollte der Treibstoff auslaufen, zumal das Wrack in die Tiefe abrutschen und auch ganz versinken könnte könnte.

Auch Naturschützer befürchten Schlimmes: «Bei einem Austritt stellt das Öl eine tödliche Gefahr für zehntausende Meerestiere dar, die in dem 1996 gegründeten Nationalpark Toskanischer Archipel leben», so der Meeresschutzexperte Kim Detloff vom Naturschutzbund Deutschland. Der Umweltschutzbund WWF warnte: «Die Unglücksstelle liegt mitten im Pelagos-Meeresschutzgebiet. Das ist das wichtigste Walschutzgebiet im Mittelmeer. Da sind acht Walarten zu Hause, von Delfinen bis Pottwale oder Finnwale», sagte der WWF-Experte Jochen Lamp.

Strengere Regeln für Sicherheit auf Schiffen

Auch der materielle Schaden ist gewaltig. Möglicherweise müssen die Versicherer einen Schaden von mehr als einer halben Milliarde Euro einkalkulieren. Die Summe von 500 Millionen Euro könne leicht überschritten werden, berichtete die Financial Times Deutschland unter Berufung auf Versicherungskreise.

Nach dem Schiffsunglück erwägt nun die EU-Kommission strengere Regeln für die Sicherheit auf Schiffen in der EU. Eine bereits laufende Überprüfung der Gesetzgebung für Passagierschiffe soll nun schneller abgeschlossen werden, sagte die Sprecherin von EU-Verkehrskommissar Siim Kallas in Brüssel.

roj/cvd/news.de/dapd/dpa

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Leserkommentare (3) Jetzt Artikel kommentieren
  • Lydia
  • Kommentar 3
  • 18.01.2012 07:53
Antwort auf Kommentar 1

Ich ueberquerte den Atlantik in den 60iger Jahren mit einem Cunard Line Steamship. Man kann die heutigen Schiff Crews und Offiziere von allen Herren Laendern, die auf den Kreuzfahrtschiffen angestellt sind, nicht mit den Offizieren und Crews von Laendern wie Great Britain, Deutschland oder den USA vergleichen. Obwohl der Captain der Titanic genau so verantwortungslos handelte wie der Italienische Captain, haette ich ein groesseres Sicherheitsgefuehl mit einer Britischen, Deutschen oder Amerikanischen Crew als mit einer international zusammengestellten Crew. Keine Kreuzfahrt fuer mich, danke.

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  • Paul Herchenbach
  • Kommentar 2
  • 17.01.2012 18:01
Antwort auf Kommentar 1

B R A V O !!!!!

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  • Odin
  • Kommentar 1
  • 17.01.2012 13:03

Bin selbst in der Seefahrt tätig. In Deutschland Kapitän zu werden ist ein sehr langer und schwieriger Weg. Danach ist man Top ausgebildet und sollte jede Gefahrensituation meistern. Habe aber viele ausländische Kapitäne kennengelernt - Italiener, Australier etc. die überhaupt keine Berechtigung haben solche großen Schiffe zu bewegen. Sie kommen von kleineren Yachten und haben sich ihre Patente irgendwo erschlichen. Über kurz oder lang wird man feststellen, dass der Kapitän der Concordia nur ein Patent für ein Ruderboot besitzt.

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