Kolumbien Sex-Streik für eine neue Straße

110 Tage lief nichts in den Schlafzimmern. Um den Bau einer neuer Straße voranzutreiben, griffen die Frauen in der kolumbianischen Gemeinde Barbacoas zu einem ungewöhnlichen Mittel: Sie traten in einen Sex-Streik. Mit Erfolg. Die ersten Baumaschinen rücken an.

Getrennt unter der Bettdecke: 110 Tage streikten Kolumbianerinnen im eigenen Schlafzimmer.  (Foto)
Getrennt unter der Bettdecke: 110 Tage streikten Kolumbianerinnen im eigenen Schlafzimmer. Bild: dpa

Erst wollten es die Bewohnerinnen von Barbacoas gar nicht glauben. Acht Kilometer vom Ortsrand entfernt rückten am Dienstag die Baumaschinen in den feuchtheißen Urwald vor, um eine Straße zu erneuern. Für die wichtige Anbindung hatten die Frauen in der Gemeinde, die knapp 200 Kilometer nördlich des Äquators liegt, hart gekämpft. Genauer gesagt, hart nichts getan. Sie griffen zum Mittel des Sex-Streiks, um die Behörden wachzurütteln und auf die marode Infrastruktur aufmerksam zu machen. 110 Nächte lang lief in vielen Schlafzimmern von Barbacoas nichts.

Die Instandsetzung der Verbindungsstraße in die gut 200 Kilometer entfernte Departmenthauptstadt Pasto im Südwesten des Landes lag seit 18 Jahren auf Eis. Ihr Zustand ist so katastrophal, dass die Fahrt dorthin bis zu 20 Stunden dauert. Kranke starben, weil sie nicht rechtzeitig ins Krankenhaus in Pasto kamen. Die Lebensmittel verteuerten sich auf dem Weg nach Barbacoas bis auf das Zehnfache.

Keusche Promis: Wir haben keinen Sex!

Doch nun gab Gouverneur Antonio Navarro Wolff den Startschuss. Nur wenige Dorfbewohner waren dabei, unter ihnen die Richterin und Streikführerin Marabyl Silva (46). Auf der Rückfahrt blieb ihr Bus in einem der enormen Schlaglöcher stecken. «Wir mussten mal wieder zu Fuß hüfttief durch den Matsch marschieren. Wir kamen erst am nächsten Morgen an», erzählt Silva.

Selbst die Männer wollen jetzt Sex-Streiken

Statt Freudenschreien schlug den Frauen bei ihrer Ankunft Skepsis entgegen. «Die Männer fragten uns, wieso wir denn den Streik beenden wollten, und forderten uns auf, weiter zu machen bis die Straße wirklich fertig sei», sagt Silva. Die Männer fuhren am Mittwoch zur Baustelle, um sich zu vergewissern. Am Abend tönten dann in Barbacoas die Trommeln und die Marimbas, die Xylophone der Karibik.

Die Frauenbewegung hat den Streik vorerst beendet, nimmt sich aber vor, den Bau zu überwachen. Schon fünfmal zuvor ist Geld zur Asphaltierung bereitgestellt worden, das dann spurlos in Korruption versickerte. Außerdem reichen die 40 Milliarden Pesos (etwa 15 Millionen Euro) des jetzigen Etats nur für 25 der insgesamt 57 kritischen Kilometer. In den 18 Monaten dieser ersten Bauetappe müssen die noch fehlenden 60 Milliarden Pesos aufgebracht werden. Falls es nicht dazu kommt, drohen jetzt auch die Männer in Barbacoas, in den Sex-Streik zu treten.

Alles hatte an einem Abend begonnen, als Silva mit einigen Kollegen vom lokalen Familiengericht ein Glas Wein trank und ein paar chontaduros, aphrodisiakische Palmenfrüchte, probierte. Einer der Richter sagte plötzlich, es müsse doch was mit der Landstraße nach Pasto unternommen werden. Und dazu sei das beste, wenn sie, die Richterin, einen Sex-Streik beginne. Silva monierte, sie werde doch nicht ihr einziges Vergnügen aufgeben. Doch dann nahm sie die Herausforderung an. Erst waren es 30 Mütter dann 100, 300 und heute fast 600 Frauen - und auch einige Männer -, die der Bewegung angehören.

Es gibt noch viel zu tun für die neue Protestform

Die Frauenbewegung hat schon die nächsten Ziele festgelegt: die Stadt braucht ein besseres Krankenhaus und Leitungswasser. Bis heute wird noch Regenwasser im Haushalt verwendet. Wenn es einmal nicht regnet, nehmen die Leute das Wasser vom Fluss. Dieser sei aber stark verseucht, klagt die Richterin. «Wir müssen aus diesen Lebensbedingungen des 18. Jahrhunderts rauskommen», findet sie.

«Es war nötig, eine friedliche Protestform zu finden, anders als alles, was man in Kolumbien erlebt. Wir mussten wie geflügelte Engel sein, die niemanden berühren und von niemanden berührt werden können», sagt die Richterin. Sie ist überzeugt, dass es nicht ausreicht, die Rechte des Einzelnen in den Gesetzen festzuschreiben. Manchmal müsse man einfach Fakten schaffen. Marybel Silva erinnert an Lysistrata, die Heldin der gleichnamigen Komödie von Aristophanes, die die Frauen von Athen dazu brachte, mit der Sex-Verweigerung ihre Männer vom Krieg abzubringen.

«Die Afrokolumbianer sind als sehr heißblütig bekannt. Dass ihnen die Frauen den Sex verweigern, erschien ihnen undenkbar, fast wie eine Beleidigung», sagt Silva. Aber nach einiger Zeit hätten sie begonnen, die Bewegung zu respektieren und zu unterstützen - vor allem als sie das Echo in den nationalen und internationalen Medien sahen.

Wenn die Straße einmal fertig ist, wird sich viel ändern für die Einwohner von Barbacoas, das auf seiner Internetseite mit dem Slogan «Land der hübschen Menschen» wirbt. Auch für das Sexualleben von Marybel Silva, wie sie lachend eingesteht: Ihr Mann lebt in Pasto, am anderen Ende der Strecke. «Wenn sie die Straße ausbessern, dann wird natürlich auch für mich der Sex leichter», sagt sie.

san/iwi/news.de/dpa

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