Polarforscher Fuchs Wenn Bücher als Klopapier dienen

Arved Fuchs (Foto)
Der Deutsche Arved Fuchs hat als erster Mensch binnen eines Jahres Nord- und Südpol erreicht. Bild: dpa

Von Marc Kalpidis
Tausende Kilometer ist Abenteurer Arved Fuchs durchs ewige Eis marschiert. Der Deutsche hat als erster Mensch binnen eines Jahres Nord- und Südpol erreicht. Im Interview beschreibt er den magischen Reiz der Polarwelt und die Vielseitigkeit von Buchseiten.

Herr Fuchs, was geht im Kopf eines Menschen vor, der bei minus 50 Grad Celsius inmitten einer polaren Eiswüste steht?

Fuchs: Wenn man unvorbereitet ist, können einen diese Dimensionen schon überwältigen. Das hinterlässt tiefen Eindruck auf die menschliche Seele.

Und wie bereiten Sie sich vor?

Fuchs: Der Umgang mit der Kälte ist in erster Linie ein mentales Problem. Ignorieren kann ich sie nicht, also muss ich sie als Eintrittskarte in diese faszinierende Welt akzeptieren. Wenn man nicht wie ein aufgeplustertes Michelin-Männchen durch die Landschaft geistert, sondern richtig gekleidet ist und seine Körpersignale zu deuten weiß, dann öffnet sich ein Fenster: Plötzlich tritt die Kälte zurück und das grandiose Naturerlebnis in den Vordergrund.

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Was macht für Sie die Magie dieser Polarwelt aus?

Fuchs: Es gibt Momente wie im Sommer, wenn die Sonne nicht untergeht und ihre Strahlen durch einen Eisberg wie ein Prisma gebrochen werden. Dann scheint das Licht ständig aus einem anderen Winkel: Erst glüht der Eisberg, dann sieht er blass, kalt und feindselig aus, am Ende reflektiert er weiche orangene Pastelltöne.

Hat sich der Südpol verändert, seit er 1911 erstmals durch Roald Amundsen erobert wurde?

Fuchs: Die antarktische Landschaft als solche kaum. Aber am Südpol steht heute eine gigantische Forschungsstation mit eigenem Flughafen. Dadurch ist der Pol nach Beliebigkeit erreichbar, was ihm seine charmante Einsamkeit nimmt. Es gibt auch Touristen, die sich an den 89. Breitengrad fliegen lassen und die letzten 60 Meilen laufen oder mit Autos über das Eis brettern. Zum Nordpol kann man von Murmansk in fünf Tagen mit dem Atomeisbrecher fahren und bekommt dort Champagner und eine Polarurkunde in die Hand gedrückt. Diese Leute haben überhaupt nicht begriffen, worum es geht. Der Pol als solcher ist völlig unbedeutend, der Weg dorthin das eigentliche Ziel.

Sie haben 1989 auf den Spuren von Amundsen und Robert F. Scott den Südpol erreicht - wer hatte seinerzeit die leichtere Route?

Fuchs: Scotts Route war zwar die längere, aber auch die einfachere. Amundsens Weg war etwa 100 Kilometer kürzer, zur damaligen Zeit aber völlig unbekannt und führte über schwieriger zu überwindende Gletscher. Das war schon sehr kühn.

Aus welchen Fehlern der beiden haben Sie gelernt haben?

Fuchs: Amundsen mag kein Sympath gewesen sein, aber er war ein Pragmatiker und exzellenter Planer. Ich kann bei ihm - außer im Hinblick auf Menschenführung - keine groben Fehler erkennen. Scott dagegen hat sehr viele Fehler gemacht und kam ja auch auf dem Rückweg ums Leben. Er ist sehr spät gestartet und hat auf Ponys gesetzt - obwohl er wusste, dass sie für diese Regionen ungeeignet sind. Weder das Fahren mit Hundeschlitten noch mit Skiern hat er so zur Perfektion getrieben wie Amundsen. Und auch die Ernährung seines Teams war nicht so ausgewogen wie die der Amundsen-Mannschaft.

Würden Sie sich eine solche Expedition auch mit der Ausrüstung eines Scott oder Amundsen zutrauen?

Fuchs: Ja, weil ich rekapitulieren kann, wie es sich angefühlt haben muss. Ich habe mit den Inuit gelebt, ihre Fellkleidung getragen und bin mit Hundeschlitten gefahren. Außerdem habe ich traditionelles Navigieren gelernt mit Sextanten und künstlichem Horizont. Insofern ist mir das alles nicht fremd und ich kann nicht nur Knöpfchen auf modernen Navigationsgeräten drücken.

Haben sich manche Ausrüstungsgegenstände während Ihrer Expeditionen schon mal als völlig nutzlos entpuppt?

Fuchs: Überflüssiges ist nie dabei. Man muss ja jedes Gramm mit Körperkraft bewegen, das limitiert Volumen und Menge der Ausrüstungsgegenstände. Wenn man ein Buch für stürmische Tage mitnimmt, ist jede Seite gleichzeitig auch als Toilettenpapier eingeplant.

Und was für Charakterzüge braucht man, um den Pol zu erreichen?

Fuchs: Man muss für seine Aufgabe brennen. Weil es eben nicht um eine Bergbesteigung binnen 48 Stunden geht, nach der man wieder regenerieren kann: Zum Pol ist man mehrere Monate unterwegs und muss jeden Tag aufs Neue aus dem Schlafsack klettern, um bei 40 Grad unter Null stundenlang einen schweren Schlitten zu ziehen.

Fühlen Sie sich nach der Rückkehr von Ihren Expeditionen mitunter fremd im komfortablen deutschen Alltagsleben?

Fuchs: Das ging mir früher so, ja. Nach monatelanger Einsamkeit kam ich zurück und hatte die Idealvorstellung, alles anders zu machen und mich von der Hektik des Alltags nicht mehr anstecken zu lassen. Und dann gerät man nach einer Woche doch wieder in den gleichen Trott. Heute beklage ich das nicht mehr, weil es einfach zwei unterschiedliche Lebensformen sind, die ihre eigenen Regeln und Reize haben.

Wie hat sich der gereifte Expeditionsleiter Arved Fuchs im Vergleich zu seinen ersten Jahren als junger Abenteurer verändert?

Fuchs: Früher trieb mich die sportliche Herausforderung, mich selbst zu bestätigen. Heute muss ich mir nichts mehr beweisen und setze mich mehr mit der Natur auseinander. Den menschgemachten Klimawandel zum Beispiel erkennt man nirgends so deutlich wie im arktischen Raum. Mit anzusehen, wie schnell und dramatisch sich die Natur dort verändert, hat mir die Unbefangenheit genommen.

jag/sua/news.de/dapd

Leserkommentare (2) Jetzt Artikel kommentieren
  • Ulrich Tweer
  • Kommentar 2
  • 02.03.2012 17:11
Antwort auf Kommentar 1

Mit Genuss habe ich den Beitrag von Herr Killing gelesen. Die Lobby der Wirtschaft hat ganze Arbeit geleistet. Politiker aller Coleur schaffen die Randbedingungen, künstlich Probleme hoch zu stilisieren. Zweifellos ist der den Globus umspannende Markt, heute von wirtschaftlichen Interessen durchsetzt. Ist es doch ein Topf mit "Millardenvolumen", der jedes Jahr, zwangsweise, von Bürgern durch erpresste Abgaben gefüllt wird. Da muß mit Nachdruck an Argumenten festgehalten werden, egal, wie fraglich sie auch sind. Fest steht, der Umweltfrevel muß ein Ende haben. Besinnung einkehren.

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  • Udo Killing
  • Kommentar 1
  • 13.12.2011 22:08

Das ist sehr einfach! In mehreren tausend Jahren hat sich das "Problem" von selbst erledigt.Dann wird die durch politische und wirtschaftliche Interessen erfundene Klimakatastrophe unserer Tage in unseren Regionen von der nächsten Eiszeit abgelöst.Sollten dann noch Menschen unseres Schlages leben,so wird von diesen garantiert die nächste "Klimakatastrophe" erfunden,nur eben auf die Temperatur bezogen mit negativem Vorzeichen.Für die politische und wirtschaftliche "Beweisführung" ist das dann nicht von besonderer Bedeutung.Trotzdem muß alles unternommen werden, unsere Erde sauberer zu machen!!!

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