Slutwalk in Leipzig Schlampe - und stolz darauf

Slutwalk in Hamburg (Foto)
Schlampe - das bedeutet beim Slutwalk: Ich bestimme selbst über meinen Körper. Bild: dapd

Von news.de-Redakteur Michael Kraft, Leipzig
Freizügig, umtriebig, aufreizend: Wer als Frau so leben möchte, darf das - ohne deshalb gleich zum Freiwild für Männer zu werden. Bei Slutwalks tragen Männer und Frauen diesen Gedanken in die Welt. Der Aufstand der Schlampen kämpft gegen Rollenklischees und sexuelle Gewalt.

Hautenge, knallrote Jeans. Knappes schwarzes Top. Weste mit Leopardenmuster. Und ein Mützchen, das kokett ein bisschen schief über den roten Locken sitzt. So sieht eine Schlampe aus, würde man wohl sagen, wenn man für die Kostüme in einer Daily Soap zuständig wäre. Das Erstaunliche: Der Mensch, der in diesem Outfit steckt, ist stolz darauf, Schlampe zu sein. Und er ist ein Mann. «Es ist noch nie passiert, dass mich jemand Schlampe genannt hat. Ich bin also nicht persönlich betroffen. Aber ich möchte einstehen für die Leute, die davon betroffen sind», sagt der Mann mit der Leopardenweste, der gerne «Ginger» genannt werden möchte. «Jeder soll sich kleiden, wie er will. Jeder soll leben und lieben, wie er will – deshalb bin ich heute hier.»

Slutwalks
Frauen demonstrieren gegen sexuelle Gewalt

Hier bedeutet: beim Slutwalk in Leipzig. Rund 400 Teilnehmer sind zum Aufmarsch der Schlampen gekommen. Es gibt grell geschminkte Gesichter, Miniröcke und Netzstrümpfe – jeweils bei Männern und Frauen. «Ich mag Sex, aber ich hasse Sexismus«, «Liebe, wen Du willst» oder «Nein heißt Nein» steht auf den Transparenten. Es geht um sexuelle Selbstbestimmung, gegen Diskriminierung, sexuelle Gewalt und vor allem gegen das Vorurteil, vergewaltigte Frauen seien selbst schuld, wenn sie sich aufreizend kleiden.

Dieser Vorwurf stand am Anfang der Slutwalk-Bewegung. «Frauen sollten sich nicht wie ‹Schlampen› anziehen, wenn sie nicht Opfer sexueller Gewalt werden wollen», hatte ein kanadischer Polizist bei einem Vortrag geraten. Am 3. April gingen deshalb 3000 Teilnehmer beim ersten Slutwalk der Welt in Toronto auf die Straße. Längst ist die Bewegung auch in Europa angekommen. In London, Paris, Amsterdam oder Stockholm gab es schon Slutwalks. Am 13. August fand die erste deutsche Auflage in Berlin statt.

In Leipzig trifft der Slutwalk auf dem Weg durch die Innenstadt bei den Passanten eher auf Sympathie und Amüsement denn auf Empörung oder Feindseligkeit. Es wird getanzt, eine fast komplett in pink gekleidete Samba-Truppe spielt ihre eigene Version des MC-Hammer-Hits U Can't Touch This, aus den Lautsprechern des einzigen Begleitfahrzeugs erklingen Lieder von Madonna und Hole.

Neben Elementen der viel beschworenen neuen Protestkultur (mehr als 350 Mal «Gefällt mir» bei Facebook, Live-Berichterstattung bei Twitter) lassen sich dabei auch die gute alte deutsche Bürokratie und Verkopftheit beobachten. Zu Beginn des Protestzugs werden die Auflagen des Ordnungsamts verlesen, dann hält jemand eine Rede, die eher einer Zusammenfassung aktueller Gender-Studien gleicht als einem Aufruf zum gesellschaftlichen Wandel. Trotzdem entsteht ein fröhlicher Mix aus Flashmob und Love Parade, Facebook-Party und Christopher Street Day, Aktivisten und Sympathisanten. Neben den ausgefallenen Outfits gibt es deshalb auch genug Teilnehmer in Jeans und Turnschuhen. Für allzu viel nackte Haut ist es an diesem sonnigen Oktobertag in Leipzig ohnehin zu kalt.

Schlampenmarsch
Frauenprotest gegen Vorurteile

Dass ein großer Teil der Demonstranten bloß als Voyeur dabei ist, glaubt man bei den Organisatoren des Slutwalks nicht. «Es wird sicherlich die Standard-Gaffer geben, die aus dem Fenster gucken. Aber solange niemand belästigt wird, ist das kein Problem. Wir haben ja Lust, uns zu zeigen. Und wir zeigen uns ganz bewusst so», sagt Die Wölfin, eine der Initiatorinnen des Leipziger Slutwalks. «Schlampe ist ein Begriff, der von außen kommt, den wir uns aber angeeignet haben. Er bedeutet für mich, dass man seine Sexualität selbst steuert und selbst darüber bestimmen kann», sagt sie. In ihren Augen ist es kein Problem, wenn man Schlampe ist und gleichzeitig verheiratet, Bond-Girl oder Bundeskanzlerin. «Das ist bloß eine Frage der Definition. Wir wollen zeigen: Von sexueller Gewalt sind letztlich alle Menschen betroffen.»

Auch Ginger, der über einen Flyer an der Uni vom Slutwalk erfahren und dann über Facebook weitere Freunde eingeladen hat, sieht im Begriff der Schlampe ein Symbol für Diskriminierung und Unterdrückung in ganz vielen Facetten. Er hofft, dass sich der Begriff nach und nach wandeln wird – ebenso wie das Bewusstsein der Menschen. «Man braucht solche aggressiven Wörter, um die Leute zu provozieren und sie auf ein Problem aufmerksam zu machen. Vor ein paar Jahren war ‹schwul› auch noch ein Schimpfwort. Das hat sich geändert. Vielleicht kann es mit ‹Schlampe› genauso sein.»

cvd/news.de

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