520 Tage Isolation Einsame Männer, brodelndes Testosteron

Der Gemeinschaftsraum der Isolierten (Foto)
Der Gemeinschaftsraum der Isolierten Bild: Esa

Jan GrundmannVon news.de-Redakteur
Sechs Männer tun so, als flögen sie zum Mars. Sie leben 520 Tage im Mars-500-Container - ohne Fenster, Frauen und Alkohol. Nach der längsten Simulation der Raumfahrt kehren sie nun zurück in die Zivilisation, in der Eurokrise, Erotik und Croissants warten.

«Wenn ich draußen bin, werde ich erstmal was richtig leckeres essen, ein Croissant zum Beispiel», freut sich Romain Charles. Der 31-Jährige kommt, das lässt sein Essenswunsch unschwer erkennen, aus Frankreich. «Danach werde ich in einen Park gehen und die Sonne genießen», erzählt der Franzose.

Schließlich war der Ingenieur 520 Tage mit fünf anderen Männern aus China, Russland und Italien in der Containeranlage im Moskauer Institut für Biomedizinische Probleme (IBMP) isoliert. Fenster gab es keine. Sie simulieren seit dem 3. Juni 2010 einen Flug zum Mars und zurück. Nun sind sie wieder zurück in der Zivilisation - obwohl sie eigentlich nie weg waren. Am Freitagvormittag wurde das Siegel an der Eingangstür geöffnet, die sechs Männer traten recht blass zurück in die richtige Welt.

Raumfahrt
Auf geht's in den Marscontainer
Der Marscontainer (Foto) Zur Fotostrecke

30 Kameras zur Überwachung

Im Inneren des Containers, in dem die Männer es fast anderthalb Jahre aushielten, sieht es aus wie eine Mischung aus «finnischer Sauna und ausgebautem Dachstuhl der 70er Jahre». So beschreibt das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt das Container-Innenleben. Das Einzelzimmer ist schlanke drei Quadratmeter groß, hinzu kommen ein Gemeinschafts- und ein Sportraum. Sie durften nicht raus oder Besuch empfangen, sie haben keine Sonne gesehen, alles so, als seien sie irgendwo da draußen, tief im Universum.

520 Tage und Nächte verbrachten die sechs Männer gemeinsam im Moskauer Container. Doch wie gehen sie mit Lagerkoller, Testosteron und Frauenmangel um? 30 Kameras haben die menschlichen Versuchsobjekte in jedem Winkel der Containeranlage beobachtet. Das ist Big Brother ohne RTL2, weil Wissenschaftler im Kontrollzentrum saßen und notierten, wie sich der Zusammenhalt entwickelt. Auch Stoffwechsel, Immunsystem und Stress-Auswirkungen wurden beobachtet. Alles für den Fall, dass irgendwann mal eine echte Mars-Mission gestartet wird.

Frühere Experimente gingen schief

Denn lange Isolation kann dazu führen, dass Menschen übellaunig oder depressiv werden. Frühere Experimente zur Raumfahrer-Einsamkeit gingen schon mal schief: Da nahm der Kontaktwille ab, Teilnehmer igelten sich ein und hatten keine Lust auf das gemeinsame Essen. Im Jahr 2000 lief laut einem Medienbericht ein 240 Tage dauerndes Isolationsexperiment leicht aus dem Ruder, auch weil der Alkoholkonsum den Teilnehmern zusetzte. Damals sei die Dämmung der Räume ungenügend gewesen, jeder habe jeden Ton des anderen gehört.

Bei dieser Mission, schlicht «Mars 500» tituliert, gab es keinen Alkohol, aber trotzdem leichte Differenzen zwischen den Teilnehmern. Laut Europäischer Weltraumagentur (Esa) hat sich aber keiner von ihnen völlig isoliert. Auch spielte wohl der Ausbilck auf 70.000 Euro Aufwandsentschädigung für die 17 Monate eine positive Rolle.

Vorfreude auf: Frauen? Firefox!

Trotzdem: «Die 520 Tage sind eine ziemliche psychische Belastung», sagt Oliver Knickel. Der Deutsche weiß, wovon er spricht, hat er doch im Jahr 2009 bei einem Vorexperiment 105 Tage in der Versuchsanlage verbracht. «Der größte Feind ist die Monotonie.» Mitunter sei es schon ziehmlich an die Nerven gegangen, mit fünf anderen Menschen auf engstem Raum eingesperrt zu sein, daher praktisch keine Privatsphäre genießen zu können, berichtet der Soldat im news.de-Interview.

An Bord des Mars-Simulationscontainers war seit Juni 2010 auch der Italiener Diego Urbina. Er vermisst die Weiblichkeit: «Ja, eine Frau an Bord wäre sicher gut. Frauen haben oft einen positiven Einfluss auf gruppendynamische Prozesse. Man vermisst das, ganz ehrlich», sagt der 27-jährige Ingenieur. Nach dem Wiedereintritt in die Zivilisation freut er sich jedoch nicht etwa auf eine grelle Feier mit Fusel und Frauen, sondern aufs Internet: «Wenn ich draußen bin, werde ich erstmal ausgiebig surfen.»

iwi/news.de/dpa

Leserkommentare (0) Jetzt Artikel kommentieren
Kommentar schreiben  Netiquettelink | AGB
noch 600 Zeichen übrig