Calli exklusiv «Essen und Fußball bedeuten Emotion pur»

Ihre großen Leidenschaften sind Fußball und Essen. Was ist für Sie die schönere Nebensache?

Calmund: Fußball. Wenn man mich ansieht, könnte man meinen, dass das jetzt geflunkert ist. Ist es aber nicht. Fußball ist die Nummer eins. Beide Hobbys sind Emotion pur, beide gehen tief unter die Haut. Beim Fußball sieht man das eben nicht so. Es gibt's vielleicht ein paar Augenringe, vom Stress. Dagegen hilft eine Sonnenbrille. Aber beim Essen, da gibt's die Hüftringe. Die bleiben. Und lassen sich nur ganz schwer verbergen.

Wenn Sie von Erinnerungen sprechen: Gibt es da eine besondere Erinnerung an gutes Essen?

Calmund: In der Kindheit hat der liebe Gott mir eine zweispurige Straße in den Genuss gelegt. Zuerst kam der Umweg über das Kinderkurheim, in das ich als absoluter Hungerhaken musste. Ich sollte zunehmen, was nicht klappte, weil das Essen da ungenießbar war.

 

In Eine Kalorie kommt selten allein erfährt der Leser, dass Reiner Callmund nicht immer dick war. Als kleines Kind, kurz nach dem Krieg, musste er sechs Wochen lang in ein Heim, wo der Hungerhaken Calmund aufgepäppelt werden sollte. Danach, schreibt er, habe er immer Angst gehabt, dass sich dieses Hungergefühl, dieser Appetit wieder einstellt. Es gab in der Zeit nur Grießbrei, Haferschleim, klobige Kartoffelpampe, Milchreis und Gerste.

 

Das ist keine wirklich schöne Erinnerung...

Calmund: Nein. Aber meine Mutter begann zu dieser Zeit, in einer Bäckerei zu arbeiten. Ganz früh morgens hat sie geputzt, dann Brötchen verkauft und nachmittags den Madämchen den Kuchen serviert. Und abends brachte sie den Bonus mit. In Form von Gebäck. Das war zu meiner Zeit als junger Kerl was ganz Besonderes. Damals wurde ich auch wählerisch. Da hieß es schon mal: ‹Bring mir bloß keine Mohnteilchen mehr mit.› Stattdessen bekam ich dann Nussecken, Käsekuchen, Apfelkuchen oder Amerikaner.

Lecker...

Calmund: Ja! Und der zweite Weg führte dann über das Wirtschaftswunder. Die Braunkohle war der große Wirtschaftsfaktor damals. Wir brauchten Arbeitskräfte. Und so zogen die ersten ‹Gastarbeiter› in die Einliegerwohnung unseres neuen Hauses in Frechen an der Danziger Straße. Die kamen damals noch nicht aus Italien oder der Türkei, sondern aus Bayern. Zu uns zog die Familie Dittrich und die brachten jede Menge Rezepte mir. Richtig deftige Küche aus Bayern. Lecker! Aber damals wurde ich nicht dicker, trotz aller Schlemmereien. Weil ich alle Kalorien verbrannt habe, ich war den ganzen Tag unterwegs. Fußball, Fußball, Fußball. Und jeder Weg wurde zu Fuß absolviert. Die Kalorien hatten keine Chance.

Und was kam dann?

Calmund: Alles war wunderbar. Bis zu meinem 19. Lebensjahr. Da erlitt ich eine Sportverletzung. Einen Knochenabriss, heute ein Klacks, damals ein Drama. Meine Karriere war beendet, bevor sie begonnen hatte. Ich machte die Lehre, studierte, wurde Trainer, hatte Besprechungen und Arbeitsessen ohne Ende. Und weil plötzlich die Bewegung fehlte, hatten die Kalorien leichtes Spiel. Und die kamen ja nicht einzeln, die kamen in der Großfamilie. So schnell, wie die angeschossen kamen, konnte ich gar nicht in Deckung gehen. Tja, und mit ihnen waren dann auch die Kilos da.

 

Reiner Calmund wird erst Trainer, macht eine Ausbildung zum Kaufmann im Außenhandel, wird dann Betriebswirt. Mit 28 Jahren kommt er zu Bayer Leverkusen, erst als Jugendbetreuer und Stadionsprecher, dann wechselt er in den Vorstand, wird Manager für die Profiabteilung und übernimmt 1999 die Stelle als Geschäftsführer des Vereins. Er ist immer unterwegs. In Eine Kalorie kommt selten allein beschreibt er, wie sich Geschäftsessen aneinander reihen, wie er die besten Restaurants der Städte findet...

 

Sie beschreiben in Ihrem Buch, wie Sie durch den Stress immer mehr zunehmen...

Calmund: Es ist wirklich so. Ich nehme erst im Urlaub ab. Also da, wo die meisten Menschen zunehmen. Ich habe keinen Stress, bin total entspannt. Es muss mich auch keiner in den Pool werfen – da gehe ich ganz freiwillig rein, ich bewege mich viel im Urlaub. Asien spielt für mich eine große Rolle. Ich mag auch die Berge, die Nordsee und die Ostsee. Aber: Es gibt so viel gutes Essen. Stellen Sie sich vor, ich würde nach Österreich, Bayern oder in die Schweiz fahren. Ich als Kugelblitz auf der Piste, abends rein in die gute Stube und dann kommt die Attacke: Ich rieche die Leberknödel, die guten Suppen. Den ofenfrischen Jungschweinebraten an der Kruste, danach die Mehlspeise. Und soll ich dann stattdessen Salat essen? Nee, in Thailand bin ich besser aufgehoben. Da ist es schön warm, die Hungerhaken schlagen mir lachend auf den Bauch und denken, da sitzt der Bruder vom Buddha. Morgen und abends schwimmen, Gemüse aus dem Wok, Fisch, mageres Fleisch, zur Krönung Obst – alles frisch, wie aus dem Paradies. Danach vielleicht noch eine Kugel Kokosnuss-Eis zur Abrundung – das schmeckt! Da nehme ich in kurzer Zeit zehn Kilo ab, ohne gezielt daran zu arbeiten.

Wenn Sie neben diesen Hungerhaken, wie Sie sie nennen, stehen: Bekommen Sie da keine Komplexe? Immerhin gilt schlank auch gleichzeitig als attraktiv.

Calmund: Ach nein, ich kenne viele dieser Adonisse. Die Haare nach hinten gegelt, Sonnenbrille auf. Stellen Sie sich vor: Die gehen mit einer Frau essen. Dann fragen sie noch ‹Was willst Du essen?›, danach kommt: ‹Wie findest Du das Wetter?› und das war es dann. Dann fällt denen nichts mehr ein. Ich übertreibe natürlich, aber der Unterhaltungswert, der geht schon Richtung Null. Wenn man jünger ist, dann guckt man vielleicht noch auf die Äußerlichkeiten. Aber mit den Jahren zählt der Unterhaltungswert mehr. Und dann komme ich mit meinem Leben und kann von Gott und der Welt erzählen. Außerdem bin ich – wie meine Frau sagt – Kuschelweltmeister im Schwergewicht. Ich habe ganz andere Werte. Und die kommen auch ganz gut an.

Ist diese entspannte Einstellung zum eigenen Gewicht eine Entwicklung? Oder war das schon immer so?

Calmund: Ich kann das ja nicht ändern. Wenn die Leute mich fragen ‹Wie stehen Sie zu ihrem Gewicht› - dann kann ich das nicht weg leugnen. Es ist ja da. Und jeder kann es sehen. Ich stehe dazu. Natürlich gibt es Situationen, in denen man gerne ein paar Kilos weniger auf den Rippen hätte. Aber insgesamt ist alles gut, so wie es ist.

Titel: Eine Kalorie kommt selten allein
Autorin: Reiner Calmund
Verlag: Mosaik
Seiten: 224
Preis: 16,99 Euro
Veröffentlichungstermin: bereits erschienen

jag/news.de

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