Kapitalismus-Kritik «Wo ist meine Zukunft?»

99 Prozent (Foto)
99 Prozent gegen das eine Prozent: Im Internet beschreiben Menschen von ihrem Leben als «99 Prozent». Bild: dpa

Von news.de-Redakteurin Ulrike Bertus
Auf der Internetseite We are the 99 Percent schildern US-Amerikaner ihr Leben in der Krise. Die Geschichten zeigen: Es geht in der Finanzkrise nicht mehr nur um abstrakte Zahlen und nicht fassbare Summen. Es geht um Menschen - und deren Überleben.

Die junge Frau ist 28 Jahre alt. Sie trägt auf dem Foto eine helle Mütze und einen dunklen Strickpullover. Im Hintergrund sind Pflanzen zu sehen, ein bewachsener Holzzaun. «Ich bin Kellnerin, Gärtnerin, Studentin und Barkeeper», steht auf einem weißen Blatt Papier, auf das sie mit Großbuchstaben geschrieben hat, warum sie zu den 99 Prozent der Menschen gehört, die unter der Krise in den USA leiden.

We are the 99 Percent heißt die Seite, auf der Amerikaner zeigen und schreiben, wie sie unter der finanziellen Krise des Landes leiden. So wie die 28-Jährige, die nicht krankenversichert ist. Nach dem Tod ihrer Mutter, zieht sie ihren kleinen Bruder allein auf. Das Haus, was sie geerbt hat, kostet nur Geld, lässt sich aber nicht verkaufen. Kaum jemand kauft zurzeit in den USA ein Haus. Eine Umfrage hat ergeben: 19 Prozent der Amerikaner haben kaum noch genug Geld, um sich Essen zu kaufen. Die 28-Jährige schliesst ab mit den Worten: «Ich gehöre zu den 99 Prozent. Wo ist meine Zukunft?»

Deutscher Protest
«Zwingt die Banken in die Schranken»

99 ist die Zahl, die während der Proteste der «Occupy»-Bewegung immer wieder auftaucht. Am Wochenende auch in Deutschland, weltweit. In Rom brannten Autos. 99 Prozent - das sind die Menschen, die unter den Entscheidungen des einen Prozents leiden. Das eine Prozent: Banker und Politiker. Sie ziehen den Hass der Mehrheit auf sich. «Es wird Zeit, dass die 99 Prozent wütend werden» schreibt eine Frau auf We are the 99 Percent.

Sie leben den «amerikanischen Albtraum»

Es sind beunruhigende Schicksale, die auf der Seite zu lesen sind. Sie alle haben eine Gemeinsamkeit: Die Menschen besitzen kein Geld mehr, meist unverschuldet sind sie in finanzielle Nöte geraten. So wie eine 34 Jahre alte Frau, die sich auf der Webseite mit einem kleinen Mädchen im Arm zeigt. Das Kind legt den Kopf auf die Schulter der Frau und sieht direkt in die Kamera: «Ich war nicht arm, aber ich konnte die astronomischen Rechnungen der Ärzte nicht bezahlen.» Jahrelang habe sie an einer Krankheit gelitten, kein Mediziner wollte ihr helfen: «Weil ich keine Krankenversicherung habe», schreibt die Frau. Mehr als 50 Millionen Menschen in den USA haben keine Krankenversicherung, 46 Millionen Amerikaner leben unterhalb der Armutsgrenze.

«Occupy Wall Street»
Aufruhr in Amerika

Viele der Menschen beschreiben auf der Internetseite, wie sie zu Schulden gekommen sind. Der häufigste Grund neben der fehlenden Krankenversicherung: die hohen Kosten für die Ausbildung. Zwischen 40.000 und 90.000 Dollar liegen die Kosten - die meisten haben dafür einen Kredit aufgenommen. Denn: ohne gute Bildung, kein guter Job und keine gute Bezahlung. Doch nach der Krise 2008 gab es keine gutbezahlten Jobs - es gab nur die Schulden.

«Wir leben keinen amerikanischen Traum» schreibt eine junge Frau auf der Seite: «Wir leben den amerikanischen Albtraum.»

kru/news.de

Leserkommentare (8) Jetzt Artikel kommentieren
  • RAGNAROEKR
  • Kommentar 8
  • 18.10.2011 10:21
Antwort auf Kommentar 6

Danke für den Hinweis. Also ist die Griechenlandrettung deshalb knastfrei, weil kein Vertrag geschlossen werden musste. Oder die Lissabonverträge je nach dem, wer einen Vorteil daraus hat, knastfrei oder mit Knast zu bestrafen. Überlegen, dann schwätzen. Nun zur Kunst des Vertragsschlusses: Wenn Leistung- und Gegenleistung ein hochwertiges Austauschverhältnis zustande bringen, spricht man von einem Vertrag. Und die Verteufelung des Vertrags durch die Linken kommt daher, dass sie noch nicht eine einzige Geschäftsverbindung abschließen konnten, die hochwertig Interessen bündelt.

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  • Andreas
  • Kommentar 7
  • 17.10.2011 17:28

Es ist wirklich interessant: Ich kenne noch die Zeiten, in denen es in Leipzig hieß: Stasi in die Produktion! Und jetzt betrachte ich ein Foto, auf dem es heißt: Banker in die Produktion!

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  • Joe
  • Kommentar 6
  • 17.10.2011 14:09

dort wird eine Politikerin in den Knast gesteckt, weil sie Verträge abgeschlossen hat.Die für das Land und seines Volkes zum Nachteil sind.Sollte in Deutschland auch eingeführt werden und nicht noch mit ner fetten Appanage belohnt werden.

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